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Analyse der
Nationalratswahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Zeitpunkt
3. Wechselwähler
4. Beweggründe
5. Wahlverhalten
6. Traditionelle Determinanten
7. Massenmedien
8. Parteiensystem
9. Literaturverweise
10. Die Autoren

ZAP

8. Transformation des Parteiensystems


Die Nationalratswahl 1999 stellt eine einschneidende Zäsur in der Geschichte des österreichischen Parteiensystems dar. Die historische Figur eines von zwei dominanten, in festgefügte soziale Milieus eingebettete Parteien in einem stabilen Gleichgewicht gehaltenen Parteiensystems ist definitiv zur Zeitgeschichte geworden. Was sich bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 1996 erstmals herauskristallisierte – ein Wettbewerb zwischen drei annähernd gleich starken Parteien – bestimmt seit dem 3. Oktober auch die Realität österreichischer Parlamentswahlen. Langfristige Veränderungen in der Tiefenstruktur des Parteienwettbewerbs, die bei der Nationalratswahl 1995 nur scheinbar zum Stillstand kamen, haben unter der Oberfläche fortgewirkt und zu einer für österreichische Verhältnisse beispiellosen Transformation beigetragen. Zu Eckpunkten dieser Transformation zählen insbesondere

  • die dramatischen Verluste der Sozialdemokratischen Partei, die bei der Nationalratswahl 1999 ihren historischen Tiefststand erreichte,

  • die wahlpolitische Patt-Stellung zwischen FPÖ und ÖVP, bei der erst nach Auszählen der Wahlkartenstimmen Klarheit bestehen wird, wer nun tatsächlich auf dem zweiten oder ganz knapp auf den dritten Platz verwiesen wurde,

  • die spektakuläre Neuorientierung im Wahlverhalten der österreichischen Arbeiterschaft, nach der nunmehr die FPÖ zur dominanten Arbeiterpartei geworden ist,

  • die folgenreiche Neuorientierung des Wahlverhaltens der jüngeren Wählergenerationen, zu Lasten der beiden Traditionsparteien SPÖ und ÖVP,

  • die tiefreichende Veränderung der Konfliktstrukturen im österreichischen Parteiensystem, die wiederum vor allem die beiden Traditionsparteien SPÖ und ÖVP in die Defensive zu drängen droht,

  • der für österreichische Verhältnisse deutliche Rückgang der Wahlbeteiligung und der darin enthaltene Anstieg der Wahlenthaltung aus Protest,

  • die fluktuierenden Stimmungslagen eines zunehmend von redaktionellen Nachrichtenwerten und Auflagenkalkülen gesteuerten öffentlichen Meinungsbildes,

  • schließlich die Probleme der Regierbarkeit und des Bemühens um eine handlungsfähige Regierungsmehrheit.

Die Nationalratswahl 1999 war unverkennbar ein Votum für Veränderung, wie Ausdruck tiefreichender gesellschaftlicher Veränderungen. Auf diese eine verantwortungsvolle Antwort zu geben wird in den kommenden Wochen genauso wichtig sein wie den unbestimmten Wunsch der Wählerinnen und Wähler nach politischen Veränderungen im Land richtig und maßvoll zu deuten.


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