© Heinz Dieter Pohl
Zum österreichischen Deutsch im Lichte der
Sprachkontaktforschung
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Inhaltsübersicht:
1. Allgemeines zu den "Österreichern". 2. Österreichisches Deutsch im
Lichte von Sprachkontakt und "Varietätenkontakt". 3. Beispiele für
Sprachkontakt. 4. Österreichisches und Bayerisches/Bairisches Deutsch. 5.
"Austriazismen" – Versuch einer Klassifikation. 6.
Zusammenfassung.
"Wir sind eine deutsche
Sprachgemeinschaft, die sich von der deutschen Sprachgemeinschaft
distanziert" (R. Menasse, Das Land ohne Eigenschaften,
Suhrkamp-Taschenbuch 2487, 11995, S. 24)
1. Allgemeines zu den
"Österreichern"
Die
übliche und weitverbreitete Ansicht über den Zusammenhang zwischen
Österreichischem Deutsch und Sprachkontakt findet sich in unzähligen
Publikationen, meist in Verbindung mit romantischen Hypothesen über die
Herkunft der Österreicher – ein Beispiel etwa Gabriele Holzer (1):
Die wahrhaft multiethnische (und -nationale)
Geschichte des Schmelztiegels Österreich wurde und wird, auch in Österreich,
bisweilen übersehen und geleugnet. Schon der legendäre Bürgermeister...Karl
Lueger tat einen kalkulierten Mißgriff, als er Zuwanderern aus den nichtdeutschsprachigen
Gebieten der Monarchie...ein Bekenntnis zum Deutschtum abverlangte. Gerade
Menschen, deren Herkunft besonders stark gemischt und alles andere als
"germanisch" oder auch nur bayerisch war, gebärdeten sich dann oft
als die treuesten "Deutschen"...
Die Spuren dieser Geschichte der Vielfalt, die
Einfalt nicht wahrhaben will, sind in grenzüberschreitenden Verwandtschaften
und Kontakten, in Koch- und Lebensgewohnheiten, in Sprachgrenzen
überschreitender verwandter Weltsicht, in Telephonbüchern, Regierungslisten
(der österreichische Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Vizekanzler (2) und
etliche Minister haben slawische Namen) und auch in manchen Sprachwendungen und
Intonationen, wie dem slawischen Wiener "L" lebendig [Hervorhebung
von mir, H.D.P.] (3).
Es
stimmt zwar, wie Holzer meint: Sie sind für jeden sichtbar, der sie
nicht übersehen will. Doch so einfach ist es auch wieder nicht;
insbesondere die Namen haben es den Schmelztiegel-Theoretikern, die meist gar
nicht in der Lage sind, einen Familiennamen slawischer oder ungarischer
Herkunft einigermaßen richtig auszusprechen, angetan und setzen Namen und
Herkunft gleich, aus dem bereits zitierten Buch (4):
Der Aufruf zur Volksabstimmung über Österreichs
Unabhängigkeit ... am 13. März 1938 ... galt einem deutschen Österreich.
Und ... [es] sprach Kurt Schuschnigg, österreichischer Kanzler
slowenischer Abstammung, davon, daß kein deutsches Blut fließen solle.
Name
und Sprache haben aber mit Blut gar nichts gemeinsam, daher sind Begriffe wie
"deutsches Blut", "slowenisches Blut" usw. abzulehnen (5),
denn das Blut aller Menschen auf dieser Welt unterscheidet sich nur nach
Blutgruppen! Daher sind – zum Leidwesen vieler "deutsch/slowenisch /
usw. Gesinnter", aber auch jener, die uns Österreicher so gerne als "Mischvolk"
sehen – Abstammungsmythen aller Art abzulehnen, denn wir haben 2 Eltern,
4 Großeltern, 8 Urgroßeltern usw., vor 10 Generationen über Tausend, vor 20
Generationen über eine Million und vor 30 Generationen über eine Milliarde
Vorfahren – so viele Menschen gab es vor 900 Jahren (= 30 Generationen)
auf der ganzen Welt nicht. Damit bricht jede Abstammungshypothese in sich
selbst zusammen, sowohl die von der "reinen"
germanischen/slawischen/usw. Abstammung als auch die multiethnische bzw. multikulturelle
"Schmelztiegeltheorie". "Deutscher", "Slowene"
bzw. "Österreicher" wird man durch Sozialisation, Erziehung und
Bildung, nicht nur durch Geburt. Ob ein durch den Erwerb seiner Muttersprache
deutschsprachig gewordener Österreicher oder slowenischsprachig gewordener
Kärntner sich nun als "Deutscher", "Österreicher" oder
"Slowene" fühlt, ist seine subjektive Entscheidung, die er auf Grund
von Lebenserfahrung, Weltanschauung und Wissen zu treffen hat, wobei
Doppelbekenntnisse durchaus möglich sind, z.B. politisch
"Österreicher" zu sein, aber ethnisch-sprachlich
"Deutscher" bzw. "Slowene".
Meines
Wissens war Kurt Schuschnigg Tiroler, genauer Südtiroler, und viele Südtiroler
führen bekanntlich italienische Namen, ohne Italiener zu sein (z.B. Magnago,
Scrinzi), wie ja auch in Wien eine Politikerin einen
"Kärntner" bedeutenden Familiennamen führt, ohne
"kärntnerisch" und noch weniger "slowenisch" zu sein,
nämlich Korosec (slowenisch Korošec [korō´šets]),
vulgo [kórosek]. Man hat auch im sich "multikulturell" fühlenden
Wien seine Schwierigkeiten, Namen anders als deutsch zu lesen.
Diese
hier angesprochene Problematik hat der Wiener Germanist Hermann Scheuringer (6)
schon vor Jahren auf den Punkt gebracht:
Den staatlichen Sonderwortschatz und damit auch
gleich die kraß überzeichnete Tatsache "multikultureller Wurzeln",
die – implizit gemeint und im Grunde nur auf Wien anwendbar –
Österreich von Deutschland unterscheide, begründen viele mit einer Art von
"Schmelztiegel"-Theorie (7) mit dem Wiener Telefonbuch
als ihrem herausragenden Topos, die so auch für Wien härtere Tatsachen
romantisch verklärt und für das restliche Österreich und besonders dessen
westliche Hälfte überhaupt nicht zutrifft.
Hierzu auch das im Rahmen der
zeitgeschichtlichen Diskussion um das "Deutschsein" Österreichs
wiederholt angeführte Zitat..., daß sich die meisten Österreicher "in
Triest, in Prag oder in Zagreb mehr zu Hause fühlen als in Hamburg oder in
Kiel, wo doch deutsch gesprochen wird" (...), eine Aussage, die, wenn sie
tatsächlich auf ganz Österreich und Deutschland umlegbar wäre, auch beinhalten
müsse, daß sich z.B. auch ein Schärdinger in Zagreb wohler fühlen müsse als in
Passau, ein Innsbrucker sich in Prag mehr zu Hause fühlen müsse als in München
usw. – ausgehend von einer Verherrlichung "Kakaniens",
symptomatischer Mißachtung Westösterreichs und bewußt distanzierender
Gleischstellung nur norddeutscher Städte mit Deutschland. In der bewußt
simplifizierenden und pauschal vereinnahmenden Diktion v.a. ostösterreichischer
Historiker: die meisten Westösterreicher fühlen sich in Lindau, in München oder
Passau mehr zu Hause als in Graz oder Wien, wo doch auch Österreich ist.
Argumentationen dieser Art sind einer objektiven Zeitgeschichtsschreibung nicht
zuträglich.
Die
Menschen deutscher Sprache und Kultur sind keine Abstammungsgemeinschaft,
sondern ein Volk im soziokulturellen Sinne. In vielen Teilen des alten
(ostfränkischen, später "deutschen") Reiches vermischten sich
Germanen mit Kelten, Slawen und anderen Völkern. Im heute österreichischen
Gebiet setzten sich die Baiern (im äußersten Westen auch Alemannen) durch, was
eine kulturelle und sprachliche "Germanisierung" bedeutete. Ebenso
verfehlt wie der Irrglaube an die gemeinsame Abstammung der Deutschen von den
Germanen und der Mythos von der ethnischen Reinheit ist die Überbetonung der
nichtgermanischen und nichtdeutschen Anteile an der Siedlungs- und
Bevölkerungsgeschichte Österreichs und der Mythos vom einzigartigen
österreichischen "Mischvolk" – so als ob die anderen
europäischen Staatsvölker Inzuchtprodukte seien! (8) Ein österreichischer
Kollege verstieg sich sogar zur Behauptung, "ethnisch säubernde"
Germanisten und Historiker haben übersehen, dass Österreich in
Wirklichkeit ein slawischer Name sei und "Spitzberg" bedeute (9). –
So weit einige einleitende Bemerkungen, um die ideologiebelastete Diskussion
über die österreichische Identität und ums österreichische Deutsch (10)
aufzuzeigen, die ich hier nicht weiterführen will, sondern ich will aufzeigen,
wo Sprachkontakt beim österreichischen Deutsch tatsächlich eine Rolle spielt.
