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Analyse der
Nationalratswahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Zeitpunkt
3. Wechselwähler
4. Beweggründe
5. Wahlverhalten
6. Traditionelle Determinanten
7. Massenmedien
8. Parteiensystem
9. Literaturverweise
10. Die Autoren

ZAP

7. Massenmedien und Wahlentscheidung


Wahlkämpfe sind auch in Österreich längst zu Medien- und Fernsehwahlkämpfen geworden. Massenmediale Inszenierung, kameragerechtes "impression management" bei Fernsehdiskussionen, mediengerechte Botschaften und die Dramaturgie eines auf Spannung und Zuspitzung orientierten Journalismus bestimmen Ende der 90er Jahre die Realität des politischen Wettbewerbs. Konsequenz ist unter anderem die voranschreitende Personalisierung und die Bedeutung der Spitzenkandidaten für die Entscheidungsfindung der Wählerinnen und Wähler.

34 % der Befragten konnten als Kandidaten-orientierte Wähler klassifiziert werden. Diese Persönlichkeitswähler entschieden sich zu 34 % für die SPÖ, zu 31 % für die FPÖ. 17 % der Kandidaten-orientierten Wähler votierten für die ÖVP und 12 % für die Grünen. Anders das Muster der Traditionswähler, das heißt der Interessen- bzw. Milieu-gebundenen Wählerschaft, die 55 % der gesamten Wählerschaft ausmachten. Von den Traditionswählern entschieden sich 37 % für die SPÖ und 33 % für die ÖVP. Die FPÖ wurde nur von 23 % der Traditionswähler, die Grünen nur von 4 % gewählt.

16 % der Befragten konnten auf Basis ihrer eigenen Angaben als "TV-beeinflußte" Wähler klassifiziert werden. Es handelt sich dabei um Wähler, die angeben, daß Aussagen der Spitzenkandidaten im Fernsehen und Radio ihre Wahlentscheidung stark beeinflußt habe. Jeweils 29 % dieser "TV-beeinflußten" Wähler votierten für SPÖ bzw. FPÖ, für die ÖVP entschieden sich 23 %.

Insgesamt 16 % der Befragten gaben auch zu Protokoll, daß die TV-Konfrontationen zwischen den Spitzenpolitikern auch ihre persönliche Wahlentscheidung einen starken bzw. nennenswerten Einfluß gehabt hätten. Von diesen "confrontainment-voters" entschieden sich 31 % für die SPÖ, 28 % für die FPÖ und 22 % für die ÖVP.

Tab.: Wahlverhalten nach Wähler- und Wählerinnentypen

In Prozent haben am 3. Oktober 1999 gewählt

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

Persönlichkeitswähler

(kandidatenorientierte Wähler = 34 % der Wählerschaft)

34

17

31

12

5

Traditionswähler

(interessen- bzw. milieugebundene Wählerschaft = 55 % der Wählerschaft)

37

33

23

4

3

TV-beeinflußte Wähler

(Wähler, die angeben, daß Aussagen der Spitzenkandidaten im Fernsehen und Radio ihre Wahlentscheidung stark beeinflußt haben = 16 % der Wählerschaft)

29

23

29

9

6

Confrontainment-Voters

(Wähler, die angeben, daß TV-Konfrontationen zwischen Spitzenpolitikern ihre Wahlentscheidung stark beeinflußt haben = 16 % der Wählerschaft)

31

22

28

9

6

Quelle: FESSEL-GfK, Exit Poll (1999).

Vor allem Wechselwähler bzw. Wähler, die sich erst in der Schlußphase für die Partei ihrer Wahl festlegten ("late deciders") berichteten überdurchschnittlich von einem starken Einfluß der massenmedialen Politikvermittlung auf ihre persönliche Entscheidungsfindung. Jeweils 23 % der Wechselwähler gaben an, daß Aussagen der Spitzenkandidaten in Fernsehen und Radio bzw. die TV-Diskussionen zwischen den Spitzenpolitikern ihre persönliche Wahlentscheidung stark beeinflußt habe. Aber auch Kommentare und Analysen in den Printmedien, wie Gespräche im Familien- bzw. Bekanntenkreis haben für jeden fünften Wechselwähler und für einen noch höheren Anteil unter den "Spätentscheidern" einen starken Einfluß ausgeübt.

Immerhin 5 % der befragten Wechselwähler sahen sich auch durch in den Medien veröffentlichte Meinungsforschungsergebnisse stark in ihrer Wahlentscheidung beeinflußt. Berücksichtigt man den in der Kommunikationsforschung bekannten "third person effect", nach dem man dritte Personen für ungleich beeinflußbarer hält als sich selbst und Befragte im allgemeinen dazu tendieren, die Wirkung der Medien auf ihr eigenes Verhalten eher hinunterzuspielen, erscheint dieser Prozentwert als durchaus bemerkenswert.

Bemerkenswert ist auch der subjektiv geringe Stellenwert werblicher Kommunikationsmittel auf die persönliche Wahlentscheidung. Aber auch hier gilt der "third person effect", wie insgesamt aus den berichteten Daten keine Schätzungen über Medieneffekte auf den tatsächlichen Wahlausgang abzuleiten sind. Dieser Nachweis bleibt ungleich aufwendigeren Forschungsdesigns vorbehalten. Trotzdem bestätigen die vorliegenden Datenbilder den außergewöhnlichen Stellenwert der massenmedialen Politikvermittlung. Sie verweisen aber auch gleichzeitig auf die vielfach unterschätzte Bedeutung der persönlichen Kommunikation und Diskussion im engeren sozialen Umfeld.

Tab.: Impact der Massenmedien und Wahlentscheidung 1999

In Prozent geben an, daß diese Medien ihre Wahlentscheidung stark beeinflußt haben

Wählerschaft

Stammwähler

Wechselwähler

Aussagen der Spitzenkandidaten in Fernsehen und Radio

16

13

23

Fernsehdiskussionen zwischen Spitzenpolitikern

16

12

23

Gespräche im Familien- bzw. Bekanntenkreis

16

14

20

Gespräche mit Parteimitarbeitern

10

10

10

Kommentare und Analysen in Zeitungen und Zeitschriften

10

7

20

Veröffentlichte Meinungsforschungsergebnisse

4

3

5

Wahlkampfveranstaltungen

4

4

4

Wahlwerbesendungen in Fernsehen und Radio

3

3

5

Plakate der wahlwerbenden Parteien

3

3

5

Inserate in Tageszeitungen und Zeitschriften

3

2

4

Quelle: FESSEL-GfK, Exit Poll (1999).


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