EU-Liste der „spezifisch österreichischen Ausdrücke“
laut Protokoll
Nr. 10 über die Verwendung spezifischer
österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen
Union
(zuletzt bearbeitet 5.8.2011)
|
ÖSTERREICH |
EU [1] |
A |
‚ A
|
ƒ D |
„ D |
… D |
† B |
|
EBNER |
ÖWB |
DUDEN |
AMMON |
SEIBICKE |
ZEHETNER |
||
|
Beiried |
Roastbeef |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
- |
- |
|
Eierschwammerl |
Pfifferlinge |
+ |
L [2] |
Ö CH [2] |
Ö CH |
Ö [3] |
(B) |
|
Erdäpfel |
Kartoffel |
SD |
+ |
Ö L |
B Ö |
SD |
B |
|
Faschiertes |
Hackfleisch |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
Ö |
- |
|
Fisolen |
Grüne Bohnen |
+ |
+ |
Ö |
(Ö) |
Ö |
- |
|
Grammeln |
Grieben |
B |
+ |
B |
B Ö |
B |
B |
Hüferl
|
Hüfte |
+ [4] |
L [5] |
Ö |
Ö |
- |
- |
|
Karfiol |
Blumenkohl |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
SD |
(B) |
|
Kohlsprossen |
Rosenkohl |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
Ö |
- |
|
Kren |
Meerrettich |
SD |
+ |
B Ö |
B Ö |
B |
B |
|
Lungenbraten |
Filet |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
- |
- |
|
Marillen |
Aprikosen |
+ |
+ |
Ö |
Ö |
Ö |
- |
|
Melanzani |
Auberginen |
+ [6] |
+ |
Ö |
Ö |
- |
- |
|
Nuß [7] |
Kugel |
(-) |
+ |
(-) |
+ [8] |
(-) |
- |
Obers
|
Sahne |
+ [9] |
L [9] |
Ö [9] |
Ö |
B |
- |
|
Paradeiser |
Tomaten |
+ [10] |
+ [12] |
Ö |
Ö |
Ö |
(B) |
|
Powidl |
Pflaumenmus |
+ [11] |
+ |
Ö [12] |
Ö |
Ö |
- |
|
Ribisel |
Johannisbeeren |
+ [13] |
+ |
Ö |
Ö [13] |
Ö |
(B) |
|
Rostbraten [14] |
Hochrippe |
- |
+ |
+ |
+ |
- |
- |
|
Schlögel |
Keule |
SD |
+ [15] |
L Ö CH [15] |
SD |
SD |
B |
|
Topfen |
Quark |
B |
+ |
B |
B Ö |
B |
B |
|
Vogerlsalat |
Feldsalat |
+ |
+ |
Ö |
(Ö) |
Ö |
- |
|
Weichseln |
Sauerkirschen |
- |
+ |
L CH |
SD |
- |
B |
kursiv: „echte“, also speziell „österreichische“ Wörter;
fett: mit Bayern (zumindest ursprünglich) gemeinsame
Wörter.
Quellen (A = Wörterverzeichnisse für
Österreich, B = Wörterverzeichnis für Bayern, D = Gesamtdeutsche
Wörterverzeichnisse):
Ebner,
J.: Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten.
Mannheim-Wien-Zürich, DUDEN-Verlag 1998, 3. Auflage; 4., völlig überarbeitete Auflage mit dem Untertitel „Wörterbuch des österreichischen Deutsch“
2009.
‚ Österreichisches Wörterbuch, 40.
Auflage 2006, 41. Auflage 2009 (Wien, öbv&htp). – Nahezu
übereinstimmende Angaben auch bei Fussy,
H.: Auf gut Österreichisch. Ein Wörterbuch der Alltagssprache. Wien,
öbv&hpt 2003 (nur Nuss fehlt, da es ja
"gemeindeutsch" lt. AMMON et alii „ ist).
ƒ Duden.
Die deutsche Rechtschreibung. 24. Auflage 2006 (Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich).
„ Ammon,
U. et alii: Variantenwörterbuch des Deutschen. Berlin-New York, Walter
de Gruyter 1996. – Eine Ergänzung dazu ist Sedlaczek,
R.: Das österreichische Deutsch. Wie wir uns von unserem großen Nachbarn
unterscheiden. Wien, Ueberreuter 2004 (weist auf Unterschiede innerhalb
Österreichs und Übereinstimmungen mit Nachbarregionen hin, nur Nuss fehlt, da es ja "gemeindeutsch" lt. AMMON et alii „ ist).
