© H.D. Pohl (2007, aktualisiert 2012)

 

Auffassungsunterschiede bei der Schreibung und den

Namensformen von slowenischen Ortsnamen in Kärnten

 

(zur alphabetisch deutsch ~ slowenisch geordneten Namenliste)

(zu "italienischen Namen")

 

Zurück zu Kärnten – Deutsche und slowenische Namen

zurück zum Kärntner  Namengut

Weitere Artikel mit vielen historischen und sprachwissenschaftlichen Informationen s.u. Erbe

 zur Startseite

 

Vorbemerkung 1: Schon vor dem Ortstafelkonflikt 1972 gab es Auffassungsunterschiede bei slowenischen Ortsnamen in Kärnten bezüglich ihrer Schreibung. Diese gingen aber damals im „Sturm“ unter und blieben von der Öffentlichkeit meist unbemerkt. Nachdem man jetzt im Rahmen der Ortstafel-Einigung vom 27.4.2011 eine zwar bescheidene, aber doch akzeptable Lösung gefunden hat (http://members.chello.at/heinz.pohl/Ortsverzeichnis.htm), sind solche Auseinandersetzungen um die „richtigen“ Namensformen Geschichte. Es gereicht dem Kulturgut Ortsname zum Vorteil, dass sich nunmehr beide Seiten, die zuständigen Kärntner Landesstellen und die Vertreter der slowenischen Volksgruppe auf gemeinsame Schreibformen geeinigt haben (nach Zdovc 1993 u. 2010), denn viel Zeit stand ja nicht mehr zur Verfügung. Um 1900 gab es in Kärnten ca. 75000 Slowenen, laut Volkszählung 2001 nur mehr ca. 13000 (das sind um ca. 83 % weniger als 1900!). Die immer wieder befürchtete „Slowenisierung Südkärntens“ hat nie stattgefunden, wenn sie auch unlängst in der Aussendung des „Kärntner Abwehrkämpferbundes“ vom 15. März 2006 aufs Neue beschworen wurde: sollten die von der „Konsenskonferenz“ vorgeschlagenen 158 Ortschaften in 18 Gemeinden mit Ortstafeln versehen werden, würde Südkärnten zum slowenischen Territorium (S. 2). Die Verwirklichung der Vorgaben der „Konsenskonferenz“ hat also kein slowenisches Territorium geschaffen, sondern bloß die historisch gewachsene Namenlandschaft des südlichen Unterkärnten unterstrichen, wo zwei Sprachgemeinschaften in einer gemeinsamen Heimat / skupna domovina leben und somit die Weichen für die Ortstafel-Einigung 2011 mit immerhin 164 Ortschaften (also um 6 mehr als ursprünglich vorgeschlagen) gestellt.

 

Übersicht:

Das Slowenische in Österreich in Zahlen

In absoluten Zahlen, umgerechnet auf das heutige Kärntner Gebiet (also ohne Mießtal, Tarvis und Seeland) gab es 1880 u. 1890 ca. 85 000, 1900 ca. 75 000, 1910 ca. 66.500 Slowenen; 1923 waren es nur mehr ca. 34.500. Danach erreichten sie im Jahre 1939 noch einmal einen höheren Wert, indem ca. 43 000 Personen mit slowenischer Muttersprache erhoben wurden; dazu eine Tabelle (Literatur dazu siehe unter http://members.chello.at/heinz.pohl/Volksabstimmung.htm):

 

Jahr

Kärnten

Österreich gesamt

1910

66 463

74 210

1939

43 179 (inkl. „Windisch“)

47 639

1951

19 658 (bzw. 42 095 a)

19 976

1961

24 911

f

1971

20 972 b

23 579

1981

16 552 c

18 640

1991

14 850 (inkl. „Windisch“)

17 379

2001

12 586 (ohne „Windisch“ d)

17 953 e (bzw. 24 855 g)

