Zum Kärntner Namenkonflikt
© H.D. Pohl (letzte Bearbeitung
7.7.2011)
Hier erhalten Sie Informationen über die Hintergründe aus
Sicht der Namenforschung.
Auf Grund der Ortstafel-Einigung
zwischen LH Dörfler und
Staatssekretär Ostermayer von
27.4.2011 wird es 164 zweisprachige Ortstafeln geben; am 6. Juli 2011 wurde vom Nationalrat das
Volksgruppengesetz entsprechend geändert, womit es zur baldigen Aufstellung der
insgesamt 164 zweisprachigen Ortstafeln im gemischtsprachigen Gebiet Kärntens
kommt.
Diese sind bereits in meinem Ortsverzeichnis zu finden bzw. auf
einen Blick hier.
Sprachwissenschaftliche Details
(zur Namenkunde, zur Zweisprachigkeit usw.)
siehe http://members.chello.at/heinz.pohl/Namen.htm
Ortsverzeichnis
siehe http://members.chello.at/heinz.pohl/Ortsverzeichnis.htm
slowenische Ortsbezeichnungen auf Grund der Liste
der Kärntner Landesarchivs 1972, der Verordnung der Bundesregierung vom 14.
Juni 1977 (BGBl. 69/1977) gemäß „Volksgruppengesetz 1976“ (BGBl. 396/1976) und
„Topographieverordnung-Kärnten“ v 17. Juli 2006 (BGBl. 263/2006) und der
Broschüre „10 Jahre Ortstafelerkenntnis“ (Klagenfurt 2011, im Internet unter http://www.ortstafel.info/). In diesem
Verzeichnis sind auch alle auf Grund der Ortstafeleinigung vom 26. April 2011
vorgesehen 164 Ortschaften enthalten (markiert mit dem Zeichen ¨)
Zu Auffassungsunterschieden
bezüglich Namensformen (mit Ortsverzeichnis)
siehe http://members.chello.at/heinz.pohl/Auffassungsunterschiede.htm
Ein Nachruf auf die
"Konsenskonferenz" siehe Nachruf
Siehe auch die Beiträge Toponyme in gemischtsprachigen
Gebieten u. Ortsnamen als
Kulturgut
(sowie http://www.uni-klu.ac.at/groups/spw/oenf/Kaernten_Namen_als_Kulturgut.htm,
Text eines Vortrages anlässlich
einer Buchpräsentation)
(Weitere Artikel mit
vielen historischen und sprachwissenschaftlichen Informationen siehe Erbe;
zu den „Windischen“ siehe hier
und Volksabstimmung,
zum Sprachkontakt)
Einige weitere Bücher zum Thema:
Kärnten Dokumentation.
Die Ortstafelfrage aus Expertensicht. Eine kritische Beleuchtung. Amt
der Kärntner Landesregierung, Abt. 1 — Landesamtsdirektion / Volksgruppenbüro,
Red. Mag. Peter KARPF, Thomas KASSL. Klagenfurt, Verlag Land Kärnten
2006.
ISBN 3-901258-08-6
(Darin mein Beitrag: Das
Kärntner Ortstafelproblem aus sprachwissenschaftlicher Sicht, S. 133-148,
im Internet unter http://www.volksgruppenbuero.at/images/uploads/sonderdoku02_sc.pdf
abrufbar)
Nicole Eller / Stefan Hackl / Marek L’upták
(Hrsg.): Namen und ihr Konfliktpotential im europäischen Kontext Regensburger
Symposium, 11. bis 13. April 2007. Regensburg, Edition Vulpes 2008, 338 Seiten,
mit zahlreichen Karten, Tabellen und Abbildungen
(http://www.edition-vulpes.de/)
ISBN 978-3-939112-03-7
(Darin mein Beitrag: Der
Kärntner Ortstafelkonflikt zwischen Sprachwissenschaft und Politik, S.
77-92)
Zuletzt erschienen:
Gerhard Hafner / Martin Pandel (Hrsg.)