… Seibicke,
W.: Wie sagt man anderswo? Landschaftliche Unterschiede im deutschen
Sprachgebrauch. Mannheim-Wien-Zürich, DUDEN-Verlag 1983.
† Zehetner,
L.: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern. Regensburg,
edition vulpes 2005.
Zeichenerklärung zur Tabelle (wie die einzelnen Wörter in den Quellen
bewertet werden):
+ enthalten (in und ‚ als bevorzugt gebrauchte Wörter in Österreich lt. EBNER und ÖWB)
- nicht enthalten bzw. (-) nicht in
dieser Bedeutung;
B „bairisch“, also in
Bayern und Österreich üblich;
(B) in Bayern regional (neben anderen Ausdrücken)
oder veraltend bzw. veraltet;
CH Schweiz
Ö in Österreich üblich;
(Ö) in Österreich nicht
allein üblich;
L landschaftlich bzw.
regional, also nicht im ganzen Sprachraum bzw. lt. ÖWB nicht in ganz Österreich
SD süddeutsch (zumindest A+B+CH)
B Ö zwar „bairisch“
wie oben, aber die einzige in Österreich übliche Bezeichnung
Neun
dieser „spezifisch österreichischen Ausdrücke“ [16] (oder 40%) können nicht in Anspruch nehmen,
solche zu sein, da sie entweder „süddeutsch“ oder „gemeinbairisch“, also auch
außerhalb Österreichs gebräuchlich sind; einige gelten nicht in ganz
Österreich, so sagt man u.a. statt Fisole und Vogerlsalat in
Kärnten gewöhnlich Strankerl und Rapunzel. Das südbairische
Kärnten unterscheidet sich also grundsätzlich nicht vom alemannischen
Vorarlberg, wo auch nicht alle „Austriazismen“ üblich sind, aus unserer Liste
v.a. Faschiertes, Paradeiser und Ribisel, für die in
diesem Bundesland Hackfleisch, Tomate und Johannisbeere gilt.
Die Relativität dieser Liste zeigt auch das Wort Obers: es ist (als
ursprünglich ostösterreichisches Wort erst) erst durch die Gastronomie zum
Austriazismus geworden, umgangssprachlich (und mundartlich) ist im Westen und
Süden Österreichs Rahm üblich (wie auch in Bayern).
An dieser Liste ist von mehreren Autoren
(v.a. Germanisten und Linguisten) wiederholt Kritik geübt worden [17]. Darüber hinaus ist
die Tatsache bemerkenswert, dass es eine entsprechende Liste für staatsrechtliche
und juristische Termini nicht gibt [18]. Zur Entstehung und Vorgeschichte des „Protokolls Nr.
10“ ist zu sagen [19],
dass diese Liste keine sprachpolitische Entscheidung war, sondern andere Motive
vorlagen [20]. Die
Berücksichtigung „spezifisch österreichischer Ausdrücke“ hatte eher
psychologische Gründe und entsprang dem Wunsch, der im Vorfeld des EU-Beitritts
in weiten Kreisen verbreiteten „Angst vor dem Einheitsdeutsch“ und der Sorge um
die „österreichische Identität“ entgegenzuwirken. Ferner erwartete man dadurch
auch eine größere Zustimmung zum EU-Beitritt beim bevorstehenden Referendum [21]. Die Endfassung des „Protokolls Nr. 10“ wurde
schließlich von den Verantwortlichen am 31.3.1994 bei einem Mittagessen
beschlossen.
Zur
österreichischen Varietät hinsichtlich der kulinarischen Terminologie in
Wörterbüchern siehe hier.
Anmerkungen:
[1] Im Originalwortlaut Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften
im Anhang zum sogenannten Protokoll Nr.
10 über die Verwendung spezifischer
österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen
Union,
Teil des österreichischen Beitrittsantrages. Dazu s. Markhardt, H.: Das Österreichische Deutsch im Rahmen der EU.
Frankfurt am Main usw., Peter Lang 2005, S. 158ff.
[2] Eierschwamm Westösterreich
(wie übrigens auch Pfifferling!) und Schweiz, Eierschwammerl v.a.
