Historische und
namenkundliche Hintergründe zum Kärntner Ortstafelkonflikt
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H.D. Pohl 19.4.2011 (aktualisiert 29.5.2012)
Anfang Februar (2011) fanden in Klagenfurt die ersten
Verhandlungen mit Staatssekretär Josef Ostermayer und Landeshauptmann Gerhard
Dörfler zur Ortstafelfrage statt. Kurz davor ist eine informative und
übersichtliche Broschüre „10 Jahre Ortstafelerkenntnis. Die zweisprachigen
Aufschriften in Kärnten/Koroška – eine Information“ (siehe hier und
http://www.ortstafel.info/) erschienen, die auch im Buchhandel erhältlich
ist und mehrere Lösungsansätze aufzeigt und die verschiedene Lösungsansätze vergleicht,
ausgehend vom Ortstafelgesetz 1972 (mit 205 Ortschaften) bis zum
Gusenbauer-Papier 2007 (mit 163 Ortschaften). Daneben gibt es auch Vorschläge,
in denen von 102, 141 oder 158 Ortschaften die Rede ist. Insgesamt nennt diese
Broschüre 273 Orte; diese Anzahl ist aber eine theoretische, die sich nur bei
einer stringenten Auslegung des Ortstafelerkenntnisses des
Verfassungsgerichtshofes ergeben könnte,
die aber nicht als Verhandlungsgrundlage gedacht ist. Daher führte das
Bekanntwerden dieser Broschüre zunächst zu Irritationen.
Auf Grund der
Ortstafel-Einigung zwischen Landeshauptmann Dörfler
und Staatssekretär Ostermayer von
27.4.2011 gibt es nunmehr 164 zweisprachige Ortstafeln; am 6. Juli 2011 wurde
vom Österreichischen Nationalrat das Volksgruppengesetz entsprechend geändert,
wodurch es zur Aufstellung der insgesamt 164 zweisprachigen Ortstafeln im
gemischtsprachigen Gebiet Kärntens gekommen ist. Diese sind bereits in meinem Ortsverzeichnis
zu finden bzw. auf einen Blick hier.
Das gemeinsame Kärntner Namengut widerspiegelt die
gemeinsame Geschichte beider Sprachgemeinschaften in einem Land, in dem es von
Anbeginn deutsche und slowenische Namen bzw. Namen deutscher bzw.
slawischer/slowenischer Herkunft gegeben hat (ähnlich war es ja auch in der
ehemaligen Untersteiermark). Die ersten Kärntner im engeren Sinn des Wortes
benannten beispielsweise (slowenisch) Gorje
/ (deutsch) Göriach nach seiner Lage ‘die auf dem Berg wohnen’ und Bistrica / Feistritz
nach einem reißenden Bach. Slowenische Namensformen wie Pliberk (=
Bleiburg) oder Bekštanj (= Finkenstein) sind aus dem Deutschen bezogen.
Die Ortsnamen gewähren somit Einblick in die Siedlungsgeschichte, einmal waren
bei der Namengebung Deutsche, ein anderes Mal Slowenen aktiv, die Namen gingen
von Mund zu Mund, d.h. von einer Sprache zu anderen, und oft wurden Objekte
unabhängig voneinander verschieden benannt wie z.B. deutsch Hart ‘Sumpfwald’ ~ slowenisch Breg ‘Ufer, Böschung’ oder übersetzt,
z.B. deutsch Aich = slowenisch Dob (‘Eiche’). Auch in seit
Jahrhunderten rein deutschsprachigen Gebieten finden wir solche Namenpaare:
sowohl in der Gemeinde Großkirchheim
als auch in der Gemeinde Bad Kleinkirchheim
ist in den Ortsteilen Zirknitz bzw. Zirkitzen das slowenische Wort für
‘Kirche’ (cerkev) enthalten. Manchmal
ist die slowenische Übersetzung früher überliefert als die heutige Form wie
z.B. 993 Podinauuiz (das wäre heute Spodnja vas) für heutiges Niederdorf (Bezirk St. Veit a.d. Glan).
Erst im Zuge der Begründung eines
slowenischen Schrifttums sind viele slowenische Ortsnamen verschriftsprachlicht
worden, wobei es oft auch Missgriffe gegeben hat, wie z.B. beim Ortsnamen Krnski grad ‘Karnburg’, dessen
volkstümliche (mundartliche) slowenische Form Karempurg lautet; richtig wäre slowenisch Koroški Grad (so bei Urban Jarnik) wie auch die dem urkundlichen Chaerenburg zugrundeliegende
althochdeutsche *Charantapurch ‘Kärntenburg’,
lateinisch civitas Charantana (9./10.