 Anmerkungen zur Tabelle:

a)     in allen Kombinationen (z.B. „deutsch-slowenisch“, „deutsch-windisch“ usw.)

b)     davon 3961 „Windisch“

c)     davon 2348 „Windisch“

d)     deren Zahl wird mit 567 Personen angegeben (davon in Österreich geboren: 547)

e)     österreichische Staatsbürger (davon in Österreich geboren: 13 225)

f)      in den von mir benützten Unterlagen keine gesamtösterreichischen Angaben

g)     davon 6891 Ausländer (zuzüglich eine Person „Windisch“)

 

Dialekte (Mundarten) / Narečja:

Gailtaler Dialekt / Ziljsko narečje

Rosentaler Dialekt / Rožansko narečje (einschließlich Köstenberg / Kostanje, Sattnitz / Gure, Pischeldorf / Škofji Dvor, Poggersdorf / Pokrče, Zell / Sele)

Jauntaler Dialekt / Podjunsko narečje

Obir- (Remschenig-) Dialekt / Obirsko (Remšeniško) narečje

 

Vorbemerkung 2: Das Namengut einer Sprache unterliegt nicht zwingend den Regeln der jeweiligen Rechtschreibung, sondern es widerspiegelt meist eine bunte Mischung der gegenwärtigen Rechtschreibregeln und von traditionellen Schreibungen, die z. T. auf früher üblichen Schreibgewohnheiten beruhen. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: Das standarddeutsche Wort Straße wird in Ortsnamen sowohl mit ß (z.B. Straßburg in Kärnten) als auch mit ss (z.B. Strassen in Osttirol) geschrieben; oder man denke an Schreibungen wie Berg im Drautal oder Perg (im Mühlviertel) bzw. Paßthurn (als Ortschaft) oder Pass Thurn (als Bergname). Bis vor kurzem wurde die Kärntner Gemeinde Ebenthal ‹Ebental› geschrieben, der Namen gebende Ortsteil aber Ebenthal, heute beides Ebenthal; die dorthin führende Straße in Klagenfurt heißt jedoch nach wie vor Ebentaler Straße. Weiters sind Namen i. A. von Rechtschreibreformen ausgenommen (insbesondere trifft dies auf Personen- und Familiennamen zu), so „überlebte“ die Schreibung Brixen im Thale (Tirol) die Reform von 1901 (nach der Tal zu schreiben ist) oder Nußdorf (mehrmals in Österreich) die von 1996 (statt Nuss-). Auch alte Fehlschreibungen hatten Bestand, wie z. B. Velden (am Wörther See), 1297 Velwen (zu einem alten Wort für ‘Weide(nbaum)’ oder Rüstorf (Oberösterreich, 12. Jhdt. Russidorf, Rusdorf). Dazu kommen noch mundartliche (z.B. Brunn am Gebirge, Bruck an der Mur usw.) oder heute nicht mehr dem gängigen Wortschatz zugehörige Appellativa (z.B. Hart ‘Sumpfwald’). Dies ist auch im Slowenischen so, viele Ortsnamen unterliegen nicht den Regeln der Rechtschreibung oder normativen Grammatik, ähnlich wie deutsch-mundartlich Bruck neben Brück(e) finden wir auch slowenisch-mundartlich ves neben vas ‘Dorf’, Schreibungen wie Dole statt zu erwartendem Dolje oder älteres Zila neben jüngerem Zilja ‘Gail’. Auch einige Fehlschreibungen à la Velden kann man beobachten, z.B. Ločilo statt Vočilo und Krnski Grad (dazu siehe unten) sowie „geschönte“ Schreibungen, z.B. Maribor ‘Marburg’ (erstmals 1836 in Anlehnung an slawisch Branibor für Brandenburg, so Snoj 2009, 252) ­— im Deutschen vergleichbar Bautzen (bis 1868 Budissin, das sorbisch Budyšin näher steht).

