Das Handbuch des Lebens
Arthur Schopenhauer über das Lesen
"Wenn wir lesen, denkt ein andere für uns: Wir wiederholen
bloß seinen mentalen Prozess. Es ist damit, wie wenn beim
Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift
geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen
die Arbeit des Denkens uns zum größten Teile abgenommen.
Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der
Beschäftigung mit unsern eigenen Gedanken zum Lesen
übergehen. Aber während des Lesens ist unser Kopf doch
eigentlich nur der Tummelplatz fremder Gedanken. Wenn nun diese endlich
abziehen, was bleibt? Daher kommt es, dass, wer sehr viel und fast den
ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe
erholt, die Fähigkeit verliert, selbst zu denken, allmählich
verliert - wie einer, der immer reitet, zuletzt das Gehen verlernt.
Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: Sie haben sich dumm
gelesen. Denn beständiges, in jedem freien Augenblicke sogleich
wieder aufgenommenes Lesen ist noch geisteslähmender als
beständige Handarbeit, da man bei dieser doch den eigenen Gedanken
nachhängen kann. Aber wie eine Springfeder durch den anhaltenden
Druck eines fremden Körpers ihre Elastizität endlich
einbüßt, so der Geist die seine durch fortwährendes
Aufdringen fremder Gedanken. Und wie man durch zu viele Nahrung den
Magen verdirbt und dadurch dem ganzen Leibe schadet; so kann man auch
durch zu viele Geistesnahrung den Geist überfüllen und
ersticken. Denn je mehr man liest, desto weniger Spuren lässt das
Gelesene im Geiste zurück: Er wird wie eine Tafel, auf der vieles
übereinander geschrieben ist. Daher kommt es nicht zur Rumination
(Anm: reifliche Überlegung): Aber durch diese allein eignet man
sich das Gelesene an, wie die Speisen nicht durch das Essen, sondern
durch die Verdauung uns ernähren. Liest man hingegen immerfort,
ohne späterhin weiter daran zu denken; so fasst es nicht Wurzel
und geht meistens verloren. Überhaupt aber geht es mit der
geistigen Nahrung nicht anders als mit der leiblichen: Kaum der
fünfzigste Teil von dem, was man zu sich nimmt, wird assimiliert
(Anm: angleichen, aufnehmen): Das übrige geht durch Evaporation
(Anm: Ausdünstung), Respiration (Anm: Atmung) oder sonst ab (Anm:
Transpiration auch, aber egal...). Zu diesem allen kommt, dass zu
Papier gebrachte Gedanken überhaupt nichts weiter sind als die
Spur eines Fußgängers im Sande: man sieht wohl den Weg,
welchen er genommen hat; aber um zu wissen, was er auf dem Wege
gesehen, muss man seine eigenen Augen gebrauchen."