Zum Begriff
„Windisch“
© H.D. Pohl 2006 (2011)
(Kurzfassung
von: http://members.chello.at/heinz.pohl/Volksabstimmung.htm)
Zum
Sprachkontakt in Kärnten: http://members.chello.at/heinz.pohl/Sprachkontakt_K.htm
Am 10. Oktober gedenkt man in Kärnten alljährlich der Wiederkehr
der Kärntner Volksabstimmung von 1920. Dieser Volksabstimmung sind fast zwei
Jahre Besetzung (ab Ende 1918) durch die Jugoslawen und kriegerische
Auseinandersetzungen (Höhepunkt der „Kärntner
Abwehrkampf“ April/Mai 1919) vorhergegangen und sie
war daher im Zuge der Friedensverhandlungen von St. Germain (bei Paris) für das
slowenische bzw. gemischtsprachige Gebiet Unterkärntens unter dem Eindruck der
Kämpfe und nach dem Besuch des späteren Abstimmungsgebietes durch eine
Kommission („Miles-Mission“) im Sinne des von Präsident Wilson zur Grundlage
seiner Friedenspläne erhobenen „Selbstbestimmungsrechtes
der Völker“ vereinbart worden. Im südöstlichen Kärnten (v.a. Rosen- und
Jauntal, Klagenfurter Becken) wurden zwei Abstimmungszonen eingerichtet. In der
Zone I wurde zuerst abgestimmt; wäre das Ergebnis zugunsten Jugoslawiens
ausgefallen, hätte man anschließend auch in der Zone II (v.a. Klagenfurt, Maria
Saal, Pörtschach, Velden) abgestimmt, doch dazu kam es bekanntlich nicht.
Rein formal war die Abstimmung am 10. Oktober 1920 nicht
zwischen „deutsch“ und „slowenisch“, sondern zwischen „Österreich“ und
„Jugoslawien“ (offiziell: Kraljevina
Srba, Hrvata i Slovenaca – SHS bzw. Königreich
der Serben, Kroaten und Slowenen) und untrennbar damit verknüpft die Frage
der Landeseinheit: die Stimme für Österreich bedeutete deren Erhaltung, die
Stimme für Jugoslawien den Vollzug der Teilung des Landes Kärnten (daher hieß
es immer wieder, u.a. auf einem Flugblatt vom 28.9.1920: Für ein freies und ungeteiltes
Kärnten). Einer solchen Teilung versagte nicht ganz die Hälfte derer,
die bei der Volkszählung 1910 Slowenisch als Umgangssprache angegeben hatten,
ihre Zustimmung:
(Zone
I)
Volkszählung 1910: 68,6% slow. „Umgangssprache“ / 31,4% dt.
„Umgangssprache“
10. Oktober 1920: 59% gültige Stimmen für Österreich / 41%
für Jugoslawien
Rein rechnerisch müssen (um auf 59% für Österreich zu
kommen) neben den 31,4% Deutschsprachigen rund 27,6% Slowenischsprachige für
Österreich gestimmt haben, das sind rund 40% von ihnen laut Volkszählung
1910 – oder fast jeder zweite. Ein solches Ergebnis lässt viele
Deutungen zu, sie füllen ganze Bücherschränke und können hier nicht wiederholt
werden. Aber eine Erklärung verdient es, hervorgehoben zu werden (sie wird
sonst nur am Rande erwähnt): das Volksabstimmungsergebnis war bei einem Teil
der Kärntner Slowenen ein pragmatischer Sieg über die nationalen Leidenschaften
im Zuge des Auseinanderbrechens des „Völkerkerkers“ Österreich-Ungarn: für
einen großen Teil der slowenischen bäuerlichen Bevölkerung des Kärntner
Unterlandes war der Verbleib in einem ungeteilten Land Kärnten mit freiem
Zugang zu den Wirtschaftszentren Klagenfurt und Villach eben attraktiver als
das Grenzgebiet eines unter serbischer Vorherrschaft stehenden Jugoslawien zu
werden.
Erst im
19. Jhdt. entwickelte sich ein slowenisches Nationalbewusstsein und es entstand
der Gedanke, alle slowenischen Länder verwaltungsmäßig zusammenzufassen,
freilich im Rahmen der Monarchie, was aber eine Teilung des Landes Kärnten bedeutet
hätte, der sich selbst auch führende Kärntner Slowenen widersetzten (z.B. der
Abgeordnete zum Kärntner Landtag Dr. Matthias Rulitz). Unter den Kärntner
Slowenen kam es gegen Ende des 19. Jhdts. zur Herausbildung zweier Lager:
eines slowenischnationalen und eines deutschfreundlichen.