Jhdt.). Verfehlt ist auch Podsinja vas
für ‘Hundsdorf’, richtig ist Psinja vas
oder ves. Doch viele slowenische
Namen sind schon vor dem nationalen Zeitalter belegbar, so finden wir bei
Gutsmann 1789 Namen wie Svinc
‘Eberstein’ (Svinec), Bilak ‘Villach’ (Beljak) oder Blikouc
‘Völkermarkt’ (Velikovec) und bei
mehr als 95 % aller slowenischen Namensformen hat es nie Probleme gegeben – und
wenn, waren sie ähnlich denen, die es im Deutschen auch gibt. So gleicht das vas-ves-Problem
(Schriftsprache-Mundart, das Wort bedeutet ‘Dorf’) dem von -bruck (wie Innsbruck) bzw. -brücke
(wie Möllbrücke) im Deutschen. Mag es
auch verständlich sein, Ortsnamen im historischen slowenischen Siedlungsgebiet
mit einer hochsprachlichen Etikette versehen zu wollen, sind künstliche
Slowenisierungen freilich abzulehnen (z.B. Sovodnje
‘Gmünd’ neben Gmint). Doch es
gibt auch künstliche Germanisierungen von Namen slowenischer Herkunft, so
ersetzte man beispielsweise den Bergnamen Gerloutz,
Harlouz (slowenisch Grlovec) um 1910. durch die Bezeichnung Ferlacher Horn; oder der Koziak / Kozjak bekam einen zweiten Namen, Geißberg; auch Frauenkogel
(statt Baba) bzw. Hochobir (statt älterem Oisterz, slowenisch Ojstrc) sind Neuschöpfungen. Oft koexistierten zwei Namen, sodass
scheinbare Verdeutschungen und Slowenisierungen vorliegen wie Villacher Alpe neben Dobratsch (im Slowenischen Dobrač neben Beljaščica = ‘Alm von Beljak/Villach’) oder Deutscher Berg (übersetzt aus slowenisch Nemška
gora, das auf einem missverstandenen Meniška gora ‘Mönchsberg’ beruht, da die Klöster Sittich/Stična und
Viktring dort Besitzungen hatten) neben Vertatscha
/ Vrtača; eine scheinbare
Slowenisierung ist z.B. Slovenji Šmihel ‘St. Michael ob der Gurk’, früher
Windisch St. Michael (im Gegensatz
zu Deutsch St. Michael, heute St. Michael am Zollfeld; in Ortsnamen
mit deutsch Windisch steht im älteren
Slowenischen immer Slovenji, bei
späteren Benennungen Slovenski).
Trotz allem, im großen Stil (à la
Tolomei in Südtirol) hat es in Kärnten (und Österreich) nie – weder bei den Deutschen
noch bei den Slowenen – Umbenennungen gegeben. Sicher scheint es oft nicht nur
der Klang eines Namens gewesen zu sein, der eine Umbenennung wünschenswert
erscheinen ließ, vielleicht war es beim Keutschacher
See (statt Plaschischensee) so,
beim Turnersee (statt Sablatnigsee – so der alte Name,
slowenisch Zablaško oder Zablatniško jezero) wohl nicht, hier haben sich die „Turner“ verewigt. Diese
Namensänderung (am Sablatnigmoor ist sie vorbeigegangen) ergab
sich dadurch, dass im Jahre 1932 die Wolfsberger Turner (ein Turnverein) die
Liegenschaft um den damaligen Sablatnigsee erworben haben und diesen dann in
„Turnersee“ umbenannten. Wohl kann sich unter einem Vellacher Hochtal der
Tourist mehr vorstellen als unter der Bezeichnung Vellacher Kotschna (slowenisch
Belska Kočna) – doch dies ist willkürlich, hier könnte die
Namenforschung eingreifen, indem sie darauf hinweist, dass mit Kotschna / Kočna ein bestimmtes (rotbraunes) Gestein bezeichnet wird und
diese letztlich aus dem Romanischen ins Slowenische gelangte Bezeichnung v.a.
in den Karawanken und Steiner Alpen verbreitet ist. Solche Kunstnamen sind
absolut kein Kulturgut (was m.E. auch für einen Großteil der Südtiroler
amtlichen italienischen Bezeichnungen gilt).