Ostösterreich.
[3] lt. Eintrag „Eierschwamm
(in Oberösterreich)“ (S. 119), wohl ein Irrtum.
[4] in der 39. Auflage 1998
nur in der Zusammensetzung Hiefer-/Hüferschwanzl, in der 41. Auflage 2006 Haupteintrag Hieferl
„bes[onders] Wien“.
[5] „besonders Wien“; Hüferl
ist die sprachhistorisch korrekte Schreibung; erstmals in der 38. Auflage
enthalten (ÖWB-Haupteintrag Hieferl).
[6] in Deutschland selten
auch Melanzane.
[7] so in alter
Rechtschreibung für „Kugel“ (doch „Nuss“ ist auch in Deutschland geläufig).
[8] „gemeindeutsch“
[9] „besonders
ostösterreichisch“ (im Westen und Süden Österreichs ist eher Rahm
üblich)
[10] „außer
Tirol und Vorarlberg“, doch auch sonst immer neben Tomate.
[11] v.a. im Osten Österreichs.
[12] „besonders ostösterreichisch“.
[13] ohne Vorarlberg.
[14] der Hochrippe
entspricht eher die (auch das) Ried,
woraus dann der Rostbraten
geschnitten wird.
[15] Haupteintrag Schlegel (dies ist auch die historisch richtige Schreibung).
[16] Dies
bedeutet nicht, dass sie keine Austriazismen wären, denn sie sind ja für den
Sprachgebrauch in Österreich charakteristisch und gelten nicht im ganzen
deutschen Sprachraum. Die österreichische staatsnationale Varietät ist also
nichts anderes als die Summe aller sprachlichen Phänomene der deutschen
Sprache in Österreich,
wobei der Begriff Austriazismus besagt, dass die betreffende sprachliche
Erscheinung für Österreich typisch ist, wobei jedoch nicht ausgeschlossen ist,
dass diese auch in anderen deutschsprachigen Ländern (Regionen) üblich ist. Man
kann einerseits vier Gruppen von Austriazismen unterscheiden:
(1) staatsräumliche
Austriazismen: v.a. Verwaltungs-, Rechts- und Mediensprache sowie der
gesellschaftsgebundene Verkehrswortschatz (v.a. Küche) und einige Berufstitel;
(2) süddeutsche
Austriazismen: der österreichische Wortschatz auf Grund der Zugehörigkeit
des Landes zum süddeutschen Sprachraum;
(3) bairische
Austriazismen: der mit (Alt-) Bayern gemeinsame Wortschatz des größten
Teils von Österreichs auf Grund der Zugehörigkeit beider Länder zum bairischen
Großdialekt; den tief greifenden
Gemeinsamkeiten zwischen dem bayerischen und österreichischen Bairischen stehen
allerdings auch Unterschiede gegenüber;
(4)
regionale Austriazismen (Untergruppen zu 1/2/3):
ost-/west-/südösterreichische Besonderheiten und solche einzelner
Bundesländer;
andererseits aber auch
zwischen primären* und sekundären Austriazismen**
[17] dazu
ausführlich Heidemarie Markhardt,
Das österreichische Deutsch im Rahmen der EU. Frankfurt am Main, Peter Lang
2005 (Österreichisches Deutsch – Sprache der Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R.
Schrodt, Bd. 3), 207-211 (mit Lit.).
{18] eine
gute Übersicht dazu bietet Heidemarie Markhardt, Wörterbuch der
österreichischen Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungsterminologie. Frankfurt
am Main, Peter Lang 2006 (Österreichisches Deutsch − Sprache der
Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R. Schrodt, Bd. 7).
[19] dazu
s. Markhardt 2005 [ wie 17] , 162f.
[20] „Hauptmotivation
war ein demonstrativer und symbolischer Akt, der die Wahrung der österreichischen
Identität innerhalb eines supranationalen Gebildes garantieren sollte“ – so Markhardt 2005 [ wie 17], 327.
[21] vgl.
Markhardt 2005 [wie 17], 163 u. 327.
* mehr
oder weniger auf Österreich beschränkte Ausdrucksweisen;
** auch
außerhalb von Österreich übliche Ausdrucksweisen.
zurück: http://members.chello.at/heinz.pohl/Sprachkontakt.htm bzw. http://members.chello.at/heinz.pohl/Kueche1.htm