Volksgruppenfragen
/ Vprašanja manjšin
Kooperation statt Konfrontation / Kooperacija namesto konfrontacije
Das Problem von nationalen Minderheiten ist nicht nur ein rechtliches, sondern
hat mehrere Dimensionen und kann deshalb nicht allein mit rechtlichen Mitteln
gelöst werden. Ein friedliches Miteinander unterschiedliche Ethnien erfordert
folglich ein gegenseitiges Verstehen mehrerer Aspekte, einschließlich sozialer,
politischer und kultureller. Dieses Buch versucht die Aspekte der
Minderheitenproblematik insbesondere in Kärnten darzustellen mit Beiträgen von
österreichischen und slowenischen Europarepräsentanten, Staatspolitikern,
Politologen sowie Rechts-und Geschichtswissenschaftlern. Der Band ist ein
Sammelwerk mit Beiträgen von der Veranstaltungsserie „Kooperation statt
Konfrontation“ im Bildungsheim Sodalitas in Tainach/Tinje.
346 Seiten, Broschur, Format 15,5 x
22,5 cm, Klagenfurt/Celovec-Ljubljana/Laibach-Wien/Dunaj, Mohorjeva / Hermagoras
2011
(http://www.mohorjeva.at/shop/details/volksgruppenfragen/)
ISBN:
978-3-7086-0605-7
Udo MANNer: Der Verrat an der
sichtbaren Zweisprachigkeit in Kärnten. Klagenfurt/Celovec (usw.), Verlag
Hermagoras / Mohorjeva 2010, 231
(Studia Carinthiaca, Band XXIX)
(http://www.mohorjeva.at/shop/details/der_verrat_an_der_sichtbaren_zweisprachigkeit_in_kaernten/)
(Die Existenz der slowenischen Volksgruppe in
Kärnten und ihre Probleme sind mit dem Ortstafelsturm 1972 und den
Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofes in der Ortstafelfrage in das
politische Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung gerückt. Das Buch geht
der Frage nach, warum die sichtbare Zweisprachigkeit in Kärnten solche Probleme
bereitet)
ISBN
978-3-7086-0447-3
letzte Bearbeitung 7.7.2011
Ein Konflikt, der
nie einer hätte sein müssen …
(zu den historischen
Grundlagen)
Dieser Beitrag
ist die aktualisierte Überarbeitung meines in der Zeitschrift der Kärntner Landsmannschaft
„KulturLandMenschen. Beiträge zu Volkskunde, Geschichte, Gesellschaft und
Naturkunde“, Heft 5-6 / 2010, S. 6-7,
erschienenen Artikels Ein Konflikt, der eigentlich keiner sein müsste … Geänderte Passagen in blauer Schrift.
Der Kärntner Ortstafelkonflikt ist nunmehr
Geschichte. Zwar ist der jetzt erreichte Kompromiss weder aus staatsrechtlicher
noch aus namenkundlicher Sicht in allen Punkten befriedigend – aber das haben
Kompromisse so an sich. Dieser liegt mit 164 zweisprachigen Ortstafeln in der
Mitte zwischen dem Volksgruppengesetz von 1976 mit 91 Ortstafeln und dem
Ortstafelgesetz von 1972 mit 205 Ortstafeln. Ferner gab es auch einen maximalen
Ansatz mit 273 Orten, welche Anzahl aber eine mehr theoretische war, die sich
nur bei einer stringenten Auslegung des Ortstafelerkenntnisses des Verfassungsgerichtshofes
hätte ergeben können und die eher als
Diskussionsbeitrag zu den Verhandlungen gedacht war. Jedenfalls bewirkt die
Einigung, dass unser gemeinsames und heute noch immer lebendige Namengut
sichtbar gemacht wurde.
Die Diskussion über den Ortstafelkonflikt
wird immer wieder mit der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 in Verbindung
gebracht, als man in Kärnten über ein
gemeinsames Zusammenleben zweier Sprachgemeinschaften oder über die Trennung nach nationalen Gesichtspunkten abstimmte.
