Österreichisches
Deutsch
(Auszüge aus den Artikeln
Nr. 152,170, 180, 198 u. 298 im Schriftenverzeichnis http://members.chello.at/heinz.pohl/SchriftenVerzeichnis.htm )
© H.D.
Pohl, zuletzt bearbeitet am 2.8.2011
Allgemeines zum österreichischen Deutsch
Unter
„österreichischem Deutsch“ kann man alle Sprachgewohnheiten
innerhalb der Grenzen Österreichs verstehen − unbeschadet des Umstandes,
um welche Sprachebene es sich handelt und unbeschadet des Umstandes, dass ein
Teil dieser Sprachgewohnheiten auch in Bayern bzw. Süddeutschland anzutreffen
ist. Der Begriff „österreichisches Deutsch“ umfasst demnach auch
alle Mundarten Österreichs.
Der für
Österreich charakteristische Wortschatz bzw. die „Austriazismen“
lassen sich (nach P. Wiesinger
2006, 414) in 6 Punkte zusammenfassen:
1. Oberdeutscher
Wortschatz, der Österreich, die Schweiz und Süddeutschland (also Bayern und
Baden-Württemberg) gegenüber Mittel- und Norddeutschland verbindet;
2. bairisch-österreichischer
Wortschatz, der Österreich und Altbayern verbindet;
3. spezifisch-österreichischer
Wortschatz als Verwaltungs- und Verkehrswortschatz;
4. ostösterreichischer
Wortschatz;
5. regionaler
österreichischer Wortschatz;
6. Wortschatz
mit zusätzlichen spezifischen Bedeutungen, der verbreitungsmäßig einer der
vorgenannten Gruppen zugehört.
Beispiele dazu aus dem Bereich
Lebensmittel und Gastronomie (dazu siehe mein Kleines
kulinarische Lexikon und Küchensprache):
1.
Eierschwammerl, Erdäpfel, Gugelhupf, Knödel, Schlögel, Weichseln;
2.
Geselchtes, Grammeln, Ribisel, Semmel, Topfen;
3.
Beiried, Buschenschank, Faschiertes, Heuriger, Jause, Lungenraten, Marillen;
4.
Obers, Paradeiser, Powidl, Vogerlsalat;
5.
Schübling (eine
Wurstsorte, Vorarlberg), Strankerl
‘Fisolen’ (Kärnten), Potitze
(eine Mehlspeise, Kärnten und Steiermark), Klobasse
(eine Brühwurst, v.a. im Osten und Süden);
6.
Krapfen (für Teigtaschen,
v.a. Tirol), Nudeln (gefüllte
Teigtaschen, v.a. Kärnten), Stelze
(stattdessen in Bayern Schweinshachse,
sonst Eisbein; gemeindeutsch ist die
Bedeutung ‘Holzstütze für die Beine’), Krügel (nicht nur ‘kleiner Krug’ sondern auch
‘Halbliter Bier’).
Die
Gruppen 1 und 2 bilden „unspezifische“ österreichische Varianten,
da sie auch außerhalb Österreichs vorkommen, hingegen bilden die Gruppen 3-5
„spezifische“ österreichische Varianten, dazu kommt noch ein Teil
der Gruppe 6.
Das österreichische Deutsch weist keine Einheitlichkeit
auf, sondern ist umgekehrt als Resultat bzw. Summe der zwar unterschiedlich verbreiteten, aber
insgesamt für Österreich charakteristischen sprachlichen Erscheinungen zu
sehen, die man eben als
„Austriazismen“ bezeichnet (in einem
ähnlichen Sinne auch Jakob EBNER). Diese lassen sich auf etwa 7-8000 berechnen
(oder ca. 3% von insgesamt über 220.000 Worteinträgen in den großen deutschen
Wörterbüchern). Wirklich spürbar ist dies allerdings nur in spezifisch auf
österreichische Verhältnisse bezogenen Texten wie z.B. juristische Kommentare
oder Kochbücher.
Dies alles lässt sich nun verschieden beurteilen. In der österreichischen
Sprachwissenschaft haben sich hier mehrere – wie ich das nennen möchte
– Denkschulen herausgebildet. Zwar besteht bezüglich der arealen Vielfalt
des Deutschen in der Fachwelt bis zu einem gewissen Grad Konsens und dieser ist
dadurch geprägt, dass die deutsche Sprache in verschiedenen Staaten gesprochen
wird und somit mehreren Nationen bzw. staatlichen Gemeinschaften als
Kommunikationsmittel dient. Darüber hinaus stimmen die politischen Grenzen
zwischen den einzelnen deutschsprachigen Ländern nicht mit den Arealen der
Großdialekte überein, daher ergeben sich für das Deutsche zunächst drei
Einteilungskriterien: ein „plurinationales“
nach den Nationen („mindestens trinational“), ein „pluriareales“ nach den Hauptmundarten und ein „plurizentrisches“
nach den Zentren der einzelnen
Staaten (bis hinunter zu den Verwaltungszentren der einzelnen Länder).
Allerdings vermengen die meisten Vertreter des plurizentrischen Ansatzes diesen
mit dem plurinationalen oder setzen beide gar gleich. Dies trifft v.a. auf den
österreichischen Germanisten Rudolf Muhr
zu, der eine „österreichische Varietät“ der
„deutschländischen“ gegenüberstellt und dabei einer Auseinandersetzung
mit der österreichischen und bundesdeutschen sprachlichen inneren Gliederung
weitestgehend aus dem Wege geht. Eine Kombination des pluriarealen mit dem
plurizentrischen Konzept hingegen (von mir bevorzugt) unterstreicht einerseits
die österreichischen Besonderheiten und andererseits die zahlreichen
Gemeinsamkeiten mit dem ganzen süddeutschen bzw. altbayerischen Sprachraum;
beide sind nicht isoliert zu sehen, sondern erst deren Summe macht das aus, was
man „österreichisches Deutsch“ nennen kann. Daher sehe ich das
österreichische Deutsch als eine historisch durch Eigenstaatlichkeit erwachsene
nationale Varietät auf Grund des plurizentrischen bzw. pluriarealen Standpunkts,
da weder das österreichische noch das bundesdeutsche Deutsch als homogen zu
betrachten sind, vielmehr bin ich der Ansicht, dass die areale Gliederung, wie
sie für die BR Deutschland im großen besteht, sich im kleinen in Österreich
fortsetzt, wobei unbestritten bleibt, dass manche Erscheinungen nur auf
österreichischem Boden vorkommen, diese aber nur selten im ganzen Bundesgebiet
(gilt v.a. für die Gruppen 4 u. 5 nach Peter WIESINGER). Näheres siehe weiter
unter „Zur Sprachgeographie“.