2. Österreichisches
Deutsch im Lichte von Sprachkontakt und "Varietätenkontakt"
Gesamtösterreichisch
gesehen spielt der Sprachkontakt eine widersprüchliche Rolle, wobei meist Wien
der Bezugspunkt ist, sind doch über Wien zahlreiche Ausdrücke aus den Sprachen
der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Österreich "eingebürgert"
worden. Diese betreffen in erster Linie die Alltagskultur, wie sie sich im
täglichen Leben sowohl auf der privaten als auch amtlichen Ebene manifestiert
und die außerhalb von Österreichs vielfach kaum bzw. gar nicht gebraucht werden
wie z.B. Krida "fahrlässig oder betrügerisch herbeigeführte
Zahlungsunfähigkeit" (aus dem Italienischen) oder Fogosch "Zander,
Schill" (aus dem Ungarischen). Viele unter diesen Wörtern sind auch in
Bayern üblich, wie z.B. sekkieren "quälen, belästigen, ärgern
usw.", Salettl "Gartenhäuschen, -laube", mitunter auch im
ganzen süddeutschen Raum wie z.B. Strizzi "Strolch, leichtsinniger
und arbeitsscheuer Mensch, Zuhälter" (11). Wie oberflächlich hier oft
recherchiert wird, zeigt u.a. das Wort Maroni, das dem österreichischen
Deutsch zugerechnet wird, obgleich es im gesamten süddeutschen Raum
"landschaftlich" (12) verbreitet ist. Wo der Plural Maroni nicht
üblich ist, heißen die wohlschmeckenden Edelkastanien Maronen (13),
womit sich der Unterschied auf die Morphologie reduziert, ähnlich wie beim
erfolgreichen bair. Mädel, das morphologisch mit dem Plural-s
"aufgenordet" wurde: in Korrespondenz zu Jungs entstand eben
auch Mädels, durch innerdeutschen Sprachkontakt (besser: Varietätenkontakt,
s.u.) heute auch in Österreich geläufig.
Verliefen
die Lehnbeziehungen einst in Österreich durch seine geographische
Lage einerseits und Eingebundenheit in das Habsburger-Reich andererseits verschieden
vom "reichs-" bzw. bundes- (und binnen-) deutschen Raum, verlaufen
sie heute ziemlich gleich, v.a. betrifft dies die modernen
Fremdwortbewegungen, wie z.B. die Anglizismen und Amerikanismen (14). Mit
diesen wird nun Österreich v.a. über die Massenmedien zusammen mit dem
bundesdeutschen Sprachgebrauch überrollt. Statt Arbeitsplatz spricht man
von Job, statt Ö-3-hörender Autofahrer von Ö-Driver (15),
statt Knabe/Bub von Junge und statt Stiege(nhaus) von Treppe(nhaus).
Völlig kritiklos wird dabei auch norddeutscher Substandard und
binnendeutscher Standard mit übernommen (z.B. Rausschmiss statt Hinauswurf,
Reinfall "Misserfolg, Enttäuschung", gut drauf sein "in
guter Verfassung sein", etwas dabei haben "etwas bei sich
haben, mit sich führen" usw.), selbst im ORF (16), auch in manchen
Tageszeitungen, sogar in der Qualitätspresse und im amtlichen Gebrauch, z.B. Fleischer
statt Fleischhauer, das Gehalt (17) statt (wie früher in österreichischen
Gesetzestexten) der Gehalt. Und dies in einem Land, das sich zu rund 90%
nicht als "deutsch" fühlt (18), was offensichtlich beim
Sprachverhalten keinen Widerhall findet (19). Analoges findet auch im Freistaat
Bayern statt, wo ein stark entwickeltes Landesbewusstsein die sprachliche
"Aufnordung" nicht verhindern kann. Am ehesten ist noch bei der
Aussprache (20) sowie "atmosphärisch" (21) auf Anhieb
österreichisches Deutsch zu erkennen:
Die Gesamtheit der standardsprachlichen
Differenzen zwischen dem in Österreich und dem in Deutschland verwendeten
Deutschen, die sich in Form von Merkmalen an einzelnen Wörtern festmachen
lassen, mag auf den ersten Blick nicht groß genug sein, um von einem
"österreichischen Deutsch" zu sprechen. Dennoch sind es diese
Unterschiede – dazu kommen Nuancen im Sprachverhalten –, die dem
Deutschen in Österreich eine unverwechselbare und nicht austauschbare
Individualität verleihen und von denen jene sprachliche Atmosphäre [Hervorhebung
von mir, H.D.P.] ausgeht, an der sich etwa literarische Texte
österreichischer Herkunft als solche erkennen lassen.
2.1. Zur
EU-Liste österreichspezifischer Ausdrücke
Doch
wollen wir diese Entwicklungen und Feststellungen zur Kenntnis nehmen und uns
wieder dem Österreichischen Deutsch zuwenden, denn wie sehr hier oft
Wunschdenken und Realität auseinanderklaffen, zeigt die berühmte EU-Liste
österreichspezifischer Ausdrücke (22):
jetzt
neu bearbeitet und aktualisiert, siehe Neufassung
|
AUSTRIAZISMEN |
EBNER (23) |
SEIBICKE
(24) |
ÖWB |
DUDEN (25) |
AMMON (26) |
ZEHETNER (27) |
|
Beiried |
+ |
- |
+ |
Ö |
Ö |
- |
|
Eierschwamm(erl) |
SD |
Ö (28) |
L (29) |
L |
Ö |
* |
|
Erdäpfel |
SD |
SD |
+ |
L |
(Ö) |
B |
|
Faschiertes |
+ |
Ö |
+ |
Ö |
Ö |
* |
|
Fisolen |
+ * |
Ö |
+ |
Ö |
Ö |
- |
|
Grammeln |
B |
B |
+ |
B |
- |
B |
|
Hüferl,
-ie- |
- (30) |
- |
L (31) |
- |
- (32) |
- |
|
Karfiol |
+ (33) |
SD |
Ö |
SD |
Ö |
(B) |
|
Kohlsprossen |
+ |
Ö |
Ö |
Ö |
- |
- |
|
Kren |
SD |
B |
Ö |
SD |
B |
B |
|
Lungenbraten |
+ |
- |
Ö |
Ö |
(Ö) |
- |
|
Marillen |
+ |
Ö |
Ö |
Ö |
Ö |
- |
|
Melanzani |
+ (34) |
- |
Ö |
- |
Ö |
- |
|
Nuss |
(-) |
(-) |
(-) |
(-) |
- |
- |
|
Obers |
+ (36)* |
B |
Ö |
B |
Ö |
* |
|
Paradeiser |
+ (37)* |
Ö |
+ |
Ö |
(Ö) |
(B) |
|
Powidl |
+ (38) |
Ö |
Ö |
Ö (39) |
Ö |
- |
|
Ribisel |
+ (40) |
Ö |
+ |
Ö |
Ö |
(B) |
|
Rostbraten |
- |
- |
+ |
+ |
- |
- |
|
Schlögel |
SD |
SD |
+ (41) |
L |
- |
B |
|
Topfen |
B |
B |
Ö |
B |
B |
B |
|
Vogerlsalat |
+ * |
Ö |
Ö |
Ö |
(Ö) |
* |
|
Weichseln |
B |
- |
+ |
L |
- |
B |
kursiv: "echte", also speziell
"österreichische" Wörter;
fett: mit Bayern (zumindest
ursprünglich) gemeinsame Wörter.
Zeichenerklärung zur Tabelle (wie die einzelnen Wörter in den Quellen
bewertet werden):
+ enthalten
(ohne weiteren Kommentar);
*
in Kärnten (v.a. auf dem Klagenfurter Wochenmarkt) wenig bzw. in
Bayern (Kolumne Zehetner) im Gegensatz zu
Österreich nicht üblich.
-
nicht enthalten
bzw. (-) nicht in dieser Bedeutung;
B in Bayern und Österreich
üblich;
(B) in Bayern regional oder veraltend;
Ö in
Österreich üblich (im ÖWB durch ein in Österreich unübliches Wort erklärt, z.B.
Karfiol durch Blumenkohl, daher
indirekt als spezifisch österreichisch ausgewiesen).
(Ö) in Österreich nicht allein
üblich
L "landschaftlich", also nicht
im ganzen Sprachraum (bzw. lt. ÖWB nicht in ganz Österreich)
SD süddeutsch
Neun
dieser sog. "Austriazismen" (oder 40%) können also nicht in Anspruch
nehmen, solche zu sein, da sie "süddeutsch", also auch außerhalb
Österreichs gebräuchlich sind; drei weitere gelten nicht in ganz Österreich, so
sagt man u.a. statt Fisole, Vogerlsalat und Paradeiser in
Kärnten gewöhnlich Strankerl, Rapunzel und Tomaten (42).
Das durch und durch südbairische Kärnten unterscheidet sich also
grundsätzlich nicht vom alemannischen Vorarlberg, wo auch nicht alle
"Austriazismen" üblich sind, aus unserer Liste v.a. Faschiertes,
Paradeiser und Ribisel, für die in diesem Bundesland Hackfleisch
(43), Tomate und Johannisbeere (44) gilt. Wobei ausdrücklich
zu vermerken ist, dass sowohl kärntner. Strankerl als auch Rapunzel Lehnwörter
(45), also Sprachkontaktphänomene sind, die entsprechenden Vorarlberger
Bezeichnungen aber, da sie gleichzeitig auch "bundesdeutsch" sind,
vielfach für "Teutonismen" gehalten werden. Die Relativität solcher
Listen zeigt auch das Wort Obers: es ist (als ursprünglich
ostösterreichisches Wort erst) durch die Gastronomie zum Austriazismus geworden
(46), umgangssprachlich und mundartlich ist im Westen und Süden Österreichs Rahm
üblich (wie in Bayern) und die Grenze zwischen beiden folgt, wie so oft,
keineswegs der Staatsgrenze.