Doch ein großer Teil derer (rund 40 %), die bei der Volkszählung 1910
Slowenisch als Umgangssprache angegeben hatten, sprach sich für eine gemeinsame
Heimat (slowenisch: skupna domovina)
aus – also: ohne slowenische Stimmen gäbe es kein ungeteiltes Kärnten! So
gesehen war der 10. Oktober 1920 ein bemerkenswertes Datum – an den
historischen Fakten sowie an den sprachlichen und kulturhistorischen Gegebenheiten
hat er zunächst nichts geändert: in Kärnten gab es immer schon, bereits vor
seiner Errichtung als Herzogtum im Jahre 976, beide Sprachen. Das
Alpenslawische oder „Karantanische“ (Vorläufer der modernen slowenischen
Sprache) war sogar früher da als das Althochdeutsche, auf dem die modernen
(südbairischen) Kärntner Mundarten beruhen. Früher nannte man im Deutschen die
slowenische Sprache „windisch“, diese Bezeichnung (heute obsolet) ist sowohl in
den Beschreibungen der Herzogseinsetzung beim Fürstenstein in Karnburg bezeugt
als auch im „Windischen Herzogtum“ des 16. Jhdts., wie sich Kärnten im
Zeitalter der Reformation selbstbewusst nannte. Der slowenische Bezug zur
Herzogseinsetzung ist heute noch im Ortsnamen Blasendorf, dem Wohnsitz des „Herzogbauern“, erkennbar, der bei
dieser Zeremonie eine bedeutende Rolle spielte, enthält doch dieser Name ein
altes slowenisches Wort für „Richter, Verwalter oder Edling“ – Hinweis auf die
Verschränkung beider Sprachen in Kärnten seit Anbeginn und Erklärung dafür,
welch starke emotionale Bindung der Fürstenstein für das Slowenentum hat – bis
hin zu seiner Verwendung auf der slowenischen Zwei-Euro-Cent-Münze.
Kärnten war immer schon zweisprachig, allerdings ist der
Personenkreis der zweisprachigen Einwohner im Laufe der Zeit kontinuierlich,
seit rund 100 Jahren sprunghaft kleiner geworden. Schon vor 400 Jahren stellte
im Zeitalter des Humanismus M.G. Christalnick fest: „es haben sich die die
windischen Khärndter mit den deutschen Khärndtern also gewaltiglich vereinigt,
das aus ihnen beyden einerley volck ist worden“. Dieses „einerlei Volk“
hörte in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. auf zu existieren und man könnte in
Anlehnung an Genesis 3,7 (nachdem Adam und Eva vom Baum die verbotene Frucht
gegessen hatten: „dann wurde ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden
gewahr, dass sie nackt waren“) feststellen: im 19. Jhdt. wurde den
neuzeitlichen Karantanen plötzlich klar, dass sie zwei Sprachen sprechen, womit
auch in Kärnten der sprachorientierte Nationalismus mit allen seinen
unangenehmen Begleiterscheinungen Einzug hielt und schließlich den Rahmen zum
(deutschen) „Kärntner Abwehrkampf“ bzw. zum (slowenischen) „Kampf um die
Nordgrenze“ lieferte. Eine Spätfolge davon ist in abgeschwächter Form der
„Kärntner Ortstafelkonflikt“.
Davor gab es eine gemeinsame Geschichte, die sich u.a.
auch in einem gemeinsamen Namengut widerspiegelt, wo es von Anbeginn deutsche
und slowenische Namen bzw. Namen deutscher bzw. slawischer/slowenischer
Herkunft gab. Die ersten Kärntner im engeren Sinn des Wortes benannten
beispielsweise (slowenisch) Gorje / (deutsch) Göriach nach seiner Lage ‘die auf dem Berg wohnen’ (zu slowenisch gora
‘Berg’) und Bistrica / Feistritz nach einem reißenden Bach (zu
slowenisch bister ‘schnell fließend,
munter usw.’). Slowenische Namensformen wie Pliberk (= Bleiburg,
urkundlich 1228 Pliburch) oder Bekštanj
(= Finkenstein) sind aus dem Deutschen bezogen. Die Ortsnamen gewähren somit
Einblick in die Siedlungsgeschichte, einmal waren bei der Namengebung Deutsche,
ein anderes Mal Slowenen aktiv, die Namen gingen von Mund zu Mund, d.h. von
einer Sprache zu anderen, und oft wurden Objekte unabhängig voneinander
verschieden benannt wie z.B. deutsch Hart
‘Sumpfwald’ ~ slowenisch Breg ‘Ufer,
Böschung’ bzw. Neuhaus (Hinweis auf
eine neu errichtete Burganlage, heute Schloss) ~ Suha ‘Dürrenbach’ oder übersetzt, z.B. deutsch Aich = slowenisch Dob (‘Eiche’).