Was sind nun
„Austriazismen“? Wie kann man sie weiter klassifizieren?
(A) staatsräumliche
Austriazismen: v.a. Verwaltungs-, Rechts- und Mediensprache wie z.B. Landesgericht
(vs. Landgericht), Bezirksgericht (vs. Amtsgericht), Landeshauptmann
(vs. Ministerpräsident), Katastralgemeinde, Landesrat (vs.
„Minister“ [eines Bundeslandes in der BRD]), Erlagschein
(vs. Zahlkarte), Tischler (vs. Schreiner, so auch in
Vorarlberg), Jause (vs. Brotzeit), weiters Kundmachung, Wachzimmer,
Matura (vs. Abitur), Ruhensbestimmungen, Vorrang (vs. Vorfahrt)
usw. – diese Wörter „enden“ an der Staatsgrenze, es ist
gerechtfertigt hier von „einem stark staatsräumlich bestimmten
Bereich“ zu sprechen, daher auch der von mir gewählte Terminus. Dazu
kommt noch der von Wien ausgehende gesellschaftsgebundene Verkehrswortschatz
wie z.B. Energieferien (umgangssprachlich für
„Schulsemesterferien“), oder Allfälliges (statt
binnendeutsch Verschiedenes auf der Tagesordnung) sowie
Produktbezeichnungen (z.B. Obers-/Apfelkren, Heuriger, Sturm,
Most) und einige Berufstitel (z.B. Primarius) usw.
(B) süddeutsche
Austriazismen: der österreichische Wortschatz auf Grund der
Zugehörigkeit des Landes zum süddeutschen Sprachraum) wie z.B. Bub (vs. Junge),
heuer (vs. dieses Jahr), kehren (vs. fegen), Maut
„Zoll“, Brösel „Paniermehl“ usw.
(C) bairische
Austriazismen: der mit (Alt-) Bayern gemeinsame Wortschatz des
größten Teils von Österreichs auf Grund der Zugehörigkeit beider Länder zum
bairischen Großdialekt, z.B. Kren (vs. Meerrettich), Scherzel,
Einbrenn(e) usw., auch in der Alltagskultur, wie viele Speisen beweisen:
Beuge(r)l, Blaukraut, Blunzen, Bries, Brösel, Dampfl, Einbrenn(e), Erdäpfel-
(Kartoffel-) püree, -fleck (in Kuttelfleck usw.), Geröstete („Bratkartoffeln“),
Geselchtes, Gugelhupf, Häuptel (-salat), Hendl, -junge (in Hühner-,
Enten- usw. statt -klein), Kipfe(r)l, Kletzen, Knödel, Krapfen,
Kraut(-kopf, -wickel), Kutteln, Leberknödel, -käse, Laib (Brot),
Marmelade, Nockerl, Orange, (der) Petersil, Porree, Radi, Rahm, Rindsbraten,
Ripperl, rote Rübe, Sauerkraut, Scherzel, Schweinsbraten, Schmarren,
Schwammerl, Semmel, Sur (-fleisch, -braten), Tafelspitz, Tellerfleisch,
Truthahn, Wecken (Brot), Weißwurst, Wurzelwerk, Zipf (z.B. Polsterzipf
„mit Marmelade gefülltes Gebäck“) usw. − Den
tiefgreifenden Gemeinsamkeiten zwischen dem bayerischen und österreichischen
Bairischen stehen allerdings auch Unterschiede gegenüber, z.B. (Bavarismus
/ Austriazismus): Schweishaxe(n) / -stelze, Hackbraten / Faschierter
Braten, Feldsalat / Rapunzel oder Vogerlsalat, Fleischpf(l)anzel / Fleischlaibchen,
Reiberdatschi / Kartoffelpuffer, Obatzter / (abgemachter Topfenkäse
ähnlich wie z.B. Liptauer o.ä), gelbe Rübe / Karotte oder Möhre,
Radieserl / Radieschen. Doch solche Unterschiede gibt es auch innerhalb
Österreichs, z.B. (Tirol) Fleischkäse, (sonst meist) Leberkäse
oder Karotte neben Möhre und (gelbe) Rübe, (Westösterr.) Lüngerl,
(der/die) Sellerie / (Ostösterr.) Beuschel, (der) Zeller,
(Kärnten) Strankerl / (sonst meist) Fisole usw.
(D) regionale
Austriazismen (Untergruppen zu A/B/C): ost-/west-/südösterreichische
Besonderheiten und solche einzelner Bundesländer, z.B. großräumig (Ost) Obers,
Nachtmahl vs. (West/Süd) Rahm bzw. (West) Abend- / Nachtessen,
kleinräumig z.B. Strankerl „Fisole, grüne Bohne“ (Kärnten)
oder Fraktion „Gemeindeteil“ (v.a. Tirol) oder Hotter „Gemeindegrenze“
(Burgenland).
Daher sollte bei jeder
Beschreibung des österreichischen Deutsch der Punkt (A) im Mittelpunkt
stehen sowie juridisch Relevantes aus (D), alles übrige ist mehr von
folkloristischer/mundartkundlicher (usw.) Bedeutung. Eine gute Übersicht finden
Sie unter http://www.das-oesterreichische-deutsch.at/ (den
Abschnitt „Wortschatz und Grammatik“ anklicken). Eine Liste der gängigen
Küchenausdrücke finden Sie unter http://members.chello.at/heinz.pohl/KuecheDeutschOesterr.htm.
Worin und wie unterscheidet
sich das „österreichische“ Deutsch vom „deutschländischen“
Deutsch?
(A) Auf Ebene
des Standards (bis auf einige Aussprachegewohnheiten und lexikalische
Besonderheiten) kaum.