* * *

Während bei den deutschen Ortsnamen im allgemeinen ein stillschweigender Kompromiss zwischen deren volkstümlicher (auf der lokalen Mundart beruhenden) und „hochdeutschen“ (schriftsprachlichen) Lautung vorliegt, was in der langen Tradition der Verwendung des Deutschen als Amtssprache begründet ist, gibt es im Slowenischen sehr oft voneinander erheblich abweichende hochsprachliche und volkstümliche Namensformen. Erst im Zuge der Begründung eines slowenischen Schrifttums sind viele Toponyme verschriftsprachlicht worden, wobei es oft Irrtümer gegeben hat, wie z.B. beim Ortsnamen Krnski grad ‘Karnburg’: die volkstümliche slowenische Form lautet Karempurg (Kranzmayer 1958, 116), die ein älteres deutsches Chaerenpurch (1201) reflektiert, daher wäre ein slowenisches Koroški Grad (so bei Jarnik) zu erwarten, das wäre ‘Kärntenburg’ wie auch das der alten Bezeichnung Chaerenburg zugrundeliegende *Charantapurch, lateinisch civitas Charantana (9./10. Jhdt., vgl. Snoj 2009, 217).

Konflikte um Namensformen sind meines Erachtens (nicht nur, s.u.) Scheingefechte ob „Kärntner amtliche“  oder „slowenische schriftsprach­liche“ Namensformen: beide sind gleich gut „slowenisch“, die einen eben mundartlich (wie deutsch Bruck oder Brunn, Brünn, Born sowie Bronn), die anderen schriftsprachlich (wie deutsch Brücke in Möllbrücke oder Brunnen in Siebenbrunnen, Tirol). In jedem Fall ist ein Kompromiss zwischen schriftlicher Tradition, mundartlicher Aussprache und standardsprachlicher Orthographie zu finden. „Überstandardisierungen“ nach dem Muster „Brücke an der Mur“ sind auf jeden Fall zu vermeiden.

Seinerzeit, 1972, gab es u.a. Streitigkeiten um die Namensformen der Ortschaften Št. Vid (v Podjuni) / St. Veit (im Jauntal) und Vočilo / Hart (Arnoldstein). Das Kärntner Landesarchiv hat zunächst die Schreibungen Št. Fid v Podjuni bzw. Vočilo vorgeschlagen (vgl. Zdovc 1974, 294 f.), die grund­sätzliche Probleme aufwerfen. Št. Fid ist zwar die beste Wiedergabe eines mundartlichen [šumfət], ist aber hinsichtlich der Schreibung isoliert wie z.B. auch deutsch mundartlich Fostion für St. Sebastian (bei Hochosterwitz). Daher ist es angebracht, nach den zahlreichen Št. Vid geschriebenen Ortsnamen auch den im Jauntal so zu schreiben, wie auch der bei den Einheimischen Fostión genannte Ort besser als St. Sebastian wiederzugeben ist.

Anders verhält es sich bei Hart / Ločilo, Kärntner Landesarchiv Vočilo, Zdovc Ločilo. Etymologisch beruht der Name auf slow. *močilo „feuchter Ort, Sumpfwald“ (was auch deutsch Hart bedeutet, vgl. Kranzmayer 1958, 99). Die slowenische Schreibung Ločilo (genauer Łočilo [w-]) ist willkürlich und kann sich auf keine Vorbilder im alten Österreich berufen, die Ortsverzeichnisse von 1900 und 1910 schreiben Vacil (Kranzmayer a.a.O. mundartlich Voči(d)lo), als Nebenform Hrast (d. i. ‘Eiche’). Daher hat sich das Kärntner Landesarchiv in der Wahl der Schreibung nach der mundartlichen Aussprache orientiert und Vočilo vorgeschlagen, was namenkundlich nachvollziehbar ist. Eine Schreibung Ločilo evoziert darüber hinaus eine Lesung [lo-]; diese soll wohl an loka ‘(feuchte) Wiese’ erinnern, aber davon wäre eine Ableitung ločilo äußerst ungewöhnlich (dieses Wort wird bei Pleteršnik als ‘Trennungsmittel, Interpunktionszeichen’ erklärt und scheidet somit als Ortsbezeichnung aus).