Auch in seit Jahrhunderten rein deutschsprachigen Gebieten finden wir solche
Namenpaare: sowohl in der Gemeinde Großkirchheim
als auch in der Gemeinde Bad Kleinkirchheim
ist in den Ortsteilen Zirknitz bzw. Zirkitzen das slowenische Wort für
‘Kirche’ (cerkev) enthalten. Manchmal
ist die slowenische Übersetzung früher überliefert als die heutige Form wie
z.B. 993 Podinauuiz (das wäre heute Spodnja vas) für heutiges Niederdorf (Bezirk St. Veit a.d. Glan).
Wir verfügen also mit den deutschen und den
slowenischen Namen über ein altes und auch gemeinsames Erbe — sie sind Teil unserer
gemeinsamen Geschichte. Sie zu vergessen
würde einen schweren Verlust bedeuten, beide Namensformen, die deutsche und die
slowenische, sind eng miteinander verbunden und ihre Geschichte ist unteilbar.
In gemischtsprachigen Gebieten hat jedes geographische Objekt zwei Namen, wie
sie in der jeweiligen Sprache eben üblich sind. Auch auf das Bundesland Kärnten
(slowenisch Koroška) und seine Landeshauptstadt Klagenfurt (Celovec)
trifft dies zu. Dies klar und deutlich darzulegen sollte eine der zentralen Aufgaben
der Namenforschung sein, ohne sich dabei in politische Interessen verwickeln zu
lassen. Die Onomastik kann die Politik nur beraten, etwa in der Weise, dass sie
die korrekten Schreibungen auf Grund der Überlieferungsgeschichte und/oder
ortsüblichen Lautung für die Namen der Minderheit vorschlägt, nicht aber
hinsichtlich politischer Entscheidungen wie die Aufstellung zweisprachiger
Ortstafeln, um deren Anzahl in Kärnten noch immer gestritten wird, oder den
Geltungsbereich von Gesetzen, die den Gebrauch der Sprache(n) der
Minderheit(en) (z.B. Aufschriften, Schulwesen u.dgl.) regeln.
Warum spielen also zweisprachige Ortstafeln in der
Diskussion eine solch große Rolle? Weil sie einen hohen emotionalen und
symbolischen Wert haben und zweisprachige Ortstafeln davon zeugen, dass es hier
zwei Sprachgemeinschaften gibt, die beide Teil dieses Landes sind und zu
seiner Eigenart beitragen. Das Namengut Kärntens reflektiert – wie oben gezeigt
– ein Jahrhunderte langes gemeinsames Zusammenleben, das beide Sprachgemeinschaften
verbindet, denn die slowenische Minderheit ist hier seit eh und je heimisch.
Somit erzeugen zweisprachige Ortstafeln, Aufschriften, Schulunterricht usw. für
diese das Gefühl in ihrer Heimat, in
der gemeinsamen Heimat mit der Mehrheitsbevölkerung zu leben, ohne deshalb
„fremd in der Heimat zu sein“, ein Gefühl, dass unweigerlich entsteht, wenn die
Muttersprache in der Öffentlichkeit nicht sichtbar ist. Dies ist ein ganz
wesentlicher, emotionaler Punkt, der in der alltäglichen Auseinandersetzung viel
zu wenig beachtet wird. Hier geht es also absolut nicht um territoriale
Ansprüche, wie dies immer wieder herbeigeredet wird, sondern die Namen sind
ein wichtiges Symbol der deutsch-slowenischen Symbiose in Kärnten, denn in
gemischtsprachigen Gebieten hat jedes Objekt zwei Namen – je einen in beiden
Sprachen. Daher hätte das
Kulturgut Ortsname niemals zur Beschaffung von politischem Kleingeld verwendet
werden dürfen und es war höchste Zeit, dass jetzt eine Lösung in Form eines
Kompromisses erreicht wurde. Somit könnte unserem gemeinsamen Namenschatz in
der österreichischen Bildungspolitik auch mehr Beachtung geschenkt werden,
gehört es doch zu dem, was man „immaterielles Kulturerbe“ bezeichnet.