(B) Auf Ebene
der täglichen Verkehrs- und Umgangssprache wenig vom süddeutschen
Raum, stärker vom binnen-bzw. norddeutschen.
(C) Auf Ebene
der Verwaltungs- und Rechtssprache sowie in der Gastronomie erheblich.
(D) Auf Ebene
der Wirtschafts- und (Print-) Mediensprache mehr oder weniger erheblich, abhängig von den Themen
der Berichterstattung, international weniger, im Lokalteil mehr.
(E) Auf Ebene
von Rundfunk und Fernsehen kaum − abgesehen von bestimmten
Nachrichtenthemen (wie D) und von landes- bzw. regionalspezifischen
Sendungen (wie F).
(F) Auf Ebene
der Alltagskultur wenig vom süddeutschen Raum, stark vom binnen-
und norddeutschen.
(G) Auf Ebene der
Mundarten überhaupt nicht (d.h. fließend entlang der Staatsgrenze).
(H) Auf Grund
des pragmatischen Sprachverhaltens stark.
(I) Auf
Ebene der Schulsprache nach Bundesländern verschieden mehr oder
weniger stark, doch hier bestehen
auch deutliche Unterschiede zu Bayern.
Zur Terminologie:
„Austriazismus“ und „Helvetismus“ sind klar, „Teutonismus“ und/oder
„Deutschlandismus“ aber unscharf. Wie die Rep. Österreich (West-/Ost-
und Ost-/Südost-Gefälle) ist auch die BR Deutschland sprachlich in sich
gegliedert (Nord-/Süd- und West-/Ost-Gefälle). Weder
„binnendeutsch“ noch die „Teutonismen“ in ihrer
Gesamtheit erfassen die ganze BR Deutschland, „bundesdeutsch“
aber ist zumindest die Rechts- und Verwaltungsterminologie und sollte daher auf
dieser Ebene der entsprechenden „österreichischen“ (und
ggf. „schweizerischen“)
gegenübergestellt werden. Überall sonst sind die Grenzen fließend.
„Bundesdeutsch“ ist also
für die Rechts- und Verwaltungssprache klar verwendbar (im Sinne von C,
das wären also dann die „Deutschlandismen“ im konkreten Sinn des
Wortes). „Binnendeutsch“ ist hingegen ein rein sprachgeographischer
Begriff; „Teutonismus“ als unscharfer Begriff, der noch dazu bei
Nicht-Fachleuten falsche Vorstellungen erwecken könnte, sollte tunlichst
vermieden werden (wenn er auch in der Fachliteratur vorkommt).
Zur Geschichte:
Bis ins 18. Jahrhundert war in den habsburgischen
Territorien sowie im katholischen Süddeutschland die „Oberdeutsche
Schreibsprache“ vorherrschend. Zunächst stand man in Österreich – wie überhaupt im
deutschen Süden (v.a. in Bayern und in der Schweiz) – der auf
ostmitteldeutscher Grundlage beruhenden (noch dazu
„protestantischen“) deutschen Schriftsprache eher ablehnend
gegenüber und es kam darüber in den österreichischen Kronländern zu einem heftigen Gelehrtenstreit. Zu
dieser Zeit erforschte Johann Siegmund Popowitsch die Unterschiede zwischen dem
in den Österreichischen Erblanden und anderen Teilen des „Heiligen
Römischen Reichs deutscher Nation“ gesprochenen und geschriebenen
Deutsch. Er stammte aus der Untersteiermark und war von 1753 bis 1766 Professor
für Deutsche Sprache an der Universität Wien und stand dem die deutsche Sprache
nach dem Meißnischen Sprachgebrauch
normierenden Gottsched ablehnend gegenüber. Bei seinem Tod 1774
hinterließ Popowitsch einen umfangreichen Zettelkasten, aus dem das erste
österreichisch-deutsche Wörterbuch hervorgehen hätte sollen: Vocabula
Austriaca et Stiriaca (Nach der
Abschrift von Anton Wasserthal herausgegeben und eingeleitet von R. Reutner.
2 Teile, Frankfurt a.M. u.a. 2004). Zu seinen Lebzeiten erschienen sind u.a. Die
nothwendigsten Anfangsgründe der teutschen Sprachkunst, zum Gebrauche der
oesterreichischen Schulen ausgefertigt (Wien 1754).
Doch in Österreich erkannte man
bald, dass ein oberdeutscher Sonderweg keine Zukunft hat und mit Einführung
der allgemeinen Schulpflicht (1774 unter Maria Theresia und Joseph II.) wurde
auch in Österreich das Gottschedsche Deutsch als offizieller Standard
festgelegt (in der Verwaltung verbindlich ab 1780). Zur Zeit Maria Theresias
und Josephs II. trat der österreichische Aufklärer, Verwaltungsreformer,
Schriftsteller und Professor für politische Wissenschaften an der Universität
Wien, Joseph von Sonnenfels (1732-1817), für die Vereinheitlichung der Sprache
ein. Er befürwortete auch die Reduktion der Sprachenvielfalt in der Verwaltung
des vielsprachigen Habsburgerreichs und verfasste 1784, als Joseph II. die
deutsche Sprache als allgemeine Amtssprache durchsetzen wollte, das Lehrbuch Über
den Geschäftsstil: die ersten Grundlinien für angehende österreichische
Kanzleybeamten, das bis 1848 das Standardwerk an den österreichischen
Universitäten (insbesondere an den juridischen Fakultäten) war. Erklärtes Ziel dieses Lehrbuchs war, die
Sprache der Verwaltung so zu normieren, dass sie überall im Vielvölkerstaat
einheitlich verwendet werden konnte. Dabei stand weniger eine einheitliche
deutsche Standardsprache im Vordergrund, vielmehr war die allgemeine
Verständlichkeit des Sprachgebrauchs der staatlichen Verwaltung sein Anliegen.
Somit bedeutete sein Lehrbuch den Beginn der Entstehung einer österreichischen
Standardvarietät der deutschen Sprache. Durch die gemeinsame Verwaltung
des Vielvölkerstaates und den dadurch bedingten kulturellen Austausch im
Kaisertum Österreich und (ab 1867) in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
sind zahlreiche Lehnwörter aus dem Tschechischen, Ungarischen, Italienischen,
Slowenischen, Kroatischen, Serbischen usw. ins österreichische Deutsch gelangt.
