Beiträge zum Stichwort »active world«
Bietet Second Life tatsächlich ein zweites Leben?
Gestern hatte ich eine Journalisten zu Besuch, die mir gleich am Anfang des
Gespräches erklärte, sie sei SecondLife gegenüber negativ
eingestellt. Auf meine Frage, warum denn, antwortete sie, das erste Leben sei
aufregend genug. Wozu brauche man denn bitte ein zweites Leben?
Hm. Ich frage mich, ob hier nicht eigentlich der Wunsch Vater des Gedankens
gewesen war.
Als ob SecondLife tatsächlich ein zweites Leben bieten würde. Als ob
ich, wenn ich mit meinem ersten Leben unzufrieden wäre, einfach in eine
zweite Haut schlüpfen und dort, auf der anderen Seite der Welt, ein neues
Leben beginnen könnte. Ein Auswanderer, der statt nach Australien zu
ziehen und Schafe zu züchten sich durch ein Fieberglaskabel zwängt
und an der anderen Seite des Bildschirms eine neue Welt betritt, den
einheimischen Bytes virtuelles Land abhandelt und Pixel anpflanzt und
erntet.
Wer anfängt, sein von vielen so genanntes „zweites“ Leben als
eigentliches, reales zu betrachten, hat definitiv ein Problem. Aber ich glaube,
ehrlich gesagt, wer wirklich aus seinem real existierenden Dasein flüchten
möchte und nicht zufällig SecondLife als Fluchtventil findet, findet
ein anderes. Ich zumindest habe z.B. noch keinen Alkoholiker getroffen, der mit
seinem Leben zufrieden gewesen wäre und seinen Alkoholismus aus Jux und
Tollerei betrieben hätte.
SecondLife ist, was es ist: Ein Teil des Internets. So einfach ist das. Mit
einem Unterschied: Ich glaube, dass SecondLife wesentlich mehr
Möglichkeiten bietet als eine „normale“ Homepage. Es kommt
halt darauf an, wie man es nutzt.
SecondLife fördert die Kreativität von Menschen; denn es ist mehr als
nur „ein Chatroom mit 3-D-Avataren“.
Was nicht alles an SecondLife kritisiert wird. Es habe „eine
Grafikperformance wie aus den frühen 90er Jahren“. Es „kostet
Geld“. Und der Betreiber LindenLab könne sein System jederzeit
abdrehen oder an den Höchstbietenden verkaufen … samt der
"Welt-Hoheitsgewalt“.
Hm.
Sobald irgendetwas auf den Markt kommt, dass ein bisserl Erfolg hat, stehen
sofort irgendwelche Gscheiterl auf und sagen: "Das hat’s schon mal
gegeben!", "Schaut ja wie ... aus!“, „Das kostet ja etwas!“
oder „Die haben ja Werbung drin!“ (Dazu kommt auch noch einer
meiner Lieblingsstandardsätze: „He, das ist ist ein Shit! Auf
Apple/Linux würd das nicht passieren!“).
Zugegeben, heutzutage ist man eine durchaus bessere Grafik gewöhnt. Sony
bastelt gerade an einem ähnlichen System namens „Home“ mit
einer wesentlich besseren Grafik. Doch soweit ich die Pressemeldungen kenne,
bietet „Home“ nicht die gleichen gestalterischen Freiheiten wie
SecondLife. Auch kenne ich viele „Konkurrenten“ von SecondLife wie
„ActiveWorld“ oder „There“ … aber da wäre
mir kein gewaltiger grafischer Unterschied aufgefallen. „WoW“
schaut besser aus, nicht zu leugnen, aber auch hier finde ich, ist die
gestalterische und konzeptionelle Freiheit eher vernachlässigbar.
Geschmäcker und Ohrfeigen sind eben verschieden.
Doch LindenLab immer wieder auf die Zehen zu steigen und zu sagen:
„Werdet besser“ ist sicherlich kein Fehler.
Dass SecondLife Geld kostet… Ja, wie die meisten Dinge. Nicht
missverstehen, ich bin nicht der Sprecher von LindenLab, doch die meisten
Unternehmungen werden gestartet, um Geld zu verdienen. In meiner Freizeit
schreibe ich Romane, die sogar veröffentlich werden. Ja, ich schreibe sie
auch, um unter anderem damit Geld zu verdienen. No na ned.
Dass LindenLab jederzeit sein System abdrehen oder an den Höchstbietenden
verkaufen kann … ja, klar. So wie jedes Unternehmen. Und selbst wenn sie
verkaufen und der neue Besitzer mir nicht gefällt, dann muss ich dort ja
nicht werben. Es zwingt mich ja auch keiner, Inserate in der Krone zu
schalten.
Ein anderer Journalist schrieb in einem Artikel, Adidas habe in vier Monaten
23.000 virtuelle paar Schuhe verkauft. „Klingt viel, ergibt jedoch
[…] nicht mehr als 4.300 US-Dollar.“ Ja, so kann man’s auch
sehen. Ich vermute mal, die 4.300 Dollar werden Adidas ziemlich wurscht sein;
die gesicherten 23.000 Kundenkontakte schon weniger. Ich kenne Werber, die
würden für so ein Ergebnis morden…
SecondLife polarisiert. Und das ist gut so.
Ich habe vor kurzem eine Homepage gefunden, die sich mit menschlichen
Blähungen beschäftigt; unter anderem kann man sich auch Soundfiles
von diversen Furzvarianten herunterladen. Soll ich jetzt daraus
schließen, dass sich das ganze Internet nur mit heißer Luft
beschäftigt? Zugegeben, ich käme nie auf die Idee, eine Homepage mit
einem solchen Inhalt ins Netz zu stellen, aber offensichtlich tun es andere.
Und offensichtlich finden auch einige Menschen diese Homepage komisch.
Soll sein. Warum nicht.
Kritiker sprechen davon, dass SecondLife eine Luftblase sei.
Als die erste Eisenbahn gebaut wurde, sagten Kritiker, es mache doch keinen
Sinn, sich auf einer festgelegten Strecke fortzubewegen. Das werde sich niemlas
durchsetzen.
Als die ersten Autos gebaut wurden, sagten Kritiker, es werde sich niemals
gegenüber den Pferdekutschen durchsetzen; schließlich seien diese
schneller.
SecondLife ist das, was du daraus machst. Und es steht erst am Anfang.