Zum Begriff „Landessprache“

(s.a. http://members.chello.at/heinz.pohl/Volksabstimmung.htm,

zu slowenischem Sprachgut im Kärntner Deutschen s.u.)

  

Der Begriff „Landessprache“ ist kein Rechtsbegriff, sondern die Bezeichnung für die „Sprache, die von [dem überwiegenden Teil] der Bevölkerung gesprochen wird“ (so DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch). So gesehen ist auf den ersten Blick Deutsch die Landessprache in Kärnten. In den österreichischen Gesetzen, die den amtlichen Gebrauch von Sprache regeln, wird immer der Begriff „Amtssprache“ verwendet. Grundsätzlich ist Deutsch in der gesamten Republik Österreich Amtssprache, wird also in der Verwaltung, im Schulwesen, bei Gericht, beim Bundesheer, im öffentlichen Verkehr usw. verwendet.

Aus dem Artikel 7 des Staatsvertrages (BGBl. Nr. 152/1955) und dem sogenannten Volksgruppengesetz (BGBl. Nr. 396/1976) geht hervor, dass in den Verwaltungs- und Gerichtsbezirken Kärntens mit slowenischer und gemischter Bevölkerung das Slowenische zusätzlich zum Deutschen als Amtssprache zugelassen ist. Darüber hinaus ist das Slowenische auch im Schulwesen präsent (zweisprachiger Unterricht in der Volksschule, slowenisches Gymnasium usw.) und rund hundert Ortschaften führen je einen deutschen und slowenischen amtlichen Namen.

Daraus folgt, dass dem Slowenischen in Kärnten der Charakter einer zweiten offiziellen Sprache – als zusätzliche Amts- und Unterrichtssprache neben dem Deutschen – zukommt, wenn dies auch nur für einen (relativ großen) Teil des Bundeslandes zutrifft. Wenn man nun Deutsch als „Landessprache“ bezeichnet, wird es zur „ersten Landessprache“, das Slowenische folglich zur „zweiten Landessprache“. Diese beiden Bezeichnungen sind – wie eingangs erwähnt – keine Rechtstermini, sie treffen aber aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu, zumal die Kärntner Sprachlandschaft in ihrer Gesamtheit deutsch und slowenisch geprägt ist, was übrigens auch für andere Bundesländer bzw. Teile von diesen zutrifft, ohne dass es dort heute noch einen slowenischsprechenden bzw. gemischtsprachigen Bevölkerungsanteil gibt.

 

Slowenisches im Kärntnerischen

 

Die Koexistenz zweier Sprachen in Kärnten, der bäuerlichen südbairischen Mundart und städtisch-österreichischen Verkehrssprache einerseits und der slowenischen Mundarten andererseits haben zu einer starken gegenseitigen Beeinflussung geführt. Mitte des 19. Jhdts. sprach fast  ein Drittel der Kärntner Bevölkerung slowenisch, Mitte des 20. Jhdts. waren es nur mehr ca. 10%; heute sprechen nach den Volkszählungsergebnissen noch rund 3% slowenisch und einige weitere Prozent beherrschen die Sprache. Im gemischtsprachigen Gebiet Kärntens sind viele Kinder zum zweisprachigen Schulunterricht angemeldet; eine rein slowenische Gemeinde ist Zell / Sele, größere Anteile von Slowenen haben u.a. Globasnitz / Globasnica, Ludmannsdorf / Bilčovs, Feistritz ob Bleiburg / Bistrica nad Pliberkom und Eisenkappel-Vellach / Železna Kapla-Bela und einige andere Gemeinden im Jaun-, Rosen- und Gailtal.