Zur Sprachgeographie:
Die Eingebundenheit Österreichs in den
ganzen deutschen Sprachraum unterstreichen auch die Daten des „Wortatlas
der deutschen Umgangssprachen“ (von Jürgen EICHHOFF, Bd. 1-2 Francke
Verlag Bern-München 1977-1978, Bd. 3-4 K.G. Saur Verlag, München-Bern
1993-2000). Von insgesamt 266 kartographisch
dargestellten sprachlichen Erscheinungen ist rund ein Drittel (oder 94) in
Bezug auf Österreich irrelevant, da es sich bei diesem zwar um
(überwiegend) im süddeutschen Raum vorkommendes Sprachmaterial
handelt, dieses aber auch anderswo üblich ist, jedoch nicht
im gesamten deutschen Sprachgebiet. Exklusiv österreichisch
sind insgesamt 71 Erscheinungen, davon sind 39 (mehr oder weniger) in
ganz Österreich und 32 weitere nur im Osten und/oder Südosten üblich (also
nicht in ganz Österreich). In 49 Fällen stimmt Österreich nur mit Bayern
überein, in 55 weiteren Fällen mit dem gesamten süddeutschen Raum. Immerhin
unterscheidet sich Österreich in 7 Fällen vom Freistaat Bayern und stimmt dabei
mit anderen Regionen überein. Die beiden größten Gruppen sind also die
süddeutsche und die erstgenannte mit jenen 94 sprachlichen
Erscheinungen, die über den süddeutschen Raum deutlich hinausgehen. Manche
Karten mussten doppelt gezählt werden, da dort zwei (oder mehr)
"österreichische" Wörter genannt sind, von denen eines und mitunter
auch beide (und mehr) unterschiedlich innerhalb und außerhalb Österreichs
verteilt sind. Zum Vergleich: exklusiv schweizerisch sind 80 erhobene Daten (gegenüber 71
österreichische), davon sind nicht alle in der ganzen Schweiz üblich (analog zu
Österreich); unter diesen Helvetismen sind über 30 % mundartlich (unter den
erhobenen Austriazismen sind Dialektismen eher gering). Die ehemalige DDR
schlägt sich in nur 8 Wörtern nieder.
Wie
weit das österreichische Deutsch durch Sprachkontakt geprägt ist, siehe unter:
http://members.chello.at/heinz.pohl/Sprachkontakt.htm
Unten geht’s weiter, zunächst einige wichtige
Bücher zum Thema:
Variantenwörterbuch des
Deutschen.
Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland
sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Von Ammon, Ulrich / Bickel, Hans / Ebner,
Jakob / Esterhammer, Ruth / Gasser, Markus / Hofer, Lorenz / Kellermeier-Rehbein, Birte / Löffler, Heinrich / Mangott,
Doris / Moser, Hans / Schläpfer, Robert / Schloßmacher, Michael / Schmidlin, Regula / Vallaster, Günter (unter Mitarb. v.
Kyvelos, Rhea / Nyffenegger, Regula / Oehler, Thomas). Berlin − New York,
de Gruyter 2004, LXXV, 954 S., ISBN 978-3-11-016575-3, € 68,-
Jutta RANSMAYR, Der Status des Österreichischen Deutsch an
nicht-deutschsprachigen Universitäten. Eine empirische Untersuchung. Frankfurt
am Main, Peter Lang 2006, 326 S., ISBN 978-3-361-55242-1, € 58,10
(Österreichisches Deutsch – Sprache der Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R.
Schrodt, Bd. 8)
Robert Sedlaczek, Das
österreichische Deutsch (Wie wir uns von unserem großen Nachbarn
unterscheiden). Ein illustriertes Handbuch. Wien, Ueberreuter
2004, 496 S., 150 farbige Abbildungen, ISBN:
978-3-8000-7075-6
€ 34,95 (im Internet unter: www.das-oesterreichische-deutsch.at)
Robert
Sedlaczek, Wörterbuch der
Alltagssprache Österreichs. In Zusammenarbeit mit Melita Sedlaczek.
Innsbruck-Wien, Haymon Taschenbuch (haymon
tb73), Innsbruck-Wien 2011.
ISBN 978-3-85218-873-7, € 12,95
Ludwig Zehetner, Bairisches Deutsch. Lexikon der
deutschen Sprache in Altbayern. Regensburg, edition vulpes 2005, 488 S., ISBN 3-9807028-7-1, € 29,00
Jakob
Ebner, DUDEN – Wie sagt man
in Österreich? Wörterbuch des österreichischen Deutsch. 4., neu bearbeitete
Auflage. Mannheim - Wien -
Zürich, Dudenverlag 2009, 480 S., ISBN: 978-3-411-04984-4, € 15,40 [3. Auflage
1998, 382 S. (Duden-Taschenbücher Band 8); 1969 erstmals erschienen].
(Rezension der
Neuauflage folgt hier)
Herbert
Fussy, Auf gut Österreichisch.
Wien, öbv&hpt 2003, 144 S., ISBN 978-3-209-04348-1, €
12,90.
Ioan Lăzărescu
− Hermann Scheuringer, Limba
germană din Austria. Un dicţionar German-Român / Österreichisches Deutsch.
Ein deutsch-rumänisches Wörterbuch. Bucureşti, Editura
Niculescu 2007 – Passau, Karl Stutz 2007, ISBN 973-3-88849-982-1,
978-973-748-180-1
Heidemarie
Markhardt, Das österreichische Deutsch
im Rahmen der EU. Frankfurt am Main, Peter Lang 2005, 376 S., ISBN
3-361-53084-6, € 56,50 (Österreichisches Deutsch – Sprache der
Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R. Schrodt, Bd. 3)
Heidemarie
Markhardt, Wörterbuch der
österreichischen Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungsterminologie. Frankfurt
am Main, Peter Lang 2006, 134 S., ISBN 978-3-361-55247-6, € 28,30
(Österreichisches Deutsch − Sprache der Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R.