Eine gewisse Berühmtheit erlangte Tutzach / Tuce neben (vormals) amtlich Tulce (Gem. Ebenthal); letztere Form wird zwar durch urkundlich 1317 Tultz gestützt, doch der Ort selbst hieß früher (1900, 1910) slowenisch Tuče (vgl. auch 1788 Tutschacher Gemeinberg), was seiner Herkunft aus *Tъlčiče (zum Personennamen *Tъlčanъ) entspricht (vgl. Pohl 2002, 49 u. 111 mit Lit.). Die Form Tulce erinnert darüber hinaus zu sehr an mundartlich tulec ‘Tölpel’ (wohl entlehnt aus deutsch-mundartlich Tulle) und stieß deshalb seitens der slowenischen Volksgruppe verständlicherweise auf Ablehnung.

Bei Globasnica / Globasnitz war schon zu Zeiten der Monarchie die Schreibung zugunsten G- entschieden worden; die Etymologie des Namens ist zwar ‘Wurstbach’, also ein ‘Bach, der sich wie eine Wurst windet’ (er heißt auch mundartlich Globaška voda oder reka, zu slowenisch klobasa ‘Wurst’), das deutsche G- substituiert also ein slowenisches K-, denn etymologisch richtig müsste der Name ja tatsächlich Klobasnica geschrieben werden, was auch die mundartlichen Formen qło-/ qłabósnica zeigen. Das Kärntner Landesarchiv hat daher 1972 die Schreibung Klobasnica (wie auch in einem Ortsverzeichnis aus dem Jahre 1860) für die zweisprachigen Ortstafeln vorgeschlagen, dann ist man aber (auf Grund von Protesten) dennoch bei Globasnica geblieben. Für diese Schreibung sprechen auch urkundliche Belege wie 1143-64 Globasinuilla und 1167 Globazniz, doch nach Šašel (1957/58, 121) ist auch die Form mit anlautendem K- 1296 als Chlobasniz superior ‘Zgornja Klobasnica’ urkundlich bezeugt. Da die Einwohner von Globasnitz in ihrem Ortsnamen die Assoziation mit klobasa ‘Wurst’ vermeiden wollten, entschied man sich für die ans Deutsche angelehnte Schreibung Globasnica (um nicht zu ‘Wurstlern’ zu werden, vgl. Zdovc 1974, 295 Anm. 10). Der Name ist ziemlich einmalig, mir ist in Österreich kein weiterer ‘Wurstbach’ bekannt, in Slowenien gibt es als Parallele den Gewässernamen Klobaša (Snoj 2009, 140).  