2.2. Sprachkontakt und "Varietätenkontakt"
Handbücher
zum Sprachkontakt kennen nur Interferenzen und Kontakte zwischen einzelnen
Sprachen und/oder Dialekten, stellen aber sehr wohl einen Zusammenhang zwischen
Sprachwandel und Varietäten her (47). Der Fall, wie er sich beim Einwirken des
"Bundesdeutschen" aufs Österreichische Deutsch darstellt, ist von den
Sprachkontaktforschern offensichtlich nicht vorgesehen. Daher liegt hier ein
terminologisches Defizit vor. Grundsätzlich haben wir drei nationale
Varietäten des Deutschen, Bundesdeutsch, Schweizerdeutsch und
Österreichisches Deutsch, und drei sprachgeographische Varietäten,
Nord-, Binnen- und Süddeutsch vor uns. Weder
"Bundesdeutsch" noch "Süddeutsch" sind absolut einheitlich,
man braucht nur an den bairischen Großdialekt denken, der sowohl "Bundesdeutsch"
als auch "Österreichisches Deutsch" und noch dazu
"Süddeutsch" ist. Auf Grund der historischen Entwicklung ist
"Binnendeutsch" über die BR Deutschland samt ihrer kultur- und
wirtschaftspolitischen Potenz aus süddeutscher und österreichischer Sicht zum
"Bundesdeutschen" schlechthin geworden (48) und übt somit einen alle
anderen Varietäten verdrängenden Einfluss auf. Ähnlich wie deutsch-slowenischer
Sprachkontakt in Kärnten, slowenisch-deutscher Sprachkontakt in Krain oder
englisch-irischer Sprachkontakt in Irland (weitestgehend) zur Durchsetzung der
deutschen, slowenischen und englischen Sprache geführt hat, zieht auch
binnendeutsch-süddeutscher "Sprachkontakt" die Durchsetzung
bundesdeutscher Sprachformen nach sich. Da sich dieser Kontakt innerhalb des
deutschen Sprachgebietes abspielt, ist wohl "Sprachkontakt" kein
adäquater Begriff. Ich möchte diese Erscheinung als Varietätenkontakt bezeichnen.
Die "bundesdeutsche" nationale Varietät übt dabei einen viel
stärkeren Einfluss auf die anderen Varietäten aus als umgekehrt. Grundsätzlich
sind Übernahmen wie pusten/Puste, tschüs(s) und es macht
keinen Sinn bzw. jemand anders (statt blasen/Atem, servus
und es hat keinen Sinn bzw. jemand anderer) in
Österreich und Bayern gleich zu bewerten wie englisch Job, Drink und
Event im deutschen Sprachraum. Englische Wörter sind
Sprachkontaktphänomene, bundes- bzw. binnendeutsche Wörter und Wendungen
Erscheinungen von Varietätenkontakt; beides gibt es auch umgekehrt, wie dt. Kindergarten
(engl. kindergarten) und süddeutsch Mädel im Binnendeutschen
zeigen.
Das
österreichische Deutsch bildet keine absolute Einheit, sondern weist vielmehr
eine innere Schichtung – in der gesprochenen Sprache weit deutlicher als
in geschriebener – und verschiedenartige Beziehungen zu den anderen
süddeutschen Varietäten auf (49); allzu sehr ist man geneigt, was für Wien
typisch ist, für ganz Österreich anzunehmen. Doch Wien war in der Geschichte
die Drehscheibe, über die viel Sprachgut aus anderen Sprachen der
Österreichisch-Ungarischen Monarchie (nicht nur) ins österreichische Deutsch
gelangt ist (z.B. Powidl aus dem Tschechischen, s.u., Palatschinke aus
dem Ungarischen, < palacsinta "Eierkuchen", Lehnwort <
rumän. plăcintă "Pastete" < latein. placenta),
und über Wien sind auch viele binnendeutsche Ausdrücke in Österreich
"eingebürgert" worden (z.B. Tischler gegenüber bair. Schreiner).
Dies trifft auch auf zahlreiche jiddische Wörter zu, wie umgangssprachlich Ezzes
pl. "Ratschläge", Schmattes "Trinkgeld", Tinnef
"wertloses Zeug", Geseres/Geseire "Gejammer, unnützes
Gerede" (bayer. Geseier), Bahöl (mundartl., Wien)
"Lärm, Wirbel" usw.
3. Beispiele für Sprachkontakt
Der
Sprachkontakt auf der Ebene der österreichischen Varietät(en) des
Standarddeutschen macht sich nur im Wortschatz und in einigen
(allerdings meist umgangssprachlichen) Redewendungen bemerkbar. Einige
Beispiele aus dem Italienischen: Stampiglie "Stempel(gerät)",
Krida "fahrlässig oder betrügerisch herbeigeführte
Zahlungsunfähigkeit", Fisole "Bohne", Korrespondenzkarte
"Postkarte" (nach italien. carta di correspondenza (50));
aus dem Ungarischen: Fogosch "Zander", Schinakel
"Ruderboot, kleines Boot", Palatschinke "Pfann(en)kuchen"
(s.o.); aus slawischen Sprachen: Klobasse
"Selchwurst", Kolatsche "eine Mehlspeise", Powidl
"Pflaumen-, Zwetschkenmus" (51). Eine solche Liste lässt sich mit
Hilfe des Duden und ÖWB beliebig fortsetzen, z.B. Jause "Zwischenmahlzeit,
Brotzeit" (aus dem Slowenischen (52), nur Ost- und Südösterreich, im
Westen aus dem Romanischen Marende), Brimsen "ein
Schafkäse" (aus dem Slowakischen). Doch in der Regel scheint es eher so zu
sein, dass Sprachkontakt weniger für das Österreichische Deutsch in seiner
Gesamtheit, sondern vielmehr regional seine Wirkungen ausübt
(bzw. ausgeübt hat), bis in die regionale, landesübliche Verkehrs- und
geschriebene Sprache, z.B. in Kärnten: Koper "Dille"
(< slowen. koper), Sasaka "Verhacktes (aus Speck als
Brotaufstrich)" (< slowen. zaseka), Jauk "Föhn"
(< slowen. jug "Süden"), Potitze "eine
Mehlspeise (Rollkuchen)" (< slowen. potica "Kuchen"), Strankerl
(s.o.), Pogatsche (auch Pohatscha wie slowen.ma.
[poháča]) "ein (süßes) Weißbrot bzw. Kuchen" (53), Maischel "Netzlaibchen"
(< slowen. majželj aus dem Dt., zu bair. Maisen "Schnitte")
usw. Insgesamt gibt es in Kärnten ca. 180 slowenische Lehnwörter, von denen
nicht ganz die Hälfte heute noch in der bäuerlichen Mundart üblich ist, aber
immerhin sind über 15% in der Kärntner Umgangssprache allgemein gebräuchlich.
In der Mundart reicht der Sprachkontakt bis in die Phonetik/Phonologie (so
entspricht die Aussprache von dt. ch genau der von slowen. h,
z.B. [-x] ~ [-h-] in Villach~Villacher wie slowen. suh~suha "trocken"
oder lachen [lǡhn], aber (er) lacht [låxt]) und Grammatik
(z.B. er is niks då "er ist nicht [wörtlich: nichts]
da", hai(n)t regnet "heute regnet es [Fehlen des
Pronomens]", Nachahmung slowen. syntaktischer Muster (54)). Ein zweites
Kontaktgebiet ist Wien, über das einige gemeinbairische
(z.B. Kren "Meerrettich" < tschech. křen, Kolatsche/Golatsche
[-á-] "eine Mehlspeise" < tschech. koláč "Kuchen",
Ainetze "Gabeldeichsel" < tschech. ojnice, Strizzi
s.o. usw.), gemeindeutsche ((55) z.B. Stieglitz "Distelfink"
< tschech. stehlec, stehlík, Zeisig < tschech. čížek,
Preiselbeere < tschech. bruslina, Polka < tschech. půlka,
Sliwowitz "Zwetschkenschnaps" < tschech. slivovice
usw.) und ostösterreichische (wie z.B. Powidl "Zwetschkenmus"
< tschech. povidla "Mus") in unsere Sprache gelangt ist. Zu
trennen davon sind die spezifischen Wiener Lehnwörter aus dem
Tschechischen wie z.B. schetzkojedno "alles eins" (in der
Redewendung das ist mir schetzkojedno "das ist mir Wurst", veraltend,
< tschech. všecko jedno) oder pomali [pomā´li]
"langsam" (< tschech. po málu) sowie Mischbildungen wie Feschak
"Schönling" (dt. fesch + tschech. -ák). Aus der
Küchensprache (56) wären zu erwähnen u.a. Buchtel/Wuchtel "Germgebäck,
Hefeküchlein" (zu tschech. buchta "aufgegangene
Hefemehlspeise" + bair. Diminutiv -el), Haluschka "Teigwarenspeise
mit Topfen (und Speck)" (< tschech. haluška "kleiner
Kloß, kleine, dicke Nudel"), Liwanze "eine Mehlspeise,
Küchlein" (< tschech. lívance pl., zu líti "gießen";
sie werden als flüssiger Teig in eine Pfanne mit Vertiefungen gegossen und mit
Zimt und Zucker bestreut serviert (57)) oder Skubanki/Stubanki pl., auch
-en "eine Kartoffelspeise" (< tschech. škubánky zu
škubati "rupfen, zupfen"), diese werden aus dem
Kartoffelteig "ausgestochen" und in Fett gebacken, teils ähnlich
zubereitet wie die bayerischen Reiberdatschi "Kartoffelpuffer",
teils als Süßspeise mit Mohn bestreut (zum bair. Datschi gehört auch Tatschkerl
"kleine gefüllte Teigtasche" (vielleicht mit tschechisierendem -k-,
aber nicht aus tschech. taška "Tasche" entlehnt (58), +
Diminutiv -erl)
Dazu
kommen noch eine ganze Reihe tschechischer Einflüsse auf die
(ostmittelbairische) Wiener Mundart v.a. in der Phonetik/Phonologie, wie z.B.
der Verlust der Nasalvokale, Neigung zur Monophthongierung der Diphthonge und
Verlust des geschlossenen e und o, um einige wichtige zu nennen
(59). Das sogenannte "Wiener Vorstadt-L" zählt jedenfalls
nicht dazu: es ist ein "postdentales L", etwa [ł], das
ursprünglich nur in bestimmten ("ungebildeten") sozialen Schichten
üblich war und in "echter" Mundart ziemlich allgemein wurde; in der
dem "Hochdeutschen" (oder was man dafür hält) angenäherten
Umgangssprache wird es in jenen Positionen gesprochen, wo auf Grund der
bairischen L-Vokalisierung gar kein l stehen sollte, also z.B.
statt mundartl. [vœi] umgangssprachl. [vǣł] "weil"; ein
ähnliches L habe ich auch bei Oberösterreichern beobachtet. Das
tschechische L ist – slawistisch gesehen – ein
"mittleres" L, das eine andere Entwicklung genommen hat als
z.B. im Polnischen oder Slowenischen, wo gemeinslawisches L vielfach
über ł > w labialisiert worden ist. Beim r hingegen
bestehen Übereinstimmungen zwischen Tschechisch und Wienerisch einerseits und
Slowenisch und Kärntnerisch andererseits (60).