Schrodt, Bd. 7)
Rezension zu beiden
Werken in KBS Bd. 33
(2007 [2009]
Rudolf
Muhr − Manfred B. Sellner (Hg.), Zehn Jahre Forschung zum Österreichischen
Deutsch: 1995-2005. Eine Bilanz. Frankfurt am Main, Peter Lang 2006, 292 S., 16
Beiträge, ISBN 978-3-631-55450-0, € 52,90 (Österreichisches Deutsch −
Sprache der Gegenwart, hg. v. R. Muhr u. R. Schrodt, Bd. 10)
Rudolf
Muhr, Österreichisches Aussprachewörterbuch. Österreichische Aussprachedatenbank.
Frankfurt am Main – Berlin – Bern – Bruxelles –
New York – Oxford – Wien, Peter Lang 2007, 524 S., zahlr. Abb. und Tab., 1 CD, ISBN
978-3-631-55414-2, geb. DE € 68,00,
AT € 70,00
Rezension in KBS Bd. 33 (2007 [2009]
Robert Sedlaczek,
Kleines Handbuch der bedrohten Wörter
Österreichs. Wien, Ueberreuter 2007,128 S.,
ISBN:
978-3-8000-7320-7, € 9,95 (s.a. http://www.unsere-sprache.at/)
Peter
Wiesinger, Das österreichische
Deutsch in Gegenwart und Geschichte. Wien-Berlin, Lit Verlag 2006, 440 S., ISBN 3-8258-9143-7, € 29.90;
2. erweiterte Auflage 2008, 464 S., ISBN 978-3-8258-9143-5, € 29,90
Rezension in KBS Bd. 33 (2007 [2009]
Zum „Österreichischen Wörterbuch“: http://www.oebv.at (> Wörterbücher)
Zur Sprache der österreichischen Küche: http://members.chello.at/heinz.pohl/Kueche1.htm
Zu den österreichischen Mundarten: http://members.chello.at/heinz.pohl/Mundarten.htm
Zum Sprachkontakt allgemein hier, zu
Wien (Tschechisch) und Kärnten (Slowenisch)
Einige Gedanken
zum österreichischen Deutsch
Der
Österreicher spricht (wenn man von den Minderheiten absieht) durchwegs oberdeutsch, größtenteils (aus
historischer Sicht) bairisch, genauer: bairisch-österreichisch (rund 7
Mill. Personen), zu einem kleinen Teil alemannisch (rund 300.000 Personen, v.a.
Vorarlberg). Wahrscheinlich sprechen mehr Österreicher bairisch als Angehörige
des Freistaates Bayern (insgesamt ca. 12 Mill. Einwohner), der ja − wie
auch Österreich − im Westen von Alemannischsprachigen (Schwaben) und
darüber hinaus im Norden von Ostfränkischsprachigen bewohnt wird. Mit anderen
Worten, ein Bayer ist zwar ein Einwohner des Freistaates, aber nicht
unbedingt ein Baier in sprachlicher Hinsicht. Insgesamt wird es wohl
rund 13-14 Mill. bairisch-österreichisch sprechende Personen geben, verteilt
auf die drei Staaten Österreich, Deutschland und Italien. Österreich ist (mit
Südtirol) zwar „mehr bairisch“ als Bayern, aber in
bairisch-österreichischen Regionen nimmt heute der nord- bzw. binnendeutsche
Sprachgebrauch zu, auch in österreichischen Zeitungen sind Worte wie Junge
für Knabe bzw. Bub und Bursche, Treppe für Stiege,
Kartoffel für Erdäpfel usw., Plurale wie Jungs, Mädels usw.,
Wendungen wie er ist gut drauf, es macht keinen Sinn (letzteres
kommt eigentlich aus dem Englischen), guck mal usw. heute gang und gäbe;
er/sie/es hat gestanden/gelegen/gesessen kann man heute auch in Bayern
und Österreich oft hören. Auch der ORF (Österr. Rundfunk) bedient sich
zunehmend norddeutscher Wörter und Wendungen sowie Aussprachegewohnheiten (wenn
z.B. bei einer Lottoziehung 20 „die Zwanzich“ gezogen worden ist).
Das für Pflichtschulen verbindliche „Österreichische
Wörterbuch“ http://www.oebv.at > Wörterbücher) versteht sich
als ein „Wörterbuch der guten, richtigen deutschen Gemeinsprache“;
es weist keine wie immer geartete Tendenz zum sprachlichen Separatismus auf,
denn das österreichische Deutsch ist in vielfacher Hinsicht mit dem ganzen
oberdeutschen Raum verbunden, wobei es in Österreich selbst ein Nord/Süd- bzw.
Ost/West-Gefälle gibt und eben dies wird im „Österreichischen
Wörterbuch“ festgehalten und dokumentiert und bleibt – sofern zum
Standard gehörig – unmarkiert, während im „Duden“ die
österreichischen Abweichungen vom „Bundesdeutschen“ als solche
markiert werden
In der
Zeit nach 1945 erfolgte die Abkehr vom großdeutschen Gedanken und man vermied
jeden Bezug aufs Deutschtum. Im Bildungswesen zeigte sich dies u.a. in der
(vorübergehenden) Umbenennung des Schulfaches „Deutsch“ in
„Unterrichtssprache“ (bis 1954/56). Die weit verbreitete, aber
einer kritischen Überprüfung nicht standhaltende Ansicht, das österreichische
Deutsch sei eine einheitliche Sprachform vom Bodensee (oder zumindest vom
Arlberg) bis zum Neusiedler See, entspringt z.T. dem Wiener zentralistischem
Denken nach der Formel „Wien = Österreich“ − somit besteht
eine gewisse Neigung, ostösterreichische und Wiener Ausdrucksweisen für das
ganze Bundesgebiet zu verallgemeinern, welcher Ansicht – wie oben erwähnt
– das „Österreichische Wörterbuch“ nicht folgt, indem es west- und
südösterreichische Besonderheiten, die auch in Deutschland üblich sind,
gebührend berücksichtigt, z.B. Schreiner, Metzger, Schlagrahm usw. Trotzdem
darf man sich nicht der Realität verschließen, dass die deutsche
Standardsprache in Österreich stark von Wien und vom Osten her geprägt ist und
das Sprachverhalten der Bundeshauptstadt einen gewissen, wenn auch nicht
allgemeinen Vorbildcharakter hat. Dies zeigt sich u.a. auch darin, dass viele,
dem Bairisch-Österreichischen ursprünglich fremde Wörter, über Wien
„eingebürgert“ worden sind, wie z.B. Tischler statt Schreiner,
Fleischer amtlich neben Fleischhauer/Metzger oder derzeit schwul
‘homosexuell’ (neben warm,
so umgangssprachlich bzw. abfällig) und tschüs (oder tschüss)
statt servus. Auch der
Österreichische Rundfunk (ORF) trägt zur Verbreitung ursprünglich ganz und gar
unösterreichischer Wörter und Wortformen bei, z.B. Sahne (statt Rahm oder Obers), Jungs (statt Buben bzw. Burschen),
Mädels (statt Mädel(n)), die Zwei/Drei (statt der Zweier/Dreier) usw.