Viele Diskussionen gab es auch um Hundsdorf / Podsinja vas (früher Psinja vas). Der Ortsname ist zu slowenisch pes ‘Hund’ (als Personenname) zu stellen, urkundlich 1220 als Hundesdorf belegt ‘Dorf eines Mannes namens Hund’, wie auch Hundsdorf / Pesje (bei Völkermarkt) sowie Pisweg und Psein (bei Gurk). Bei den frühmittelalterlichen Slawen im alpinen Raum kamen Tiernamen als Personennamen sehr häufig vor wie z.B. auch jelenъ ‘Hirsch’ und medvědь ‘Bär’, daher ist es sehr wahrscheinlich, dass auch slowenisch pes (< pьsь) ‘Hund’ als Personenname vorkam, zumal Hund (als alter deutscher Personenname Hunt) sehr wohl bezeugt ist. Insgesamt kommt der Siedlungsname Hundsdorf in Österreich 17× vor. ­ Die heute amtlich gewordene Schreibung Podsinja vas (‘Dorf unter Sinach/Sine bzw. dem Sinacher Gupf’, so erstmals im Spezial-Ortsrepertorium nach der Volkszählung 1910 [erschienen 1918]) ist eine sekundäre Umdeutung von Psinja vas~ves (1860 schrieb man Psinjaves, im Atlas Slovenije 1985 Psinja vas). Der Sinacher Gupf heißt auf Slowenisch Sinjski vrh oder (mundartlich) Psinjski vrh, dies sind entweder Varianten ein und desselben Namens oder sie sind nach zwei verschiedenen Ortschaften so benannt, eben einmal nach Sine / Sinach, das andere Mal nach slowenisch Psinja vas (‘Hundsdorf’, heute amtlich Podsinja vas, so auch Zdovc 1993, 76 und 2010, 87, der aber die mundartliche Form Psinja vas ausdrücklich erwähnt). Der Ortsname Sine ‘Sinach’ kann aus *Psinje (zu slowenisch pes [pəs] ‘Hund’) hervorgegangen sein, dies ist aber nicht zwingend (wegen der mundartlichen Form Sene [síəne], die eher zu seno ‘Heu’ zu stellen ist). Eine Form *Psinje liegt dem ON Psein bei Pisweg, beide zu slowenisch pes ‘Hund’ zugrunde; auch eine Ortschaft in der dortigen Nachbarschaft heißt Hundsdorf. Unser Hundsdorf liegt nördlich des Sinacher Gupfes und heißt slowenisch-mundartlich Psinja ves~vas. Dieses hat zunächst den Bergnamen Pseniberg oder Hundsgupf bzw. Hundsdorfer Gupf bewirkt (wie dies Ogris 2011, 508f. ausführt) und erst später wurde die näher liegende Ortschaft Sinach, slowenisch Sine zum „Taufpaten“.

In letzter Zeit sind v.a. die beiden Namen Ebersdorf / Drbeša ves (gegenüber Drveša vas) und Windisch Bleiberg / Slovenji Plajberg (gegenüber Plajberk) in slowenischsprachigen Printmedien diskutiert worden (Novice, štev./Nr. 2 vom 20.1.2006). Bei Drbeša ves spielt der alte Streit um die „richtige“ Schreibung für „Dorf“ mit; Zdovc (1993, 43f.) hat als Haupteintrag Drveša vas, vermerkt aber ausdrücklich tudi [auch] Drbeša vas“, was der Etymologie (vom Personennamen Dobreh(a)) eher entgegen kommt. Was Slovenji Plajberg betrifft: es hat mit der Stadt Bleiburg / Pliberk nichts zu tun, außer dass es etymologisch gleichen Ursprungs ist, aber die Einwohner von Pliberk heißen Pliberčani, die von Slovenji Plajberg (umgangssprachlich und mundartlich) Plajberžani; im Slowenischen wechselt bekanntlich k mit č bzw. g mit ž die historisch zu begründende und sprachwissenschaftlich korrekte Form wäre daher schriftlich Slovenji Plajberg, phonetisch mag Slovenji Plajberk sicher „richtig“ sein (s. zu diesem Problem Pohl 2002, 111ff.). Auch Zdovc 1993, 87), der Plajberk vorschlägt, gibt als Einwohnernamen zwar Plajberčani an, räumt aber als lokale Nebenform Plajberžani ein. Übrigens werden auch viele deutsche Ortsnamen nicht hochsprachlich „korrekt“ geschrieben (wie z.B. Brunn/-brunn/-born und Bruck) oder ausgesprochen (wie die Bundeshauptstadt Wien, die eigentlich Wi-ën heißen müsste, auf Grund von mundartlich Wean usw., weiters Dienten, mundartlich Deanten in Salzburg, aber immer Li-ënz). Oder man denke an Vellach (bei Eisenkappel) neben Fellach (bei Villach, beide slowenisch Bela) und das Osttiroler Virgental mit seinem Firschnitzbach beide gehen trotz verschiedener Schreibung des Anlautes auf alpenslawisch bzw. karantanisch *bergъ ‘Abhang’ zurück.