Auch
einige Redewendungen (61) sind Folge des Sprachkontaktes, mit italienischen
Wörtern z.B. einen Gizzi haben "zornig, ärgerlich sein" (v.a.
Wien, zu italien. guizzo "Zucken"), ein Gspusi mit jemandem
haben "eine Liebschaft haben" (auch bayerisch, zu italien. sposi
"Brautpaar"), auf etwas einen Gusto haben "begehrlich
nach etwas sein" (auch bayerisch, zu italien. gusto "Geschmack,
Freude"); mit tschechischen Wörtern z.B. auf
Lepschi gehen "sich vergnügen, sich herumtreiben" (zu tschech. lepší
"besser"), mit Familiennamen: erzählen Sie das der Frau
Blaschke! "das ist unwahr!", ich bin immer der Novak "ich
zahle immer drauf". Durch H. Qualtingers Figur (recte) Trávníček entstand
die Redewendung Travniček täte sagen... "nach landläufiger
Meinung würde ich sagen...". Auf einer ungarischen Wendung
beruht immer der Teschek sein "immer der Dumme sein" (zu
ungar. tessék "bitte(sehr)"); ein anderes ungarisches Wort
begegnet in einen Mulatschag machen "ein ausgelassenes Fest
veranstalten" (zu ungar. mulatság "Amüsieren"). –
Unklarer Herkunft ist die weitverbreitete Phrase tschari (tschali) gehen
"verloren gehen"; Beispiel für eine von Wien ausgehende
"österreichische" Redewendung ist Vurschrift ist Vurschrift,
etwa "Vorschriften müssen um jeden Preis eingehalten werden, auch wenn sie
als Schikane empfunden werden". Ein gemeinsamer bayerisch-österreichischer
Archaismus ist in jemandem etwas zu Fleiß (in Bayern: mit Fleiß) tun
"etwas mit Absicht tun (meist boshaft)" (die mittelhochdeutsche
Bedeutung "Eifer, Streit, Ärger" widerspiegelnd).
4. Österreichisches und Bayerisches/Bairisches
Deutsch
Dies
alles zeigt, dass Sprachkontakt am bairischen bzw. süddeutschen Charakter des
Deutschen in Österreich – diese Bezeichnung wird den Tatsachen eher
gerecht als "Österreichisches Deutsch" – nur sehr wenig
geändert hat. Signifikant haben die nicht-deutschen Sprachen der
Österreichisch-Ungarischen Monarchie das Deutsche in Österreich jedenfalls
nicht beeinflusst. Vielmehr ist dieses eine durch die Eigenstaatlichkeit
Österreichs bedingte nationale Varietät in der Hinsicht, dass die
Kommunikation innerstaatlich zu den eigenen Zentren hin gerichtet ist, wodurch
auch Unterschiede zum nächstverwandten Bayerischen entstanden sind, nicht auf
Basis der bairischen Volksmundarten, sondern vielmehr auf der Ebene der Schul-
und Verkehrssprache, was auch nicht geleugnet werden kann und schon vor einigen
Jahren von Hermann Scheuringer beobachtet und zuletzt von Ludwig Zehetner in
einer Wortliste dokumentiert wurde (62). So wird in der Leseaussprache in
Österreich das a immer "hell", in (Alt-) Bayern meist
"dunkel", fast wie å, ausgesprochen, auch in jüngeren
Lehnwörtern und fremden Namen wie Bank (Geldinstitut) und Amerika (also
[å]). Die diesseits und jenseits der Staatsgrenze mundartlich als Lenes
realisierten stimmlosen Plosive werden verschieden ausgesprochen, z.B. einem
gemeinsamen dialektalen [dae] "Teil" entspricht verkehrssprachliches
bayerisches [thael] vs. österreichisches [dael]. Die von Wien
ausgehende Neigung zur Monophthongierung von au und ai bleibt auf
das österreichische Staatsgebiet beschränkt usw. (63) Ganz offenkundig sind die
bayerisch-österreichischen Unterschiede im Wortschatz, sie stehen entweder mit
der staatlichen Verwaltung in Zusammenhang (und betreffen dann die gesamte BR
Deutschland), z.B. Abitur vs. Matura, Vorfahrt vs. Vorrang
und (amtssprachlich) Januar vs. Jänner oder es handelt sich
um "Austriazismen", die ursprünglich für Wien und den Osten bzw.
Südosten Österreichs typisch waren und sich bis zur Staatsgrenze ausgebreitet
haben, z.B. Jause vs. Brotzeit, Tischler vs. Schreiner oder
Rauchfangkehrer vs. Kaminkehrer. Heute noch gilt in Vorarlberg Schreiner
und in Tirol und Teilen von Salzburg Kaminkehrer – Hinweis,
dass es sich um eine sekundäre "Bereinigung" nach der Staatsgrenze
(64) handelt, die relativ jung und noch nicht ganz abgeschlossen ist.
Insgesamt
sind aber dennoch die Unterschiede im Wortschatz zwischen Österreich und Bayern
eher gering (65): in Zehetners Umkehrwörterbuch (66) "Einheitsdeutsch
– Bairisches Deutsch" sind von über 2500 Wörtern nur rund 50
oder 2% als "österreichisch" ausgewiesen; eine genaue Durchsicht des
Materials scheint die Zahl eher noch zu senken, nicht aber zu erhöhen, wie
folgende Beispiele zeigen:
Ass "Eiß, Abszess" (Ass ist nach ÖWB
mundartlich, es ist nicht als "österreichisch" im engeren Sinne zu
bezeichnen, denn die oa-Mundarten haben Oass wie in Bayern selbst
und z.B. in Tirol und Salzburg. Allen liegt gemeinsames bairisches Eiß zugrunde;
diese Lautung hat sich von Wien aus weit nach Westen verbreitet und wird daher
von Bayern als "österreichisch" empfunden)
faschen, Fasche(n) "fatschen, Fatsche(n)"
("bayerische" Aussprache auch in Österreich regional mundartlich und
umgangssprachlich üblich, z.B. in Kärnten, umgekehrt -sch- nach Zehetner
"seltener" auch in Bayern)
Schas "Darmwind, Furz; (in Bayern:) Scheiß, Pfurz" (laut
ÖWB "derb", bezüglich a gilt dasselbe wie bei Ass,
s.o., vgl. Tirol Schoass)
Sellerie (die) "der Sellerie" (laut ÖWB beides
zulässig, der auch in weiten Teilen Österreichs üblich, u.a. in Kärnten,
meist Séller(ie) betont; vgl. Wien der Zeller)
Waserl "Waiserl" (laut ÖWB ostösterreichisch bzw.
"mundartlich, landschaftlich", u.a. hat Salzburg Woaserl, eine
Aussprache, die auch Zehetner angibt, was zeigt, dass bezüglich des a derselbe
Fall wie bei Ass vorliegt)
Zwetschke "Zwetschge" (nur orthographischer Unterschied
wie u.a. Küken neben bair.-öst. Kücken).
Die
Wörter aus dieser verdienstvollen Liste im einzelnen:
Bassena "Ausguss; Waschlavor" (in Wien
bedeutet Bassena "gemeinsamer Wandbrunnen auf dem Gang alter
Wohnhäuser")
Bauchfleck "Baucherer"
Dachgleiche "Hebwein, Richtfest"
Eierschwammerl (nach ÖWB "ostösterreichisch,
landschaftlich") "Reherl, Rehling" (nach anderen Angaben ist
auch Eierschwammerl in manchen Teilen Altbayerns üblich; in Kärnten sagt
man auch Füchsling, in Tirol auch Pfifferling; Reherl o.ä.
kommt auch in der Steiermark vor)
Eierspeise "Rühreier"
Eiklar "Eiweiß"
faschiertes Laiberl "Fleischpflanz(er)l" (je ein
"Kennwort" für das jeweilige Land, doch ein relativ junges;
dem bair. Wort liegt Pfannzelte, eine Art Pfannkuchen, zu Grunde,
das sich auch in alten österreichischen Kochbüchern findet, z.B. Kärnten Türkenpfanzel
"Art Mais-Pfannkuchen", Blutpfanzel "ein Pfannkuchen
aus Blutwurst- [Blunzen-] masse" usw.)
Fetzen "(Putz-) Hadern, Lumpen"
Fleischhacker, -hauer "Metzger" (so auch
Westösterreich!)
Fleischlaiberl s. faschiertes Laiberl
Fliegenpracker "Fliegenpatscher, -tatscher"
Fridattensuppe (recte bzw. nach ÖWB Frittaten)
"Pfannenkuchensuppe"
Gelse "Schnack, Muck(en), Sta(u)nze(n)"
Geseres "Geseier" (ÖWB: Ostösterreich)
Gleiche = Dachgleiche
Jause "Brotzeit" (je ein "Kennwort" für
das jeweilige Land!)
Kipferl "Hörndl, Beugerl" (in der Bedeutung
"längliche Semmel, kleines Beugerl" auch in Bayern üblich)
Marende (v.a. Tirol) "Brotzeit"
Masel "Massel" (Aussprache und Schreibung)
Matura "Abitur; Abi [fehlt im Wörterbuchteil], Abs" (nur
letzteres im Wörterbuchteil, doch Abs entspricht nicht der
österreichischen Matura)
nachtmahlen "abendessen" (nachtmahlen bzw.