 

Einige slowenische Lehnwörter im Kärntner Deutsch

 

Hudítsch „Teufel“ (> slowenisch hudič), als Fluch

Jaukh  „Föhn“ (< slowenisch jug „Süden“)

Jausn „Jause“, (im Lesachtal) „Mittagessen“ (< slowenisch južina „Mittagessen“; das slowenische mala južina „Zwischenmahlzeit“ ergab in der Mundart [máužna] und wurde so zu einer slowenischen Parallele zum „Austriazismus“ Jause)

Kaišn „Keusche“ (< slowenisch hiša, germanisches Lehnwort)

Koper „Dille“ (< slowenisch koper)

Kopriz „ein Almkraut (Futterpflanze)“ (Mölltal, Lesachtal, auch Osttirol, < slowenisch koperc „Fenchel“)

Maischl „Netzlaibchen“ (rückentlehnt aus slowenisch majželj <  bairisch *Maiselein „kleine Schnitte“; eine ähnliche Speise heißt im Lavanttal und Nordkärnten lēbǝlan [Plural])

moidū´sch „meiner Seel’“ (< slowenisch (pri) moji duši)

Munkn „einfache bäuerliche Speise aus geschrotetem Getreide“ (< altslowenisch *mo(n)ka „Mehl“, heute slowenisch moka)

Paier „Quecke“ (ein Ackerunkraut, < slowenisch pirje)

Patsche / Påtsche „Eber“ (< slowenisch pačej aus dem Deutschen, zu Bock)

Plēschn (alt) „großer Acker“ (< slowenisch pleša  „kahle Stelle“, vgl. Ortsnamen wie Plöschenberg)

Polsn „Heuschlitten“ (< slowenisch polza „Tragbaum, Pflugschleipfe“)

Potíze „Potitze, Rollkucken“ (< slowenisch potica)

Puaklat (alt)  „vorderer Teil des Heufuders“ (Mölltal, < slowenisch mundartlich pod „unter“ + klet „Haufen“)

Sāsaka „Verhacktes, ausgelassener geräucherter Speck“ (< slowenisch zaseka)

Schwachta / Schwåchta „Sippschaft (abwertend)“ (< slowenisch mundartlich žłahta „Geschlecht“ aus dem Deutschen)

Strankele „Fisole, grüne Bohne“ (< altslowenisch stro(n)k- „Schote, Hülse“, heute slowenisch strok)

Wābm „altes Weib“ (< slowenisch baba „alte Frau“)

zwīln „klagen, jammern“ (< slowenisch cviliti)

 

Bemerkenswert sind die semantischen Gleichungen nach romanischen Vorbildern wie (der/das) Unterdå´ch „Dachboden“ (wörtlich „Unterdach“ wie slowenisch podstrešje und furlanisch sotèt < romanisch subtum tectum) oder Auswart „Frühling“ (wörtlich „auswärts“, vgl. slowenisch vigred [wörtlich „Ausgang“] und furlanisch insude < romanisch *in-exitus).

 

Slowenischer Einfluss im Satzbau: Ein eindeutig slowenischer Einfluss ist die Ellipse (der Wegfall) des Pronomens es bei unpersönlichen Verben, z.B. hait rēgnet „heute regnet es“, gestern wår åber khålt „gestern war es aber kalt“. Diese Konstruktion ist v.a. in Unterkärnten verbreitet, aber auch Klagenfurt und Villach nicht fremd. Ob die präpositionslose Richtungskodierung slowenischer Herkunft ist oder bloß ein Sprachkontaktphänomen, kann nicht entschieden werden (Beispiel: i får Khlågnfurt „ich fahre nach Klagenfurt“; in echter bäuerlicher Mundart würde hier „auf“ stehen). Im gemischtsprachigen Gebiet ist nach slowenischem Vorbild „aber“ (slowenisch pa) recht häufig, wo man es in anderen Gegenden und in der Umgangssprache nicht hört, z.B. frai i mi åber, dås i di sīg „ich freue mich, dass ich dich sehe“. Dazu kommt noch eine eigenartige Satzintonation, die jeden Unterkärntner „verrät“. – Unsicher ist slowenischer Ursprung für Konstruktionen wie i pin gschlåfn „ich habe geschlafen“ (mit bin statt habe wie im Slowenischen bei allen Verba; da aber schlafen ursprünglich „schlaff liegen“ bedeutet  hat, kann das Hilfszeitwort „sein“ hier auch alt sein wie bei „liegen, stehen usw.“).

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