Es gab also wiederholt Auffassungsunterschiede zwischen dem Kärntner Landesarchiv, das seine Vorschläge eher namenkundlich begründete bzw. die altösterreichische Tradition zu vertreten versuchte (z.B. ves für ‘Dorf’), und slowenischen Vorstellungen, die auf schriftsprachliche Einheitlichkeit (daher vas) bedacht waren. Ob man nun deutsch Dorf / -dorf mit slowenisch (standardsprachlich) vas oder (mundartlich) ves wiedergibt beide sind nämlich gleich gut „echt“ slowenisch ist eine rein sprachpolitische Entscheidung, keine namenkundliche, ähnlich Windisch Bleiberg / Slovenji Plajberk. Oft war in diesem Zusammenhang von willkürlicher Veränderung oder gar „Fälschung“ von Namen die Rede, doch Namen „fälschen“ kann man nicht, man kann nur welche „erfinden“ (wie dies Tolomei [s.u.] in Südtirol getan hat) oder geographische Objekte willkürlich umbenennen, was in Kärnten nur relativ selten der Fall war, Beispiele sind deutsch Turnersee (statt Sablatnigsee) oder slowenisch Ovčjak (statt Ajblhof ‘Eibelhof’, dazu s. Pohl 2002, 113 u. 115 mit Lit.). Eine „Fälschung“ im wahren Sinn des Wortes wären erfundene Dokumente, in denen, z.B. in einem Katasterverzeichnis aus dem 18. oder 19. Jhdt., eine Ortschaft Otschjak oder ein Gewässer names Turnersee aufschienen. Die meisten Probleme sind also Auffassungsunterschiede über die „richtige“ Schreibung von Namen, wie eben ves oder vas neben unbestrittenem Vesca ‘kleines Dorf, Dörfl’, schriftsprachlich vasica; slowenisch Spodnja / Zgornja (Zvrhnja) Vesca steht für deutsch Unter- / Oberdörfl und bedeutet eigentlich ‘unteres / oberes kleines Dorf’. Wenn man also in beiden Sprachen mundartlich Vesca bzw. Dörfl schreibt, ist nunmehr auch mit schriftsprachlich vas und –dorf eine Parallelität herbeigeführt worden.

Namen sind erhaltenswertes Kulturgut, mit dem unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung und schriftlichen Tradition sorgsam umgegangen werden sollte, wobei sich Auffassungsunterschiede zwischen dem Kärntner Landesarchiv und der slowenischen Volksgruppe ergeben haben, wie dies die Arbeiten von Alfred Ogris (gesammelt in Ogris 2011; seine wichtigsten einschlägigen Arbeiten sind bei Pohl 2002, 143f. bzw. 2010, 235f. aufgelistet, einige sind in der Bibliographie zitiert) und Pavel Zdovc (zitiert ebendort 148 bzw. 240) zeigen, wobei beide Autoren bei einigen Namen verschiedener Meinung sind (bei Ogris steht die Etymologie und historische Entstehung der einzelnen Namensformen sehr stark im Vordergrund, was bei Zdovc nicht der Fall ist). Zdovc’ Vorschläge liegen auch dem Namenverzeichnis Kattnig-Kulnik-Zerzer 2004/2005 (mit Karte, s. Kulturgut) zu Grunde. Beide Autoren blieben allerdings in der Diskussion sehr sachlich, z.B. Zdovc in Carinthia I 164 (1974) 295: „Einen sichtbaren Platz nimmt die Neigung zur Regionalisierung allgemeiner Elemente zusammengesetzter Namen ein“, womit auf das vas/ves-Problem angespielt wird, weiters: „Mehr als der überwiegende Teil des Verzeichnisses des KLA (= Kärntner Landesarchiv, H.D.P.) ist natürlich vollkommen in Ordnung, es enthält auch einige Beispiele, die besser entsprechen als Schreibungen anderer neuerer Ortsnamenverzeichnisse … letztere fanden alle in Zdovc 1993 und 2010 und Kattnig-Kullnig-Zerzer 2004/2005 entsprechende Berücksichtigung und liegen der jetzt gültigen Ortstafelregelung 2011 zu Grunde.