Nachtmahl (67), ost- und südostösterreichisch, der Westen hat Nachtessen,
die an Bayern grenzenden Bundesländer Salzburg und Oberösterreich haben meist
ebenfalls Abendessen)
nimmermehr "nimmer"
Obers "Rahm" (m.W. ist Obers hauptsächlich
ostösterreichisch und z.T. auch in Bayern üblich; im Westen und Süden
Österreichs ist auch Rahm, v.a. im Westen nur Rahm üblich)
Panier "Panade; (in Bayern:) Pànàt"
Pickerl (laut ÖWB "salopp", amtlich Vignette)
"Wapperl"
Presskopf, -wurst "Presssack, Schwartenmagen"
Ringlotte "Reineclaude; (in Bayern:) Ringlo"
Sakkó "Sákko" (Betonung; das Diminutiv Sackl gibt’s
auch in Österreich)
Schill "Zander"
Schlag(obers) "Schlagrahm" (s.o. Obers)
Schnackerl "Schnackler, Hetscher"
Schwedenbombe "Mohrenkopf"
Selcher "Metzger" (genauer: "wer
selcht" [das Grundwort ist in Bayern gang und gäbe], daneben regional in
Österreich auch Selcher "Selchwurst, geräucherte Brühwurst")
Stil "Stil" (mit Aussprache [štīl] wie Stiel,
der man allerdings auch in Österreich begegnet)
Stockerl "Hocker, Schemel; Schame(r)l"
Stoppel "Stopsel"
Sutzel (u.a. Oberösterreich; fehlt im ÖWB) "Schnuller;
Diezel"
Tischler(ei) "Schreiner(ei)" (je ein
"Kennwort" für das jeweilige Land!)
törisch "tore(r)t" (laut ÖWB
"mundartlich, landschaftlich")
Vogerlsalat "Feld-, Nisselsalat" (nur Ostösterreich,
der Westen hat ebenfalls Feldsalat, der Süden Rapunzel)
Zugeherin "Zugehfrau" (laut ÖWB beides v.a. im
Westen Österreichs üblich)
Zuzel "Diezel".
Das
Umkehrwörterbuch ist ein ganz wichtiger Teil von Zehetners
verdienstvollem und multifunktionalem (68) Wörterbuch Bairisches Deutsch
und zeigt auf, dass nicht so sehr die Staats-Grenzen das Deutsche in
Österreich von seinen unmittelbaren Nachbarn trennen, sondern dass es vielmehr menschliche
Grenzen der Wahrnehmung sind, die das eine oder andere Wort als
(un)bayerisch bzw. (un)österreichisch erscheinen lassen. Je weiter man im Osten
und Südosten Österreichs sprachlich verankert ist, desto mehr
"Austriazismen" wird man finden – weil einem der
westösterreichische, mit Bayern und Süddeutschland in vielem übereinstimmende
Sprachgebrauch gar nicht bewusst wird. Dies zeigt nicht zuletzt auch die
"EU-Liste", die zu 40% nicht aus "Austriazismen" im engeren
Sinne des Wortes besteht. Auch ein weiterer Aspekt sollte beachtet werden:
während "österreichisch" orientierte Germanisten und Linguisten einen
weit größeren spezifisch österreichischen Wortschatz zu entdecken glauben (69),
ist dieser bei "bayerisch" orientierten eher gering – dies
zeigt nicht zuletzt Zehetners Liste. Darüber sollte man ernsthaft diskutieren
und nicht sprachliche Vereinnahmung wittern (70). Und man sollte auch den
innerösterreichischen Unterschieden entsprechende Beachtung schenken, z.B.
(Tirol) Fleischkäse, (sonst meist) Leberkäse oder Karotte neben
Möhre und (gelbe) Rübe, (Westösterr.) Lüngerl, (der/die)
Sellerie / (Ostösterr.) Beuschel, (der) Zeller, (Kärnten) Strankerl
/ (sonst meist) Fisole usw.
5. "Austriazismen" –
Versuch einer Klassifikation
Unter
Einbeziehung "plurinationaler" (71) und "pluriarealer"
Gesichtspunkte (72) zu den traditionellen "plurizentrischen" (73)
lassen sich die Austriazismen in 3 bis 4 Gruppen zusammenfassen:
(1) staatsräumliche Austriazismen: v.a. Verwaltungs- und
Mediensprache (74) wie z.B. Landesgericht (vs. Landgericht), Bezirksgericht
(vs. Amtsgericht), Landeshauptmann (vs. Ministerpräsident),
Erlagschein (vs. Zahlkarte), Tischler (vs. Schreiner,
so auch in Vorarlberg), Jause (vs. Brotzeit), weiters Kundmachung,
Matura, Vorrang (vs. Vorfahrt), Korrespondenzkarte (vs.
Postkarte, s.o.) usw. – diese Wörter "enden" an der
Staatsgrenze (75); Scheuringer (76) spricht hier von "einem stark
staatsräumlich bestimmten Bereich", daher auch der von mir gewählte
Terminus. Dazu kommt noch der von Wien ausgehende gesellschaftsgebundene
Verkehrswortschatz wie z.B. Energieferien (umgangssprachlich für
"Schulsemesterferien") oder Allfälliges (statt binnendeutsch Verschiedenes
auf der Tagesordnung) sowie Produktbezeichnungen (z.B. Obers-/Apfelkren,
Heuriger, Sturm, Most) und einige Berufstitel (z.B. Primarius)
usw.
(2) süddeutsche Austriazismen: der österreichische
Wortschatz auf Grund der Zugehörigkeit des Landes zum süddeutschen Sprachraum)
wie z.B. Bub (vs. Junge), heuer (vs. dieses Jahr), kehren
(vs. fegen), Maut "Zoll", Brösel
"Paniermehl" usw.;
(3) bairische Austriazismen: der mit (Alt-) Bayern
gemeinsame Wortschatz des größten Teils von Österreichs auf Grund der
Zugehörigkeit beider Länder zum bairischen Großdialekt, z.B. Kren (vs. Meerrettich),
Scherzel, Einbrenn(e) usw., v.a. aus dem Bereich Küche und
Kochkunst: Beuge(r)l, Blaukraut, Blunzen, Bries, Brösel, Dampfl,
Einbrenn(e), Erdäpfel- (Kartoffel-) püree, -fleck (in Kuttelfleck usw.),
Geröstete ("Bratkartoffeln"), Geselchtes, Gugelhupf, Häuptel
(-salat), Hendl, -junge (in Hühner-, Enten- usw. statt -klein),
Kipfe(r)l, Kletzen, Knödel, Krapfen, Kraut(-kopf, -wickel), Kutteln,
Leberknödel, Laib (Brot), Marmelade, Nockerl, Orange, (der) Petersil,
Porree, Radi, Rahm, Rindsbraten, Ripperl, rote Rübe, Sauerkraut, Scherzel,
Schweinsbraten, Schmarren, Schwammerl, Semmel, Sur (-fleisch, -braten),
Tafelspitz, Tellerfleisch, Truthahn, Wecken (Brot), Weißwurst,
Wurzelwerk, Zipf (z.B. Polsterzipf "mit Marmelade
gefülltes Gebäck") und viele andere! (77)
(4) regionale Austriazismen (Untergruppen zu 1/2/3):
ost-/west-/südösterreichische Besonderheiten und solche einzelner Bundesländer,
z.B. großräumig (Ost) Obers, Nachtmahl vs. (West/Süd) Rahm
bzw. (West) Abend-/Nachtessen, kleinräumig (78) z.B. Strankerl "Fisole,
grüne Bohne" (Kärnten) oder Fraktion "Gemeindeteil" (v.a.
Tirol) oder Hotter "Gemeindegrenze" (Burgenland).
6. Zusammenfassung
Diese
Beobachtungen zeigen, dass das Verhältnis zwischen dem Deutschen in Österreich
und in der BR Deutschland (einschließlich des Freistaates Bayern) ein sehr verwickeltes
ist. Sprachkontakt (im engeren Sinn) hat kaum zur Differenzierung beigetragen,
viel entscheidender und folgenschwerer ist der "Varietätenkontakt"
(2.2), der die Integrierung Österreichs in den gesamtdeutschen
Sprachraum festigt und die österreichischen Besonderheiten in den Hintergrund
drängt (79). Innerstaatlich konditionierter Dialektkontakt mit verschieden
verlaufenden Kommunikationsströmen, bedingt durch die Eigenstaatlichkeit,
spätestens seit 1866/71, ließ einerseits die "staatsräumlichen Austriazismen"
der Amts- und Verwaltungs- bzw. Küchen- und Mediensprache entstehen (80) und
lieferte andererseits den Rahmen dazu, dass süddeutsche und bairische
Besonderheiten in unserem Lande ihre Position gegenüber binnen- und
bundesdeutschen Varianten besser behaupten konnten als etwa im Freistaat
Bayern. Dazu kommt die Randlage Österreichs im Süden des deutschen
Sprachgebietes und Randgebiete sind bekanntlich konservativer als Binnenräume.
Auch dies ist mit ein Grund für das Bewahren archaischen Sprachgutes.
Sprachkontakt selbst hat zwar in früherer Zeit dem österreichischen Deutsch
einige Wörter vermittelt, ist aber nur regional (heute nur mehr in Kärnten und
Wien) von Bedeutung, denn entscheidend war für Österreich die Einbindung in die
einheitliche gesamtdeutsche Standardsprache seit dem 18. Jhdt., die einerseits
die areale Gliederung des pluriarealen (81) deutschen Sprachgebietes
reflektiert, in Österreich im kleinen, in Deutschland im großen, andererseits
die deutschen Großdialekte überdacht und damit die Kommunikation sicherstellt.
Die plurizentrische Gliederung des deutschen Sprachgebietes ist sekundär
und historisch jünger und reflektiert die neuzeitliche politische Entwicklung
(82).