¨ ¨ ¨ ¨
Die Vorgaben der so genannten „Konsenskonferenz“ (s. Nachruf) sind bekanntlich gescheitert. Der darin enthaltene
Kompromiss zur Ortstafelfrage war ja — dies ist mir auch als
juristischer Laie klar — mit seinen
141 oder 142 Tafeln zwar sehr bescheiden, aber es wären
immerhin um fast 100 Prozent mehr als jene gewesen, die jetzt stehen und
um rund 60 Prozent mehr als jene, die lt. Volksgruppengesetz 1976 schon längst
(seit rund 30 Jahren) hätten stehen sollen. Leider steht im Staatsvertrag
nichts Genaues darüber, wie viele und in welchem Ausmaß Ortstafeln aufzustellen
sind, denn der entsprechende Artikel ist zu allgemein gefasst. So gesehen
ist die am 27. April 2011 erreichte Übereinkunft ein gangbarer Kompromiss
(s.o.). Welche Ortschaften betroffen sind und welche auf Grund der Broschüre „10 Jahre Ortstafelerkenntnis“ (s.o.) darüber hinaus in Frage
kommen, siehe in meinem Ortsverzeichnis (http://members.chello.at/heinz.pohl/Ortsverzeichnis.htm).
Aktuell zum
"Konsens" auf Grund der Vorgaben der Konsenskonferenz von Ende Juni
2006 (Leserbrief in "Die Presse" 4.7.2006)
unter dem Titel Ortstafelproblem ist auch Bildungsproblem (zu „Quergeschrieben“, von Doris Knecht,
1. Juli 2006):
So einfach ist es
nicht. Was mich persönlich betrifft: als Linguist und berufsmäßig mit
Namenkunde befasster Bürger sehe auch ich 142 Tafeln als relativ wenig. Es sind
aber immerhin um 100 Prozent mehr als jene, die jetzt stehen und um rund 60
Prozent mehr als jene, die lt. Volksgruppengesetz 1976 schon längst stehen
sollten. In Verbindung mit der Öffnungsklausel kann man aber dennoch zufrieden
sein. Wie viele und in welchem Ausmaß Ortstafeln aufzustellen sind —
darüber steht im Staatsvertrag nichts Genaues, der entsprechende Artikel ist zu
allgemein gefasst.
Ich sehe das
Ortstafelproblem auch als Bildungsproblem, es wird in der Schule nicht
vermittelt, welch reiches slowenisches Erbe im südlichen und südöstlichen
Bundesgebiet in unseren Orts-, Berg- und Familiennamen sowie in den Mundarten
enthalten ist und dass die Kärntner Slowenen und deren Vorfahren, die
Karantanen, ein nicht ablösbarer Teil der österreichischen Geschichte sind!
Gastkommentar in der Wiener Zeitung 31. Jänner
2005:
Kulturgut
im Kärntner Kuriositätenkabinett
Jede Diskussion über den Ortstafelkonflikt landet
irgendwann beim Tag der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920, als man in
Kärnten über ein gemeinsames Zusammenleben zweier Sprachgemeinschaften oder
über die Trennung nach nationalen Gesichtspunkten abstimmte. Ein großer Teil – rund 40% derer, die bei
der Volkszählung 1910 Slowenisch als Umgangssprache angegeben hatten – sprach sich für eine
gemeinsame Heimat aus, eine skupna domovina. So gesehen war der 10. Oktober
1920 ein bemerkenswertes Datum – an den historischen Fakten und
an den sprachlichen und kulturhistorischen Gegebenheiten hat er nichts
geändert: in Kärnten gab es schon vor seiner Begründung als Herzogtum im Jahre
976 beide Sprachen. Früher nannte man im Deutschen die slowenische Sprache
„windisch“, diese Bezeichnung ist sowohl in den Beschreibungen der
Herzogseinsetzung beim Fürstenstein in Karnburg bezeugt als auch im „Windischen
Herzogtum“ des 16. Jhdts., im Zeitalter der Reformation. Der slowenische Bezug
zur Herzogseinsetzung ist heute noch im Ortsnamen Blasendorf, dem Wohnsitz des
„Herzogbauern“, erkennbar, der bei dieser Zeremonie eine bedeutende Rolle
spielte, enthält doch dieser Name ein altes slowenisches Wort für „Richter,
Verwalter oder Edling“ – Hinweis auf die Verschränkung
beider Sprachen in Kärnten seit Anbeginn und Erklärung dafür, welch starke
emotionale Bindung der Fürstenstein für das Slowenentum hat – bis hin zu seiner
geplanten Verwendung auf einer Euro-Cent-Münze.