Auf Grund des Artikels 7 (Absatz 3) des Staatsvertrages sind
zweisprachige „Bezeichnungen und Aufschriften topographischer Natur“ in den
Gebieten Kärntens mit slowenischer und/oder gemischter Bevölkerung vorgesehen.
Daher werden seit 1977 in acht Gemeinden auf Grund des „Volksgruppengesetzes“
zweisprachige Ortstafeln angebracht – hauptsächlich auf Grund der Straßenverkehrsordnung,
d.h. es sind zweisprachige Ortstafeln vorgeschrieben, sonstige zweisprachige
Aufschriften sind zwar auch üblich, aber nicht zwingend (daher nicht allzu
häufig). Allerdings gibt der Staatsvertrag keine Prozentzahlen an, seine
Vorgaben sind vage. International sind
Prozentzahlen von 5 % bis 30 % minderheitssprachiger Einwohner zu beobachten;
daher sah der Verfassungsgerichtshof die 25 % des Volksgruppengesetzes von 1977
für die Minderheit als zu hoch an und hat einen deutlich niedrigeren
Prozentsatz von 10 % vorgeschlagen.
In
gemischtsprachigen Gebieten hat jedes geographische Objekt zwei Namen, wie sie
in der jeweiligen Sprache eben üblich sind. Auch auf das Bundesland Kärnten
(slowenisch Koroška) und seine Landeshauptstadt Klagenfurt (Celovec)
trifft dies zu. Klagenfurt ist mit 93.949 Einwohnern (Stand:
1. Jänner 2010) die größte Stadt Kärntens und sechstgrößte Österreichs.
Der Name der Stadt wird 1192/99 erstmals urkundlich als Markt erwähnt und sie
war bis zur Schenkung der Stadt durch Maximilian I. an die Kärntner Landstände
im Jahr 1518 relativ unbedeutend (Stadtrecht seit 1252). Diese Schenkung und
die darauf folgende protestantische Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts
bedeuteten für die Stadt einen Aufschwung; aus dieser Zeit stammt auch der
Erstbeleg der slowenischen
Namensform Celovec, die urkundlich 1615 als V Zelovzi (‘in Klagenfurt’, Lokativ)
bezeugt ist. Sie wurde dann zur Hauptstadt Kärntens und aus dieser
Zeit stammen zahlreiche noch heute bedeutende Bauwerke wie das Landhaus und der
Dom.
Heute liegt Klagenfurt im deutschsprachigen Gebiet Kärntens,
grenzt aber im Süden und Osten an Gemeinden mit einem noch heute bestehenden
slowenischsprachigen Bevölkerungsanteil. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts
verlief die deutsch-slowenische Sprachgrenze im Raum Klagenfurt nördlich der
Stadt: Moosburg – Nußberg – Galling – St. Donat – St. Sebastian – St. Gregorn,
wobei die genannten Ortschaften noch im deutschsprachigen Gebiet lagen wie auch
das eigentliche Klagenfurter Stadtgebiet). Kirchlich gesehen waren „Windische
Grenzpfarren“ Moosburg (südlicher
Teil), Tultschnig, Karnburg (südwestlicher Teil), Maria Saal (ohne den Wallfahrtsort
selbst), Ottmanach, St. Filippen. Daher darf es nicht
verwundern, dass bis auf drei Ortschaften im heutigen Klagenfurter Stadtgebiet
alle auch einen slowenischen Namen haben. Solches klar und deutlich darzulegen
ist eine der zentralen Aufgaben der Namenforschung, ohne sich dabei in
politische Interessen verwickeln zu lassen. Die Onomastik kann die Politik nur
beraten, etwa in der Weise, dass sie die korrekten Schreibungen auf Grund der
Überlieferungsgeschichte und/oder ortsüblichen Lautung für die Namen der
Minderheit vorschlägt, nicht aber hinsichtlich politischer Entscheidungen wie
die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln, um deren Anzahl in Kärnten immer
wieder bzw. noch immer gestritten wird, oder den Geltungsbereich von Gesetzen,
die den Gebrauch der Sprache(n) der Minderheit(en) (z.B. Aufschriften,
Schulwesen u.dgl.) regeln. In der Diskussion geht allerdings die Frage der
Zweisprachigkeit der Haus-, Hof-, Flur- und Bergnamen vielfach unter; diese ist
aber aus namenkundlicher Sicht die Grundlage der historisch gewachsenen Kärntner
Namenlandschaft, zu deren Erhaltung die UNESCO dieses Namengut als
„immaterielles Kulturerbe“ unter Schutz gestellt hat.