Anmerkungen
1. (1995:163f. bzw. Matzner-Holzer 2005:168f.). – Ich habe dieses Buch
schon kurz nach seinem Erscheinen sehr aufmerksam gelesen. Es ist das genaue
Gegenteil einer "deutsch orientierten" Darstellung. In solchen wird
ja jede historisch-kulturelle Besonderheit Österreichs konsequent übergangen. Holzers
"austronationaler Standpunkt" – wie ich dies nennen möchte –
hingegen will alles Deutsche wegprojizieren. Ich persönlich kann mit beiden
Gesichtspunkten nichts anfangen, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, wie
es ja auch sprachlich der Fall ist: Österreichisches Deutsch ist nicht nur
"österreichisch", sondern gleichzeitig auch süddeutsch (oder
oberdeutsch) und nur relativ Weniges deckt sich mit der Staatsgrenze. Die ernstzunehmende
österreichische Geschichtsschreibung setzt sich sehr wohl mit dem Anteil deutscher
Vergangenheit unseres Landes auseinander, u.a. wird im Sammelband Die
Habsburgermonarchie 1848-1919, Bd. III "Die Völker des Reiches" (Wien,
Verlag der ÖAW 1980) die heute tabuisiert meist "Altösterreicher"
oder "deutschsprachige Österreicher" genannte Bevölkerung (beide
Metaphern werden auch für die Deutschen Ungarns verwendet) konkret "die
Deutschen" genannt, auch Bruckmüller (1996:276ff.) spricht (Kap. IV.4) von
Die deutschen Österreicher vom "heiligen" zum
"großdeutschen" Reich. Vgl. dazu auch Scheuringer 1992.
2. gemeint ist Busek, dessen Name aber drei
Deutungen zulässt: (1) Kurzform zu tschech. Bohuslav o.ä. (eher wäre
dann Buschek [nach Bušek] zu erwarten, in der BR Deutschland
gibt es auch die Variante Buske (usw.), in jedem Fall zu einem mit slaw.
bogъ "Gott" beginnenden Personennamen gehörig; (2) nach
einem dt. Ortsnamen Buseck bei Gießen, der ebenfalls mit slaw. bogъ
zusammenhängt; und (3) norddeutsch Buseke, Übername zu ma. buse "Fischerboot".
– Gerade dieser Name zeigt uns, dass slaw. Familiennamen keine
österreichische Spezialität sind, sondern eine gesamtdeutsche Dimension haben:
typisch sind sie für den deutschen Osten und österreichischen Südosten.
3. Slawischer Herkunft ist manches am
Wiener und (noch viel mehr) Kärntner Deutsch (s. 3), doch gesamt-österreichisch
gesehen hat die vielsprachige Monarchie nur wenige Spuren im Österreichischen
Deutsch hinterlassen, was dieser Beitrag aufzeigen soll. Was am "Wiener
Vorstadt-L" slawisch sein soll, ist und bleibt unklar und man fragt
sich, wieso Autoren, die keine Linguisten sind, solche Behauptungen aufstellen.
4. Holzer 1995:59 bzw. Matzner-Holzer 2005:61.
5. wenn auch – nicht nur im deutschen
Sprachraum – die Ideologie des Blutes noch immer nicht überwunden ist.
Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht eine Äußerung eines slowenischen
Politikers (die ich aber nicht kommentieren will): "Nach der Abstammung
Slowene ist...jemand, der in sich etwas Slowenisches hat, ...z.B. dass
wenigstens einer der Großeltern seiner Abstammung nach Slowene war, das aber
bedeutet, dass wenigstens 12,5% slowenisches Blut in jemandem fließt...[und],
dass er...ein Slowene sein will..." – so der slowenische
Staatssekretär P. Vencelj im Marburger "Večer" am 15.1.1994.
6. 1992:171 u. Anm. 22.
7. auch "Mischvolk-Hypothese" –
genaues Gegenteil einer in die gesamtdeutsche Geschichte eingebetteten (bis
1938/45 üblich gewesenen) österreichischen Geschichtsauffassung. Während jede
"nationale" Geschichtsschreibung mit verschiedenen Abstammungs- und
Entstehungsmythen verknüpft ist, haben sich auch die Vertreter des
"Schmelztiegels Österreich" ihre eigenen Mythen geschaffen, beide
sind Varianten des Abstammungsmythos, einmal des "germanischen", ein
anderes Mal des "multikulturellen bzw. -ethnischen" (so berichtet
Holzer 1995:164 exemplarisch von ihren "vielfältigen
niederösterreichischen, kärntnerischen, bayerischen, slowenischen, kroatischen
und montenegrinischen Ursprünge[n]"). – Vgl. Anm. 8.
8. Eine solche Sichtweise ist nichts
anderes als die Rückseite des deutschtümelnden Spiegels, denn für eine
Volksgruppe bzw. für ein Volk (in der Wissenschaft Ethnie oder Ethnos)
stehen als wichtigste Charaktermerkmale nicht anthropologische, sondern
eindeutig soziokulturelle im Vordergrund. Kultur wird im weitesten Sinn
als ein wechselseitiger in sich verflochtener Komplex aus Sprache, Religion,
Wertnormen und Bräuchen verstanden, an denen die Angehörigen einer solchen
gesellschaftlichen Großgruppe gemeinsam teilhaben. Eine solche Definition
entzieht romantischen Vorstellungen jede Grundlage, erst die Politisierung
der Sprache, ausgehend vom nicht immer richtig verstandenen Herder’schen
Nationsbegriff "Volk gleicher Zunge, daher Volk gleicher Kultur",
hat die modernen (Sprach- bzw. Kultur-) Nationen hervorgebracht und auf Grund
sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Vorstellung von einer germanischen/slawischen/romanischen
Völkergruppe oder -familie geführt – als Reflex der betreffenden
Sprachfamilien. Doch dass Engländer und Deutsche "Germanen", Slowenen
und Serben "Slawen", Franzosen und Italiener "Romanen"
sowie Esten und Ungarn "Finnougrier" sind, ist in erster Linie eine
Angelegenheit des geschulten politischen Bewusstseins oder der höheren Bildung,
aber nicht Ausfluss nationalen Empfindens und Erlebens. "Slawe",
"Germane" usw. zu sein ist ein sprachwissenschaftlich begründeter
Mythos, ein Kärntner Slowene hat mit einem deutschen Kärntner, ein Deutscher
aus Pladen/Sappada mit einem Furlaner mehr gemeinsam als beispielsweise ein
deutscher Kärntner mit einem Vorarlberger oder ein slowenischer Kärntner mit
einem aus Prekmurje, denn die soziokulturellen Grenzen sind fließend und
stimmen nicht immer mit den sprachlichen und ethnischen Verhältnissen überein.
Eine solche Feststellung leugnet keineswegs die Bedeutung eines bestimmten
Sprachgebietes als Kommunikationsgemeinschaft über politische und kulturelle
(usw.) Grenzen hinweg, relativiert sie aber. Man darf dies aber auch nicht
umdrehen, indem man auf Grund eines romantisierenden Österreichbegriffs
behauptet, man fühle sich als Österreicher in Prag bzw. Laibach mehr zu Hause
als in München oder Berlin; dies mag auf viele Wiener bzw. Klagenfurter
zutreffen, sicher aber nicht auf Salzburger oder Innsbrucker in Bezug auf
München. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass gerade der
sich an der Sprache orientierende Nationalismus jene Nationalitätenkonflikte
hervorgebracht hat, die heute noch immer historisch gewachsene zwei- oder
mehrsprachige Länder entzweien; allzuoft endeten (und enden noch immer!) solche
Konflikte tragisch – mit "ethnischer Säuberung".
"Völker" sind also primär keine Abstammungsgemeinschaften, sondern
Produkte von natürlich entstandenen und/oder machtpolitisch organisierten
Lebensräumen. Daher war früher (bis ins 19. Jhdt.) die Sprache dem
Landesbewusstsein und der Religion nachgeordnet.
9. wie (Hoch-) Osterwitz in Kärnten,
vgl. Kronsteiner 1996:133f.; dieser Beitrag erschien in kürzerer Fassung auch
in der Tageszeitung "Der Standard" 30.11./1.12.1996, von wo er u.a.
den Weg auf die von R. Muhr (Graz) betreute "home-page" Österreichisches
Deutsch fand. Dies zeigt, dass alle Beiträge, die das "Deutsche"
in Österreich in irgendeiner Weise in Frage stellen, in manchen Kreisen
voreilig und unkritisch rezipiert und sofort als neue
"wissenschaftliche" Erkenntnisse präsentiert werden (zur Kritik an
Kronsteiner 1996 vgl. Pohl 1999:275f.).
10. vgl. auch Anm. 49 u. 73.
11. Herkunft umstritten, entweder zu
tschech. strýc "Onkel, Vetter" oder zu italien. strizzare "auspressen".
12. lt. Duden (bzw. mundartlich Kästen).
13. lt. Duden französischer Herkunft, was
nur für die binnendeutsche Form Marone, pl. -en zutrifft. Lt. ÖWB und bei
Zehetner 1997 gilt Maroni auch als Singular (formal eigentlich Plural
und weist eindeutig auf italienische Herkunft).
14. in einem ähnlichen Sinn Ebner 1988:164.
15. zu sprechen [ø ´draivə(r)], ein (an
sich originelles) Kunstwort aus dt. Ö 3, dem Namen eines populären
österreichischen Rundfunkprogrammes, das regelmäßig Verkehrsinformationen
sendet, und engl. driver "Fahrer, Chauffeur" – eine
Bezeichnung für autofahrende Informanten des Ö 3-Verkehrsdienstes.
16. = Österreichischer Rundfunk. – Der
ORF wird immer mehr zum Vermittler bundesdeutscher Ausdrucksweisen, angefangen
von den Zahlwörtern die Zwei/Drei usw. (nicht nur in der Werbung!) über
abweichendes grammatisches Geschlecht (das Gehalt) bis zur Aussprache (König,
Honig, zwanzig [-ich]) und Betonung (Rókoko, Plátin,
Labór, Kónsum, Merkúr usw., aber noch nicht Mathematík
und Káffee). Zuletzt zur Betonung Wiesinger 1999.