Allerdings stellt sich die Frage, wieso es überhaupt zu derartig emotional geführten Auseinandersetzungen um die „richtigen“ Namensformen kommen musste. Diese reflektieren das seit vielen Jahren gespannte Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, wobei auch das „Windischen-Problem“ mitgespielt haben dürfte (siehe http://members.chello.at/heinz.pohl/Windische.htm). Es erhebt sich nur die Frage, wie sinnvoll es eigentlich war, seitens des Landes Kärnten (gemeint ist die Verwaltung, nicht das Landesarchiv!) ohne Rücksprache mit den Betroffenen (also mit der Minderheit) Namensformen amtlich zu verordnen — sie zu verschreiben wie einem Patienten die Arznei, weiters, ob es immer klug war, dass viele Vertreter der Minderheit der altösterreichischen Tradition so ablehnend gegenüberstanden (die „Kärntner Tradition“ sei eher ein „mythologischer als ein linguistischer Begriff“ — so Zdovc 2010, 15). Wahrscheinlich hat die „Konsenskonferenz“ wesentlich dazu beigetragen, auch einen „Konsens“ über die amtlich auf den Ortstafeln zu verwendenden Namensformen herbeizuführen. Die wissenschaftliche Namenforschung kann hier nur beraten, zu entsprechenden (politischen) Entscheidungen mussten die zuständigen Gremien selbst kommen auf breiter Basis, gemeinsam! Zwar kann die Namenforschung zum Erhalt des Kulturgutes Ortsname sehr viel beitragen, bei politischen Entscheidungen über amtliche Namensformen sind die Möglichkeiten der Wissenschaft aber begrenzt.

 

(zur Namenliste)

 

Nachwort: Es ist legitim, Ortsnamen im historischen slowenischen Siedlungsgebiet hochsprachlich festzulegen, wobei jedoch zu weit gehende sprachliche Eingriffe zu vermeiden sind. Vor allem sind künstliche Slowenisierungen wie z.B. Ovčjak (s.o.) ebenso abzulehnen wie auch künstliche Germanisierungen von Namen slowenischer Herkunft, so ersetzte man beispielsweise den Bergnamen Gerloutz, Harlouz (slowenisch Grlovec) in den ersten Dezennien des 20. Jhdts. durch die Bezeichnung Ferlacher Horn. Doch einen Kärntner „Tolomei“ hat es nie gegeben, trotz aller Konflikte gab es in Kärnten (und Österreich) nie Umbenennungen im großen Stil wie in Südtirol (italienisch in Alto Adige  ‘Oberetsch’ umbenannt, dem die bis 1972 amtliche deutsche Bezeichnung Tiroler Etschland nachempfunden war) weder bei den Deutschen noch bei den Slowenen. Wohl scheint es oft nicht nur der Klang eines Namens gewesen zu sein, der eine Umbenennung wünschenswert erscheinen ließ, vielleicht war es beim Keutschacher See (statt Plaschischensee) so, beim Turnersee (statt Sablatnigsee so der alte Name, slowenisch Zablaško oder Zablatniško jezero) sicher nicht, hier haben sich um 1930 die (deutschen) „Turner“ verewigt. Zwar kann sich der Tourist unter einem Vellacher Hochtal mehr vorstellen als unter der Bezeichnung Vellacher Kotschna (slowenisch Belska Kočna) doch diese ist willkürlich, hier könnte die Namenforschung eingreifen, indem sie darauf hinweist, dass mit Kotschna / Kočna ein bestimmtes (rotbraunes) Gestein bezeichnet wird und diese letztlich aus dem Romanischen ins Slowenische gelangte Bezeichnung v.a. in den Karawanken und Steiner Alpen verbreitet ist. Solche Kunstnamen sind absolut kein Kulturgut (was m.E. auch für einen Großteil der Südtiroler amtlichen italienischen Bezeichnungen gilt).