Ersteres stimmte am 10. Oktober für Jugoslawien, letzteres für Österreich
(gemeinsam mit jenen Slowenen, die im SHS-Königreich ihre nationalen Träume
nicht verwirklicht sahen). Beide zusammen machen die slowenischsprachige
Minderheit aus. Die deutschfreundlichen bzw. „Kärnten treuen“ oder
„österreichbewussten“ Slowenen wurden schon vor dem 1. Weltkrieg „Windische“
genannt und nannten sich z.T. auch selbst so; zu einem Politikum wurden die
„Windischen“ seit den Zwanziger Jahren, sie sind aber eindeutig (rein
sprachlich gesehen) Slowenen („Sprachslowenen“), bekennen sich aber politisch nicht ausdrücklich zum slowenischen
Volkstum. Die Mundarten, die diese beiden Gruppen sprechen, unterscheiden sich
nicht voneinander; Unterschiede zwischen beiden Gruppen ergeben sich nur durch
die Kenntnis der slowenischen Schriftsprache, die jenen Personen fehlt, die
Schulunterricht nur auf deutsch erhalten haben. Diese Gruppe dürfte bei der
Volksabstimmung 1920 den Ausschlag gegeben haben, dass diese für Österreich
günstig ausgegangen ist. In der Folge wurden sie vom damaligen Kärnten als
„Heimattreue Slowenen“ bezeichnet (und vereinnahmt), von der slowenischen
Presse aber „Renegatenfiguren“ genannt (und ausgegrenzt). Dies sollte man
wissen, um die Hintergründe richtig verstehen zu können, wenn es um die so
genannte „Windischen-Theorie“ geht. Diese wurde (spätestens) in der
nationalpolitischen Auseinandersetzung der 20er Jahre geboren, indem man bei
der Erklärung des Verhaltens von rund 40% der abstimmungsberechtigten
Kärntner Slowenen am 10. Oktober 1920 ethnische, sprachliche, politische,
ideologische und soziologische Kriterien miteinander vermengte – vor
allem in der Tagespolitik.
Mit der
„Windischen-Theorie“ ist automatisch auch die Frage verknüpft, ob das „Windische“
etwa eine vom Slowenischen verschiedene Sprache sei. Weit verbreitet ist die
Ansicht, die Sprache der „Windischen“, „Windisch“, sei eine
deutsch-slowenische Mischsprache, die mit der „landfremden“ slowenischen
Schriftsprache nichts zu tun habe –eine kühne Behauptung, ist es doch in
zweisprachigen Regionen und Gesellschaften die Regel, dass die bodenständige
Volkssprache von der überregionalen Staats- und/oder Verkehrssprache massenhaft
Lehnwörter und Einflüsse bezieht. Entscheidend ist aber die Grammatik: die
Grammatik des „Windischen“ ist die slowenische, identisch sind auch Hilfswörter
und Grundwortschatz. Aus sprachplanerischen und -ästhetischen Gründen mag man
Fremdeinflüsse als etwas Negatives betrachten (wir kennen dies aus der
heutigen Diskussion um die Anglizismen) – linguistisch gesehen sind sie
normal und natürlich. Eine zweisprachige Gesellschaft wäre arm, wenn es keine
Sprachgrenzen überschreitende Kommunikation gäbe, die einmal zu Lasten der einen
(dem Slowenischen in Kärnten bis heute), ein anderes Mal zu Lasten der anderen
(dem Deutschen in Krain bis 1945) gehen kann . Eine
solche linguistische Feststellung darf aber nicht dazu verleiten, die eine
Sprache, weil größer und mächtiger, als „wichtig“ einzuschätzen, die andere
Sprache, weil kleiner und weniger durchschlagkräftig, als „unbedeutend,
regional“ zu betrachten, denn jede Sprache, egal ob „klein“, ob „groß“, ist ein
Stück Menschheitsgeschichte und Teil des kulturellen Erbes, das zu bewahren
lohnt. Aber einmal eingetretener Sprachwechsel ist (leider) unumkehrbar, er
ist mit einem Verlust an kultureller Identität verbunden und führt nicht sofort
zum Aufgehen in einer neuen Identität: dies dauert meist eine Generation.
Personen im status assimilationis
wären noch in der Lage, unter entsprechenden Bedingungen ihrer Muttersprache
treu zu bleiben. Wenn in zweisprachigen Gebieten Verschiebungen von der einen
zur anderen Sprache zu beobachten sind, zeigt dies ganz besonders deutlich, wie
verbunden beide Sprachen sind, gehören sie doch zum historischen Erbe der
Region. Hier ist im Falle Kärnten für „Windisch“ als eigene Sprache, auch als
„Mischsprache“, kein Platz: das Erbe kann
nur „deutsch“ oder „slowenisch“ sein, beide sind konstitutiv und historisch
gewachsen. „Windisch“ erscheint als ein soziologisch und linguistisch nur
schwer fassbarer vorübergehender Zustand, der an Einzelpersonen oder einzelne
Familien (die sich im status
assimilationis befinden) gebunden ist, nicht aber an gefühlsmäßig
zusammengehörige (ethnische) Gruppen.
Die zahlreichen Ortsnamen mit „Windisch…“ weisen auf ehemalige slawische
bzw. slowenische Bevölkerung hin, im Gegensatz zu Namen mit „Deutsch…“ wie z.B. Deutschlandsberg
(Steiermark) gegenüber Windisch Landsberg,
heute Podčetrtek (Slowenien).
Deutsch Windischgraz (Slowenien)
heißt auf Slowenisch Slovenj Gradec im
Gegensatz zur steirischen Landeshauptstadt Graz,
die einst ‘Bairisch Graz’ hieß. St.
Michael am Zollfeld (Kärnten) hieß zur Zeit der Monarchie Deutsch St. Michael im Gegensatz zu Windisch St. Michael, heute St. Michael ob der Gurk, slowenisch aber
(wie auch früher) Slovenji Šmihel.
Bei allgemein bekannten Namen ist dann der Zusatz entfallen wie bei Graz, aber auch Deutsch-Griffen im Gegensatz zu Griffen
(Kärnten) oder Windischgarsten und Garsten (Oberösterreich).