Zahlreiche „österreichische“ Wörter und Wendungen (abgesehen
von den oben unter Punkt 3-5 genannten) werden auch von den (meisten) Bayern
als hochsprachlich betrachtet. Nur rund 2-3 % des „österreichischen“
Wortschatzes (also des in Österreich gesprochenen Standarddeutschen) sind
„Austriazismen“ im engeren Sinn des Wortes. Eine exakte
landschaftliche Abgrenzung des Wort- und Sprachmaterials ist meist nur schwer
möglich. Die meisten „echten“ Austriazismen sind vornehmlich in der
eigenstaatlichen Tradition Österreichs und nur in geringem Ausmaß in der
mundartlichen österreichischen Sprachlandschaft begründet, wie z.B. Nationalrat (gegenüber Bundestag), Landesgericht (gegenüber Landgericht), Bezirksgericht
(gegenüber Amtsgericht), Landeshauptmann (gegenüber Ministerpräsident),
Erlagschein (gegenüber Zahlkarte), Tischler (gegenüber Schreiner,
so auch in Vorarlberg), Jause (gegenüber Brotzeit, Vesper); diese Wörter
„enden“ an der Staatsgrenze, es handelt sich also in diesem
Zusammenhang um einen stark staatsräumlich bestimmten Bereich. Der ganz
überwiegende Teil des österreichischen Wortschatzes jedoch ist süddeutsch, wie
z.B. Bub (gegenüber Junge), heuer (gegenüber dieses
Jahr), kehren (gegenüber fegen), Maut ‘Gebühr
für Straßen- bzw. Brückenbenützung’, (alt) Zoll’, Brösel
‘Paniermehl’ usw. Im Wörterbuch Bairisches
Deutsch (Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern) von Ludwig ZEHETNER fand
ich nur rund 4-6% Wörter, die (zumindest meinem subjektiven Empfinden nach) in
Österreich (auch regional) unüblich sind. Daher sollte man hinsichtlich der
Definition, was „österreichisches Deutsch“ im engeren Sinne ist,
sehr behutsam vorgehen.
Was man unter österreichischem Deutsch versteht, ist jene Sprachform, die
in Österreich als Standard empfunden wird, wozu zunächst einige
Aussprachegewohnheiten zu zählen sind, so wird die Endung -ig als [-ik]
(und meist nicht [-iç]) gesprochen, z.B. dreißig
[´draisik], König [´kø:nik]. Die
Gruppen che-/chi- werden in Österreich ausschließlich als [ke-/ki-]
gesprochen, nicht [çe-/çi-], z.B. China
[´ki:na]. Während in Deutschland die offene Aussprache [ε:] für langes
geschriebenes ä als Norm gilt, wird
dieser Laut in Österreich meist geschlossen, also [e:] gesprochen. Auch kurzes i, u
und ü sind geschlossen, und nicht [ɪ], [ʊ] und [ʏ]. In mit Vokal beginnenden Wörtern und Silben fehlt in
Österreich in der Regel der „harte Stimmeinsatz“ [ʔ]. Außerdem wird in den auslautenden unbetonten Silben
mit -el, -en, -em das e nicht als [ə] gesprochen, sondern
fällt meist weg, z.B. Hebel [´he:bl],
kühlen [´ky:ln]. Wörter wie Husten,
Erde, Wert usw. werden mit Kurzvokal gesprochen, oft weicht die Betonung
ab, z.B. Kaffée, Mathemátik, Platín, Ánis, ábsichtlich, nótwendig (und
nicht Káffee, Mathematík, Plátin, Anís, absíchtlich, notwéndig neben ábsichtlich, nótwendig)
usw. Typisch für die österreichische Aussprache ist die im Süddeutschen
allgemein übliche Aufgabe der Stimmhaftigkeitskorrelation zugunsten der
Opposition Lenis ‘Lindlaut’:
Fortis ‘Starklaut’. Dies
betrifft die Phoneme /p/, /t/, /k/, /z/ und /b/, /d/, /g/, /s/; /p/ usw. wird
als Fortisplosiv, /b/ usw. als Lenisplosiv (ohne Stimmton) gesprochen. /z/
klingt im Anlaut immer [s], intervokalisch unterscheidet es sich von ss bzw. ß dadurch, dass diese beiden als Fortis-s („stark“) ausgesprochen werden; daher heißt der
Buchstabe ß in der österreichischen
(und bayerischen) Schulsprache „scharfes s“ (und nicht SZ
„Eszett“ wie meist in Deutschland). Die phonologische Opposition an
sich bleibt also erhalten. Die Buchstabennamen für J und Q lauten in
Österreich meist [je:] und [kwe:]; [jot] und [ku:] gelten als gehoben.
Aus der Grammatik sei erwähnt, dass in der täglichen Umgangssprache –
wie auch sonst im Süddeutschen – das Präteritum vermieden und durch das
Perfekt ersetzt wird. Dies führt oft dazu, dass dann in der geschriebenen
Sprache das Präteritum statt des zu erwartenden Perfekts steht (auch bei abgeschlossener
Handlung), weil das Präteritum als typisch für die gehobene Sprache empfunden
wird – im Gegensatz zum „gewöhnlichen“ Perfekt. Wie im
Süddeutschen wird der Genitiv in der täglichen Umgangssprache wenig verwendet
und durch die Präposition von (z.B. die Freundin von meiner Tochter) oder
durch Possessivpronomen + Dativ (z.B. meinem Vater sein Haus ‘Vaters Haus’, meiner Mutter ihr Auto ‘das Auto
meiner Mutter’) ersetzt; in der geschriebenen Sprache folgt man freilich
den gemeindeutschen Regeln. Bis in die geschriebene Standardsprache reichen
aber Abweichungen beim Genus (z.B. das
Eck statt die Ecke, der Spitz statt die Spitze, der Akt statt
die Akte, der Gehalt statt das Gehalt)
und in der Pluralbildung (z.B. Kästen,
Wägen, Pölster mit Umlaut, Hirschen
neben Hirsche, Risken statt Risiken).