17. Zu grammatischen Besonderheiten vgl.
Tatzreiter 1988.
18. 1993 fühlten sich 80% der Österreicher
als Nation, 12% "begannen sich langsam als Nation zu fühlen" (Angaben
nach Bruckmüller 1996:65).
19. Vielleicht auch eine Spätfolge der
NS-Zeit: "Einer der Gründe...ist die Tatsache, dass viele Österreicher,
die in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1938 und 1945
aufgewachsen sind und in die damalige Überfremdung des österreichischen
Sprachgebrauchs hineinwuchsen, unsicher geworden sind. Gewisse Erscheinungen,
die nach Ausweis der österreichischen Literatur gänzlich legitim sind, kommen
ihnen unkorrekt, veraltet oder dialektal vor" (Hornung 1987:111f.).
20. dazu Back 1995 und Lipold 1988.
21. nach Greil-Wolkerstorfer 1997:514.
22. sogenanntes Protokoll Nr. 10, Teil des
österreichisches Beitrittsantrages (dazu vgl. De Cillia 1995, zuletzt
1998:78ff., sowie Pollak 1994:152ff., zur dialektologischen und
sprachgeographischen Kritik vgl. Pohl 1996:41 u. 1997a u. 1997b:19ff.). –
Sprachpolitisch gesehen wurde mit dieser kurzen Liste eine große Chance vertan:
je größer die Anzahl der (eigentlichen wie süddeutschen) Austriazismen gewesen
wäre, desto mehr wäre das Süddeutsche ganz allgemein gestärkt bzw. aufgewertet
worden und gerade im Hinblick auf die Regionen in der EU hätte die Vielfalt der
regionalen Alltagskultur ihren sprachlichen Reflex finden müssen – dies
ist meine Hauptkritik. Pollaks Kritik geht auch in eine andere Richtung, er
sieht in der seiner Meinung nach mangelnden Gleichberechtigung österreichischer
Ausdrücke gegenüber bundesdeutschen eine Gefährdung "der sprachlichen
Identität der Österreicher", deren "Sprachkultur ... eine
integrale Komponente der österreichischen Kulturnation" sei (Pollak
1994:152). Dies ist aber eine Neuauflage des alten, Herder’schen
Konzeptes der Kulturnation: da Österreich nach seinem Selbstverständnis eine
Nation ist, müsse es auch eine "Nationalsprache" haben. Die Vertreter
dieser Auffassung, außer Pollak u.a. Muhr, De Cillia u. Wodak, berücksichtigen
zu wenig die historischen und dialektogischen Grundlagen des Deutschen in Österreich:
Muhr (1998) spricht von der "Wiederkehr der Stämme", wenn die
sprachliche Eigenständigkeit Österreichs relativiert wird und die
Gemeinsamkeiten mit Bayern und dem süddeutschen Raum hervorgehoben werden, De
Cillia (1997:120) gibt die Angaben von Informanten unkritisch wieder, ohne die
dialektologischen Hintergründe zu kennen oder zu beachten (z.B. in Bezug auf Pfifferling
und Hackfleisch in Vorarlberg: Eierschwammerl und Faschiertes
sind dort unüblich, vgl. Wiesinger 1988:192 u. 217 sowie hier Anm. 43) und
Wodak (1994:26) meint aus einer Untersuchung schließen zu können, dass "die
ältere Generation Dudendeutsch höher wertet [als österr. Deutsch, H.D.P.],
Rechtsstehende und Deutschnationale ebenfalls" (vgl. auch Anm. 70). –
Aus einer solchen defizitären Sicht muss auch die EU-Liste der Austriazismen
entstanden sein, die auf den österreichischen Osten zugeschnitten ist und in
dieser Form – wenn überhaupt – nur für Wien gültig ist.
23. Ebner 1998.
24. Seibicke 1983.
25. 21. Auflage 1997.
26. Ammon 1996.
27. Zehetner 1997.
28. lt. Eintrag "Oberösterreich"
(S. 119), wohl ein Irrtum.
29. Eierschwamm Westösterrreich (wie übrigens auch Pfifferling!).
30. nur in der Zusammensetzung Hiefer-/Hüferschwanzl.
31. erstmals in der 38. Auflage enthalten
(Haupteintrag Hieferl).
32. geschrieben Hüfterl (S. 209),
wohl Irrtum.
33. in Ebner 1980 noch "SD".
34. in Deutschland selten auch Melanzane.
35. für "Kugel" im Amtsbatt der EU
(doch auch "Nuss" ist in Deutschland geläufig).
36. in Ebner 1980 noch "B".
37. ohne Tirol und Vorarlberg (so Ebner
1980).
38. v.a. im Osten Österreichs.
39. v.a. im Osten Österreichs.
40. ohne Vorarlberg (so Ebner 1980).
41. Haupteintrag Schlegel.
42. alle drei im ÖWB (letztere beide ohne
Kommentar). – In der Tabelle mit * markiert, sie gelten in Kärnten als
Vindobonismen.
43. da vielen über österr. Deutsch arbeitenden
Autoren das nötige Hintergrundwissen zu den dialektologischen Gegebenheiten in
Österreich fehlt, kommt es oft zu fragwürdigen Aussagen, wie z.B. bei De Cillia
1997:120: Frikadelle ist in der Tat in Vorarlberg unüblich, aber Faschiertes
auch, man sagt eben Hackfleisch und sollte dieses auch in Wien zur
Kenntnis nehmen, ohne weiteren Kommentar. Auch die auf der selben Seite
gegebene Bemerkung zu Fleisch- bzw. Leberkäs(e) lässt jede
Sachkenntnis vermissen: in Tirol (und z.T. auch in Oberkärnten) sagt man eben Fleischkäse,
wie auch in Baden-Württemberg, nicht aber in (Alt-) Bayern, wo – wie im
größten Teil Österreichs – Leberkäse gilt. Vgl.auch Anm. 44 u. 67.
44. Wie in Tirol ist auch in Vorarlberg
neben Eierschwamm das gemeindeutsche Pfifferling üblich (vgl.
Forer-Moser in Wiesinger 1988:192 u. 207 Anm. 3; nach Schatz 1993:69 ist das
Wort im Pustertal geläufig, im Zillertal bedeutet das Wort
"Giftpilz"). Auch dazu eine unpassende Bemerkung bei De Cillia
1997:199f. (vgl. a. Anm. 43).
45. Strankerl ~ slowen. strok "Hülse,
Schote" (< altslowen. *strǫk- < *strănk- ;
in neuerer Zeit rückentlehnt als štranklni pl.) und Rapunzel
< roman. rapuncium, -untium (ins Slowen. als repincelj entlehnt).
46. Dies trifft auch auch auf das Wort Jause
(und die Zusammensetzung Jausenstation) zu, um ein Lehnwort zu
nennen (vgl. Anm. 52).
47. z.B. Bechert-Wildgen 1991:2 u. 81.
48. sodass vielfach
"binnendeutsch" als "überholt" betrachtet wird (z.B.
Muhr-Schrodt 1997:5).
49. vgl. Walla 1992:174. –
Ausdrücklich sei festgestellt, dass auch Vertreter des
"österreichisch-nationalen Ansatzes" (so Schrodt 1997:15) wie u.a.
Rudolf Muhr (durchaus in Einklang mit Vertretern des
"österreichisch-integralen bzw. -integrativen Ansatzes" [so Schrodt
ebda.]) einräumen: Daß es innerhalb Österreichs sprachliche Unterschiede
gibt, ist bekannt. Üblicherweise werden das Ostösterreichische und das
Westösterreichische unterschieden...(Muhr 1997a:54), die Frage sei nur wie
groß diese Unterschiede sind (ebda. mit Lit.). – Um meine persönliche
Ansicht zu skizzieren: mit Rudolf Muhr bin ich bewusster Sprecher des
österreichischen Deutsch, das ich mit Hermann Scheuringer als
"süddeutsch" betrachte, da ich die österreichisch-deutsche
Staatsgrenze nur als politische, nicht aber ethnographische (und sprachlich nur
als sekundäre) Grenze sehe.
50. bis 1938 allgemein üblich, nach 1945
eher umgangssprachlich, heute veraltet (vgl. Hornung 1987:112).
51. alle Beispiele nach Ebner 1988:165-169.
52. < slowen. južina "Mittagessen",
welche Bedeutung Jause heute noch im Kärntner Lesachtal hat; die Jause
selbst wird im Slowen. mala južina "kleines
Mittagessen" genannt, in Kärnten meist [máwžna] ausgesprochen.
Zusammen mit Jausenstation ist dieses Wort zu einem Parade-Austriazismus
geworden.
53. z.T. dem Kärntner "Reindling"
entsprechend, z.T. auch abweichend davon (vgl. zwei Rezepte bei Angerer 1997:50
u. 177).
54. Näheres vgl. Pohl 1997c:1817 mit Lit.
55. rechnet man die gemeindeutschen u.
-bairischen Lehnwörter aus dem Tschechischen kritiklos als
"Austriazismen", erhöht sich freilich die Zahl der slawischen Lehnwörter
im österreichischen Deutsch erheblich.
56. Beispiele nach Hornung 1987:112,
Erklärungen nach Steinhauser 1978:112f., 116, 117 u. 117f.
57. Einem jüngst erschienenen Kochbuch zur
"Hausmannskost aus Südkärnten" (Angerer 1997) entnehme ich diese
Speise auch für den slowenischen Raum: livanci "Gerstenplatteln"
(aus dem Rosental, Angerer 1997:154), hergestellt aus Gerstenmehl mit Ei und
als dünne Fladen herausgebacken (als Suppeneinlage oder als Hauptspeise mit
Kompott).