Warum spielen zweisprachige Ortstafeln in der Diskussion
eine solch große Rolle? Weil sie einen hohen emotionalen und symbolischen Wert
haben, der auf altem Kulturgut beruht, denn das zweisprachige Namengut Kärntens
repräsentiert wertvolles Erbe aus Jahrhunderte langem gemeinsamen
Zusammenleben, das beide Sprachgemeinschaften verbindet. Daher zeugen
zweisprachige Ortstafeln davon, dass es eben zwei Sprachgemeinschaften gibt,
die beide Teil dieses Landes sind und zu seiner Eigenart beitragen. Die
slowenische Minderheit ist hier seit eh und je heimisch, zweisprachige Ortstafeln,
Aufschriften, Schulunterricht usw. erzeugen für sie das Gefühl, in ihrer
Heimat, in der gemeinsamen Heimat mit der Mehrheitsbevölkerung zu leben, ohne
deshalb „fremd in der Heimat zu sein“, ein Gefühl, das unweigerlich entsteht,
wenn die Muttersprache in der Öffentlichkeit nicht sichtbar ist. Dies ist ein
ganz wesentlicher, emotionaler Punkt, der in der alltäglichen
Auseinandersetzung viel zu wenig beachtet wird.
Kulturgut darf nicht zur Beschaffung von politischem Kleingeld missbraucht
werden und sollte schleunigst aus dem Kärntner Kuriositätenkabinett
herausgeholt werden!
Gastkommentar in der Kleinen Zeitung (Klagenfurt) 21.
Februar 2005:
Ein Konflikt voller Kuriositäten
Das Interview vom 18. Feber 2006 mit Herrn Mag. Rudi Vouk „Dank Haider zu
noch mehr Ortstafeln“ zeigt deutlich, in welch unerquickliche und kaum mehr
rational lösbare Situation unser Land geraten ist. Im Grunde landet jede
Diskussion über den Ortstafelkonflikt irgendwann beim Tag der Volksabstimmung,
als man in Kärnten über ein Zusammenleben zweier Sprachgemeinschaften oder über die Trennung nach nationalen Gesichtspunkten abstimmte.
Ein großer Teil — rund 40% derer, die bei der
Volkszählung 1910 Slowenisch als Umgangssprache angegeben hatten — sprach sich für eine gemeinsame Heimat aus, die
skupna domovina. So gesehen
war der 10. Oktober 1920 ein bemerkenswertes Datum — an den historischen Fakten und an den sprachlichen und
kulturhistorischen Gegebenheiten hat er nichts geändert: In Kärnten gab es
schon vor seiner Begründung als Herzogtum im Jahre 976 beide Sprachen.