Die Ziffern, Schulnoten sowie Bus- und Straßenbahnlinien heißen in Österreich
(wie auch in Bayern und der Schweiz) der
Zweier/Dreier usw. (und nicht die
Zwei/Drei). Auch ich bin
gelegen/gesessen (statt habe)
usw. gilt in Österreich als Standard.
Wie
schon erwähnt sind die „echten“ Austriazismen in der
Eigenstaatlichkeit Österreichs begründet. Diese ist viel älter als das erst
nach 1945 einsetzende österreichische Nationalbewusstsein, das heute sehr
ausgeprägt ist, bekennen sich doch heute mindestens 82 % der Österreicher zur Österreichischen
Nation und nur 7 % halten die Österreicher für keine
selbständige Nation. Dies aber widerspiegelt sich nur wenig im
Sprachverhalten des offiziellen Österreich, denn der österreichischen
Gesellschaft fehlt weitgehend das Bewusstsein, eine „nationale Varietät
des Deutschen“ zu sprechen, obwohl man sich politisch (und z.T. auch
ethnographisch) klar von Deutschland abgrenzt (diesem Verhalten kommt ja die
Legende eines einheitlichen österreichischen Deutsch, das an den Staatsgrenzen
endet, entgegen), richtet man sich vorwiegend nach dem (im Duden festgehaltenen) bundesdeutschen
Sprachgebrauch. Daher ist der Stellenwert des österreichischen Deutsch im
Ausland eher gering (dazu s. Jutta RANSMAYR).
Bei den
Verhandlungen zwischen Österreich und der EU wurde auf sprachliche
Besonderheiten Österreichs zunächst Rücksicht genommen. Insbesondere
österreichische Produktbezeichnungen (in der Regel Lebensmittel) sollten
bundesdeutschen gegenüber gleichberechtigt sein. Diese sind im „Protokoll
Nr. 10 über die Verwendung spezifischer österreichischer Ausdrücke der
deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Union“ aufgelistet. Dieses
Protokoll wurde in der Tagespresse als „nationale Großtat“
bejubelt, in Wirklichkeit haben jedoch nur 23 (sic!) Austriazismen
Berücksichtigung gefunden, und zwar:
Beiried / Roastbeef; Eierschwammerl / Pfifferlinge; Erdäpfel / Kartoffeln;
Faschiertes / Hackfleisch; Fisolen / Grüne Bohnen; Grammeln / Grieben; Hüferl /
Hüfte; Karfiol / Blumenkohl; Kohlsprossen / Rosenkohl; Kren / Meerrettich;
Lungenbraten / Filet; Marillen / Aprikosen; Melanzani / Auberginen; Nuss /
Kugel; Obers / Sahne; Paradeiser / Tomaten; Powidl / Pflaumenmus; Ribisel / Johannisbeeren;
Rostbraten / Hochrippe; Schlögel / Keule; Topfen / Quark; Vogerlsalat /
Feldsalat; Weichseln / Sauerkirschen.
Diese
Liste ist weder patriotisch noch sonst wie verdienstvoll und darüber hinaus aus
sprachwissenschaftlicher Sicht ungenau (s. die
Tabelle unter: http://members.chello.at/heinz.pohl/EU-Liste.htm) − sie ist eben eine typisch österreichische Lösung. Je größer die
Anzahl der Austriazismen gewesen wäre, desto mehr wäre das österreichische
Deutsch aufgewertet worden (und das Süddeutsche ganz allgemein gestärkt worden −
auch in Bayern!) Gerade im Hinblick auf die Regionen in der EU hätte die
Vielfalt der regionalen Alltagskultur ihren sprachlichen Reflex finden sollen.
Wenn es
auch eindeutig und klar zu definierende Austriazismen gibt, sie
reichen nicht aus, um eine in Österreich mehr oder weniger einheitliche und von
Deutschland abgrenzbare Varietät des Deutschen für Österreich zu
festzuschreiben (s.o.). Auch das österreichische Sprachverhalten entspricht
kaum einem „nationalen“. Die Definition des Begriffes
„Austriazismus“ ist darüber hinaus schwierig zu definieren, denn
Speisen wie Apfelstrudel, Vanillekipferl und Germknödel sind
zwar österreichischer Provenienz, aber die einzigen (gemein-) deutschen
Bezeichnungen für diese Gerichte (auch das Hamburger Labskaus − ein
traditionelles Seemannsgericht − ist zwar norddeutsch, aber es
gibt kein anderes Wort dafür, auch für die schwäbischen Spätzle nicht). Es betreffen zwar die für Österreich typischen
Ausdrücke alle Lebensbereiche, häufen sich aber auf dem Gebiet der Verwaltung
und Gastronomie. Daher möchte ich mit der lapidaren Feststellung schließen: es
gibt sehr wohl eine österreichische „nationale Varietät“ des
Deutschen, sie ist aber gleichzeitig eine durch die Eigenstaatlichkeit
Österreichs bedingte süddeutsche Varietät, „national“ in der
Hinsicht, dass die staatlich-kulturellen Rahmenbedingungen das Festhalten am
süddeutschen Sprachgut fördern, aber „nicht national“ hinsichtlich
des Sprachverhaltens weiter Teile der österreichischen Gesellschaft.
Diese Beobachtungen zeigen, dass das Verhältnis zwischen dem Deutschen in
Österreich und in Deutschland (einschließlich des Freistaates Bayern) ein sehr
verwickeltes ist. Die innerstaatlich verlaufende Kommunikation, bedingt durch
die Eigenstaatlichkeit (spätestens seit 1866/71, aber realiter seit dem 18.