 

Literatur

(weitere namenkundlich-linguistische Details in Pohl 2000 u. 2005a-b)

KATTNIG-KULNIK-ZERZER 2004/2005: F.K. - M.K. - J.Z., Zweisprachiges Kärnten / Dvojezična Koroška. Zweisprachiges Ortsnamenverzeichnis von Südkärnten / Seznam dvojezičnih krajevnih imen južne Koroške. Klagenfurt / Celovec.

KRANZMAYER 1958: E.K., Ortsnamenbuch von Kärnten, Band II. Klagenfurt.

OGRIS 1976: A.O., Zur Geschichte der Kärntner Ortsnamenforschung. In: Öster­reich in Geschichte und Literatur 20, 81-92.

OGRIS 1986: A.O., Der amtliche Gebrauch zweisprachiger Ortsnamen in Kärnten aus historischer und gegenwärtiger Sicht. In: Carinthia I 176, 361-370.

OGRIS 1991: A.O., Zweisprachige Namen in Kärnten im Wandel. In: Österreichische Namenforschung 19/1991, 39-49.

OGRIS 2011: A.O., Siedlungsgeschichte und Namenkunde am Beispiel des Kärntner Rosentales. In: Auf Spurensuche in Kärntens Geschichte. Diskussionen und Kontroversen. Klagenfurt (= Das Kärntner Landesarchiv 39), 503ff. [Erstveröffentlichung in: Carinthia I 176, 155-178].

POHL 2000: H.D.P., Kärnten — deutsche und slowenische Namen / Koroška — nemška in slovenska imena. Wien-Klagenfurt (= Studia Carinthiaca XIX und Österreichische Namenforschung 28/2000, Heft 2-3). 

POHL 2002: H.D.P., Die ethnisch-sprachlichen Voraussetzungen der Volksab­stimmung. Die Kärntner Volksabstimmung 1920 und die Geschichtsforschung, Leistungen, Defizite, Perspektiven, hg. von H. Valentin – S. Haiden – B. Maier. Klagenfurt, 181ff.

POHL 2005a: H.D.P., Slowenisches Erbe in Kärnten und Österreich: ein Überblick. In: Kärntner Jahrbuch für Politik 2005, 127-160.

POHL 2005b: H.D.P., Die Slavia submersa in Österreich: ein Überblick und Versuch einer Neubewertung. In: Linguistica XLV – Ioanni Orešnik septuagenario in honorem oblata I, Ljubljana, 129-150.

POHL 2005c: H.D.P., Toponyme in gemischtsprachigen Gebieten als verbindendes Element und gemeinsames Kulturgut. In: Namenforschung morgen: Ideen, Perspektiven, Visionen, ed. A. u. S. Brendler. Hamburg, 153-160.

POHL 2010: Unsere slowenischen Ortsnamen / Naša slovenska krajevna imena. Klagenfurt / Celovec.

Šašel 1957/58: J.Š., Koroški imenoslovni problemi. In: Jezik in slovstvo 3, 119-123.

SNOJ 2009: S.M., Etimološki slovar slovenskih zemljepisnih imen. Ljubljana.

ZDOVC 1974: P.Z., Einige Aspekte zu Ortsnamenfragen in Kärnten. In: Carinthia I 164, 289-303.

ZDOVC 1993: P.Z., Slovenska krajevna imena na avstrijskem Koroškem / Die slowenischen Ortsnamen in Kärnten. Wien-Klagenfurt.

ZDOVC 2010: P.Z., Slovenska krajevna imena na avstrijskem Koroškem. Razširjena izdaja / Die slowenischen Ortsnamen in Kärnten. Erweiterte Auflage. Ljubljana.

      

BGBl = Bundesgesetzblatt                        VfGH = Verfassungsgerichtshof