Warum spielen dann zweisprachige Ortstafeln in der Diskussion eine solch
große Rolle? Weil sie einen hohen emotionalen und symbolischen Wert haben, der
auf altem Kulturgut beruht, denn das zweisprachige Namengut Kärntens
repräsentiert wertvolles Erbe aus Jahrhunderte langem gemeinsamen
Zusammenleben, das beide Sprachgemeinschaften verbindet. Daher zeugen
zweisprachige Ortstafeln davon, dass es eben zwei Sprachgemeinschaften gibt,
die beide Teil dieses Landes sind und zu seiner Eigenart beitragen. Die
slowenische Minderheit ist hier seit eh und je heimisch, zweisprachige
Ortstafeln, Aufschriften, Schulunterricht usw. erzeugen für sie das Gefühl, in ihrer Heimat, in der gemeinsamen Heimat
mit der Mehrheitsbevölkerung zu leben, ohne deshalb „fremd in der Heimat zu
sein“, ein Gefühl, dass unweigerlich entsteht, wenn die Muttersprache in der
Öffentlichkeit nicht sichtbar ist. Dies ist ein ganz wesentlicher, emotionaler
Punkt, der in der alltäglichen Auseinandersetzung viel zu wenig beachtet wird.
Kulturgut darf nicht zur Beschaffung von politischem Kleingeld missbraucht
werden und sollte daher schleunigst aus dem Kärntner Kuriositätenkabinett
herausgeholt werden. Dieses begann schon kurz nach dem Staatsvertrag, als man
das seit 1945 neu organisierte zweisprachige Schulwesen „reformierte“, aber die
in Artikel 7 vorgesehenen zweisprachigen Ortstafeln „übersah“, was man dann
1972 nachholen wollte und womit man in peinlicher Weise gescheitert ist. Schon
seit 1976/77 sollten über 90 zweisprachige Ortstafeln stehen —
nur ca. 2/3 davon standen, als Herr Mag. Vouk auf die Tube drückte und dadurch
die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes provozierte. Moralisch hatte er
Recht, so kurios dies auch sein mag, aber es passt gut ins Kuriositätenkabinett
wie auch das Ortstafelverrücken unseres Herrn Landeshauptmanns und wie die in
Leserbriefen erhobenen Forderungen, dreisprachige Ortstafeln aufzustellen.
Die größte Kuriosität ist aber die Tatsache, dass der zum Greifen nahe
Kompromiss, wie er im so genannten Karner-Papier vom Mai 2005 festgehalten ist,
leichtfertig verspielt wurde — wie man eben
hierzulande leichtfertig und sorglos mit dem Kulturgut „Name“ umgeht.
(in der Rubrik DEBATTE, Zu
den Auswüchsen des Kärntner Ortstafelkonflikts)
Leserbrief "Kleine
Zeitung" (Klagenfurt) 16.12.2001:
Die VfGH-Entscheidung (vom 13.12.2001, ähnlich
12.12.2005, s. http://www.vfgh.gv.at/)
— man kann zu ihr stehen, wie man will — konnte gar nicht anders ausfallen.
Von Völker- und Verfassungsrechtlern ist der 25%-Anteil slowenisch sprechender
Bevölkerung immer schon hinsichtlich seiner Verfassungsmäßigkeit in Zweifel
gezogen worden, zumal im Artikel 7 Abs. 3 des Staatsvertrages von Prozentsätzen
keine Rede ist, es heißt nur "in Verwaltungs– und Gerichtsbezirken ... mit
slowenischer ... oder gemischter Bevölkerung". Daher hätte man kühlen Kopf
bewahren und das Beste aus der jetzigen Situation machen sollen; die Kärntner
Politiker aller Couleurs seien daran erinnert, dass es sich um die Vollziehung
eines Bundesgesetzes (nicht Landesgesetzes!) handelt, das derzeit nicht
ausreichend vollzogen ist, auch nicht im Sinne des Volksgruppengesetzes 1976 (es
fehlt derzeit rund ein Drittel der in Frage kommenden zweisprachigen
Ortstafeln!). Es ergibt sich jetzt die einmalige Chance eine zukunftsweisende,
den bisherigen bzw. derzeitigen Zustand erweiternde Lösung zu finden, an der
alle mitwirken könnten. Darüber hinaus sollte man im zweisprachigen Namengut
Kärntens wertvolles kulturelles Erbe aus jahrhundertelangem gemeinsamen
Zusammenleben erblicken, das auch verbindet.
Das Buch zum Thema:
Heinz Dieter POHL
Unsere slowenischen Ortsnamen
Naša slovenska krajevna imena
Einen grundlegender Artikel zum Thema siehe
unter
Zum Anfang: http://members.chello.at/heinz.pohl/Startseite.htm