Jhdt.) ließ einerseits die „staatsräumlichen Austriazismen“ der
Amts- und Verwaltungs- bzw. Küchen- und Mediensprache entstehen und lieferte
andererseits den Rahmen dazu, dass süddeutsche und bairische Besonderheiten in
unserem Lande ihre Position gegenüber binnen- und bundesdeutschen Varianten
besser behaupten konnten als etwa im Freistaat Bayern. Dazu kommt die Randlage
Österreichs im Süden des deutschen Sprachgebietes und Randgebiete sind
bekanntlich konservativer als Binnenräume. Entscheidend war für Österreich die
Einbindung in die einheitliche gesamtdeutsche Standardsprache seit dem 18.
Jhdt., die einerseits die areale Gliederung des pluriarealen deutschen
Sprachgebietes reflektiert, in Österreich im kleinen, in Deutschland im großen,
andererseits die deutschen Großdialekte überdacht und damit die Kommunikation
sicherstellt. Die plurizentrische Gliederung des deutschen
Sprachgebietes ist sekundär sowie historisch jünger und reflektiert die
neuzeitliche politische Entwicklung, hat aber bisher keine einheitlichen
Sprachräume nach den Staatsgrenzen schaffen können, zumindest nicht auf der
Ebene der Alltagssprache. − Inwieweit das österreichische Deutsch seine
spezifischen Besonderheiten bewahren wird und dort, wo es eigene Ausdrücke
besitzt, dem Einfluss aus dem Norden über die Massenmedien und die Wirtschaft
widerstehen kann, hängt vom Sprachwollen der österreichischen
Bevölkerung ab. Es gilt daher ein ausreichendes Bewusstsein über die Eigenarten
der österreichischen Varietät der deutschen Standardsprache zu schaffen. Ein
ausgeprägtes österreichisches Nationalbewusstsein ist offensichtlich zu wenig,
wie die neuere Entwicklung zeigt. Den eigenstaatlich geprägten Österreicher
formte nämlich seine Alltagskultur, die wiederum auf die Sprache zurückwirkt
und in dieser Wechselbeziehung drückt sich das eigentliche Österreichertum im
Rahmen des deutschen Sprachraumes unter zahlreichen Einflüssen aus der
vielsprachigen alpinen, mittel- bzw. südosteuropäischen Region aus. Daher sollte die österreichische Identität
sprachlich in einem zwanglosen Gebrauch der süddeutschen Standardvarietät
einschließlich des zum Standard gehörenden spezifisch österreichischen
Wortschatzes aus Amt und Alltagskultur zum Ausdruck kommen.
Es steht also um die
österreichische Varietät des Deutschen nicht zum besten, da –
hauptsächlich bedingt durch die Massenmedien wie Rundfunk und Fernsehen –
immer mehr der eher nördlich geprägte Sprachgebrauch (oft in Form des
Substandards) auch in Österreich Platz greift. Dazu siehe u.a. Robert
SEDLACZEKs Artikel http://www.weltbund.at/pdf/rwr022009.pdf (unter dem Titel „Mit Sahne
schmeckt es lecker! Das österreichische Deutsch ist in arger Bedrängnis“ auf S. 10f.). Die Jugendsprache ist damit bereits
durchsetzt (z.B. lecker, poppen, reinziehen), viele in Österreich bisher übliche Wörter und
Ausdrucksweisen gehen verloren – das Material reicht für ein
„Kleines Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs“ (von Robert SEDLACZEK, s. http://www.unsere-sprache.at/index.html), nicht nur auf Grund des
bundesdeutschen Einflusses (wie z.B. Januar
statt ‘Jänner’ oder Tüte
statt ‘Stanitzel’), sondern auch des englischen (z.B. Flyer statt ‘Flugzettel bzw.
-blatt’ oder Ticket statt
‘(Eintritts-/Fahr-) Karte’). Damit wird man wohl leben müssen, denn
taugliche Rezepte dagegen gibt es nicht. Es sei denn, es gelingt die
Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die regionale Ausprägung ihrer Sprache
als bewahrenswertes Kulturgut zu betrachten ist und dass die typisch
österreichische Kultur eben nur mit einem entsprechenden österreichischen
Sprachgebrauch abgebildet und wiedergeben werden kann. Die Sprache des
Österreichers ist ein Teil des so genannten „immateriellen
Kulturerbes“ wie auch das Namengut. Wie die Flur- und Ortsnamen eine
Kulturlandschaft prägen, sind auch bestimmte sprachliche Erscheinungen in
Wortschatz und Grammatik ein unverwechselbares Merkmal der Bewohner dieser
Kulturlandschaft, die das österreichische Deutsch widerspiegelt. Nur eine
bewusste Pflege des österreichischen „immateriellen Kulturerbes“
stellt sein Über- und Weiterleben sicher. Mit anderen Worten: es liegt an uns
selbst, wie wir mit unserem Kulturgut „österreichisches Deutsch“
umgehen!
Das
österreichische Deutsch ist kein besseres und kein schlechteres, sondern
einfach ein in gewissen Bereichen anderes Deutsch; es ist kein
„liebenswürdigeres“, „weicheres“,
„runderes“ und auch kein „schlampigeres“ Deutsch −
dies sind oft zu hörende subjektive Einschätzungen. Es gibt auch nicht sehr
viele österreichische Wörter, die in Deutschland nicht verstanden werden,
sondern bestenfalls ein paar Dutzend, das meiste findet sich auch in den
anderen süddeutschen Regionen, v.a. in Bayern. Die österreichische Staatsgrenze
zu den anderen deutschsprachigen Regionen ist keine Sprach- oder Mundartgrenze,
sondern bloß eine politische, die sich nur auf sprachliche Erscheinungen des
öffentlichen Lebens beschränkt, also österreichisch Matura,
schweizerisch Matur gegenüber deutsch Abitur, deutsch und
österreichisch Führerschein gegenüber schweizerisch Führerausweis
usw. Sonst trinkt man seine Maß Bier in München wie in Salzburg und
sammelt Schwammerln in Bayern wie in Österreich.
© H.D. POHL (zuletzt
bearbeitet am 2.8.2011)
Siehe
auch: http://members.chello.at/heinz.pohl/Kueche1.htm
Zum
Beginn: http://members.chello.at/heinz.pohl/index.htm