58. vgl. Steinhauser 1978:117f.
59. eine Zusammenfassung des Standes der
Forschung zum tschechischen Einfluss aufs Österreichische Deutsch und
"Wienerische" vgl. bei Pohl 1997c:1809f. (mit Lit.).
60. dazu vgl. Pohl 1997c:1809 u. 1817 (mit
Lit.). – Der aufmerksame Leser wird Angaben zum Burgenland vermissen,
doch dort (ging und) geht der Sprachkontakt nur in eine Richtung: vom Deutschen
(und Ungarischen) zum Kroatischen hin, nicht zuletzt durch dessen
Sprachinselsituation (vgl. dazu Neweklowsky 1997:1824ff.).
61. alle Beispiele nach Malygin 1996.
62. Scheuringer 1990:372ff. bzw. Zehetner
1997: insb. 341ff.
63. alle Angaben nach Scheuringer 1990:373.
64. vgl. Scheuringer 1995 (mit Karten).
65. Dass viele "Austriazismen"
eigentlich "Bajuvarismen" sind, zeigt auch mein Kommentar zur
"EU-Austriazismen-Liste" (s.o.).
66. Zehetner 1997:342ff.
67. gerade Nachtmahl gilt als
Paradebeispiel "austronationalen" (vgl. Anm. 1), besser vielleicht
austrozentristischen Denkens. Weil (der aus dem Innviertel stammende)
Scheuringer zu Nachtmahl feststellt, "so würde ich nicht sagen ",
sieht der (von mir übrigens sehr geschätzte) Richard Schrodt nicht ein, warum
er statt dessen "Abendbrot (oder etwas entsprechendes) sagen muss. Hier
kann es die gute funktion einer "hochoffiziellen patronanz" sein ",
ihm sein Nachtmahl zu erlauben (tribüne 1996/4:9). Abendbrot hat
Scheuringer sicher nicht gemeint, vielmehr Abendessen – doch der
Gebrauch dieses Wortes steht ihm als Oberösterreicher aus dem Innviertel zu,
wie ja auch das Nachtmahl dem Wiener Schrodt, das auch für mich als
gebürtiger Wiener und in Kärnten lebender ganz normal ist und auf die Frage
nach dem Gebrauch des Wortes Abendessen gäbe ich die gleiche Antwort
"so würde ich nicht sagen"! Abendessen und Nachtmahl
sind in Österreich Synonyme (Ebner 1988:155 u. 153), doch im Osten und
Süden ist Nachtmahl das Normalwort, während es im Westen keine
mundartliche Deckung hat (und in Vorarlberg überhaupt ungebräuchlich ist, vgl.
Forer-Moser in Wiesinger 1988:214 u. 219). Daher ist die Feststellung, dass das
"Phänomen der sprachlichen Entäußerung...[das] auch
österreichischen Sprachexperten nicht fremd" sei (Muhr 1995:83), nicht
zutreffend. Vielmehr zeigt sich, dass das, was als
"standardsprachlich" empfunden wird, subjektiv ist, so würde ich die
anderen Beispiele (Muhr a.a.O. u. Ammon 1995:449) auch nicht allgemein als
standardsprachlich qualifizieren: geröstete Erdäpfel sind für mich nur
in einem österreichischen (nicht internationalen) Kochbuch oder auf einer
Speisekarte standardsprachlich, allfällig ist m.E. nur am Ende einer
Tagesordnung (als letzter Tagesordnungspunkt "Allfälliges" einer
Sitzung o.ä.) möglich, sonst wirkt es "geschraubt" und ist durch etwaige
zu ersetzen, und schließlich ist für mich sowohl Pölster als auch Polster
(pl.) Standard (im Gegensatz zu Scheuringer). – Leider bewegen sich
viele Diskussionen um "Austriazismen" auf dieser Ebene (s.a. Anm.
43).
68. "multifunktional" deshalb, da
es sowohl die geschriebene ("standard-süddeutsche") als auch die
gesprochene (volkstümliche) Sprache (Alt-) Bayerns umfasst, also auch die
Funktion (bezüglich des Standards) des ÖWB erfüllt.
69. vgl. Anm. 73 und das in Anm. 67 zu Nachtmahl
Gesagte; dieses Wort ist symptomatisch für die "Qualität" der
Auseinandersetzung ums österreichische Deutsch. Weitere solche Wörter sind z.B.
die in diesem Artikel genannten Wörter Paradeiser, Vogerlsalat, Powidl,
Obers, Eierschwammerl usw.
70. wogegen u.a. auch Scheuringer 1996:148. –
Ich glaube nicht, dass das Wort "Vereinnahmung" (u.a. bei Wodak
1994:26) in diesem Zusammenhang angebracht ist. Von vielen Österreichern werden
die heutigen Vorstellungen kritiklos ins 19. Jhdt. zurückprojiziert, so, als ob
wir immer schon (bloß deutschsprachige) "Österreicher" gewesen wären,
und keine "Deutschen". Die deutsche und österreichische Geschichte
verlief mindestens bis zur Gründung des Bismarck-Reiches 1871 und längstens bis
1945 gemeinsam, die "österreichische" Geschichte ist bis 1918 eine
des Hauses Habsburg bzw. eine Geschichte der einst im Reichsrat vertretenen
Länder und erst seit 1945 eine österreichische "Nationalgeschichte". –
Auch die Subsumierung der österreichischen Literatur unter dem Begriff
"deutsche Literatur" bedeutet m.E. keine "Vereinnahmung",
solange man diese analog zu "Deutsche Sprache" als "Literatur in
deutscher Sprache" interpretiert. Dazu vgl. Muhr 1997b:90-92 (mit Lit.),
auch zu den "Leiden" österreichischer Autoren, die ihre
österreichischen, süddeutschen und oft auch Wiener Ausdrücke nach dem Willen
bundesdeutscher Lektoren nicht in die (gesamt-) deutsche Literatur(sprache)
einbringen dürfen. Bemerkenswert erscheint mir die Tatsache, dass selbst ein/e
(sehr) "deutschnational" gesinnte/r Autor/in, der/die mir persönlich
bekannt ist, sich über Veränderungen und Eingriffe in den (auf Grund des Themas
in typischem österr. Deutsch gehaltenen) Originaltext bitter beschwert (Muhr
1997b [genaues Zitat unterbleibt mit Rücksicht auf den/die Autor/in]), was
zeigt, dass das bewusste Verwenden von bzw. das Eintreten für österr. Deutsch
nichts mit politischer Einstellung ("deutschnational" vs.
"austronational") zu tun hat (wie dies Wodak a.a.O. meint [vgl. hier
auch Anm. 22]). Doch diese Eingriffe bundesdeutscher Lektoren sind keine Vereinnahmung
(wie Muhr 1997b:91 andeutet), sondern sprachliche Gleichschaltung (ein
anderes Vokabel fällt mir nicht ein) des geschriebenen Wortes, beim Fernsehen
schon längst Realität, auch bei österreichischen Produktionen: sprach man z.B.
in den in Wien gedrehten Folgen des "Tatortes" in den 70er Jahren
noch "österreichisch", ist dies beim "Kommissar Rex" der
90er Jahre nicht mehr der Fall, v.a. gilt dies für den Kommissar (vgl. Muhr
1995:80), während die anderen Personen größtenteils
ostösterreichisch/wienerisch (oder was man dafür hält) reden, eine Sprachform,
die man im ORF auch bei in westlichen österreichischen Bundesländern spielenden
Fernsehfilmen hören kann.
71. Ammon 1996:159
72. Scheuringer 1996, Wolf 1994 (s.a. Anm.
61).
73. Muhr 1993 u. 1995, Pollak 1992 u. 1994. –
Ich halte den "plurizentrischen" und "pluriarealen" Ansatz
nicht unbedingt für Gegensätze, wenn ich auch, sprachgeographisch gesehen, den
pluriarealen als angemessener betrachte (vgl. Pohl 1997d:69). Eines wird
allerdings oft übersehen: der Gültigkeitsbereich sprachlicher Erscheinungen auf
Ebene des Standards ergibt sich eindeutig auf Grund der nationalen
Varietäten einer Sprache (so gelten viele Wörter in Österreich als
Standard, in Bayern aber nicht, z.B. Jänner, Ribisel, Jause,
was auch auf einige grammatische Besonderheiten zutrifft wie z.B. der Gehalt,
vergessen auf usw.) und nicht auf Grund arealer Gliederung in
Großdialekte. Diese aber lieferten (zusammen mit den historischen und
politischen Fakten) die Voraussetzungen dazu, dass überhaupt nationale
Varietäten entstehen konnten. Ich glaube, dass sich die "Bevorzugung"
eines der beiden Gesichtspunkte aus den wissenschaftlichen Schwerpunkten und
Interessen jener ergibt, die sich mit dem Österreichischen Deutsch
beschäftigen, daher neigen Kollegen wie Rudolf Muhr, die sich v.a. um das
Österreichische Deutsch im Unterricht "Deutsch als Fremdsprache"
verdient gemacht haben, eher zum "plurizentrischen" Ansatz, Kollegen
wie Hermann Scheuringer (und ich) eher zum "pluriarealen" (ähnlich
äußert sich auch Grzega 1997:152). S.a. Anm. 49.
74. vgl. Ebner 1980:215.
75. vgl. Wiesinger 1988:25f.
76. 1988:69.
77. vgl. Pohl 1997a: 1. u. 2. Teil.
78. es stellt sich die Frage, ob hier von Austriazismen
zu sprechen noch gerechtfertigt ist.
79. dies ist eine lapidare Feststellung, die
man als Linguist zu treffen hat, auch wenn man sie persönlich bedauert.
80. in einem ähnlichen Sinne auch Hornung
1987:112.
81. dieser treffende Begriff stammt von
Scheuringer 1996 (ich habe ihn schon in Pohl 1997d rezipiert).
82. vgl. Anm. 73.
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dt. = deutsch, ma.
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