DIE KÄRNTNER (UND ÖSTERREICHISCHEN) MUNDARTEN
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letzte Bearbeitung: 2.8.2011
(Karten unter http://www.uni-klu.ac.at/groups/spw/oenf/Mundarten_Karten.pdf
und hier: Kärnten, Österreich, Oberdeutsch,
Kärntner Slowenisch)
Einige interessante Links:
Wiener Mundart: http://www.echtwien.at/home
Österreichische Umgangssprache: http://www.unsere-sprache.at/index.html
1.Kärnten
Nähere Informationen liefern meine Arbeiten
Nr. 71, 202, 208, 211, 228, 253, 291 laut Schriftenverzeichnis.
Erschienen im Herbst 2007: Pohl,
Heinz-Dieter: Kleines Kärntner Wörterbuch. Klagenfurt, Heyn 2007.
2. Auflage, 191 S., 3
Karten; ISBN 978-3-7084-0243-7, € 10,50
Dieses kleine Wörterbuch ist eine verbesserte und erweiterte
Neuauflage meines vor 13 Jahren (1994) erschienenen „Kärntnerisch von A-Z“. Wie
bei diesem handelt es sich auch bei dem vorliegenden Buch um ein eher
populärwissenschaftliches Werk. Die Einleitung gibt einen kurzen Überblick über
alle in Österreich gesprochenen Dialekte und versucht dann die Eigenart der
südbairischen Kärntner Mundart vorzustellen, die am südlichen Rand des
deutschen Sprachgebietes gesprochen wird. Auch die engen sprachlichen
Beziehungen zum slowenischen Nachbarn fanden entsprechende Berücksichtigung.
Enthält über 3000 Wörter und einige Mundarttextproben.
Im Allgemeinen teilt man die Kärntner Mundarten in Ober-,
Mittel- und Unterkärntnerisch ein. Keine "echt" kärntnerische Mundart
wird im Lesachtal gesprochen – dieses gehört mundartkundlich eher zu Tirol;
ferner haben sich im Katschtal und im obersten Mölltal salzburgische und um den
Obdacher Sattel auch auf Kärntner Gebiet steirische Merkmale durchsetzen
können. Die Grenze zwischen der Ober- und Mittelkärntner Mundart verläuft etwa
von Ober-/Untervellach bei Hermagor im Gailtal nach Nordwesten über Stockenboi,
geht westlich an Spittal an der Drau vorbei und dann nordwestlich über das
Reißeck und die Hochalmspitze bis zur Landesgrenze. Zu Oberkärnten im
mundartkundlichen Sinn gehören also das obere Gailtal, das Mölltal und das
obere Drautal mit dem Lurnfeld. Mittelkärntnerisch wird im Liesertal, unterem
Gail- und Drautal sowie im Villacher und Klagenfurter Becken, in der
"Gegend", im Metnitz-, Gurk- und Glantal sowie auf dem Zoll- und
Krappfeld gesprochen; dem gleichen Mundarttyp gehört auch das heutige
gemischtsprachige (vormals mehrheitlich slowenische) Gebiet Unterkärntens an
(seit Anfang unseres Jahrhunderts nicht ganz zutreffend auch
"Südkärnten" genannt). In mundartlicher Hinsicht ist
"Unterkärnten" das Görtschitz- und Lavanttal. Keiner dieser drei
genannten Mundarträume ist in sich einheitlich, sondern in weitere kleinere
Einheiten untergliedert.
Siehe auch die Karte Kärnten bzw. Karte
1 sub http://wwwg.uni-klu.ac.at//spw/oenf/Mundarten_Karten.pdf.
Außer einer räumlichen ist auch eine soziologische
Unterteilung der Kärntner Mundart feststellbar: es gibt die allgemeine
landesübliche Verkehrssprache und die zwischen ihr und der eigentlichen
bäuerlichen Mundart stehende "Stadtsprache".
Oberkärntnerisch gliedert sich in die Mundarten des oberen, mittleren und
unteren Mölltales, des oberen Drautales, des Gailtales, des Gitschtales und des
Gebietes um den Weißensee. Geographisch gesehen gehört auch das Lesachtal dazu.
In lautlicher Hinsicht ist v.a. die Aussprache von st im Inlaut als št in
der westlichen Hälfte sowie ein heller Vokal in auslautenden Silben in Wörtern
wie sūne "Sonne", mīlech "Milch" oder hirbišt "Herbst" zu erwähnen.
Ferner ist charakteristisch die Aussprache des r, einst fast im ganzen Bezirk Spittal im Anlaut mit h-Einsatz (z.B. Ross [hrous] oder Bergname Hruckenkopf,
schriftsprachlich "Rücken" enthaltend); einst muss diese Aussprache
in fast ganz Kärnten verbreitet gewesen sein, denn die sekundär entstandene
Lautfolge gr- (< ge-r...) wird allgemein zu khr-, z.B. khret "geredet", oder in Ortsnamen wie Kreut usw. "Gereute".
Stark gerollt wird das r u.a. im Gailtal; das Gitschtal hat ein (dem englischen r ähnliches) kakuminales r. In weiten Gebieten wird o vor r wie å gesprochen (z.B.
dårf "Dorf"). Typisch die
Hebung von ea und oa vor Nasalen zu iə und uə (giən
"gehen" gegenüber gean in
Mittelkärnten, luən "Lohn" gegenüber loan in Mittelkärnten). Örtlich (v.a. im Mölltal) palatale
Aussprache der Vokale (z.B. röükh
"Rock", häüs
"Haus" usw.).
Mittelkärntnerisch umfasst den Kärntner Zentralraum und nimmt das größte
Gebiet ein. Man kann es in vier Gruppen unterteilen, und zwar in
Westmittelkärntnerisch (westlich von Sirnitz, Himmelberg und Treffen, mit
Spittal an der Drau und dem Liesertal), Übergangszone zum Oberkärntnerischen
hin; Nordmittelkärntnerisch (Gurk- und Metnitztal sowie Krappfeld und
Wimitz) mit dem Hauptmerkmal oa
(< mhd. ei) und sowie stark
gerolltem Zungen-r; Zentralmittelkärntnerisch
(im Bereich des Städtevierecks Klagenfurt – St. Veit an der Glan – Feldkirchen
– Villach) mit dem Hauptmerkmal ā
(< mhd. ei); Südmittelkärntnerisch
im unteren Gailtal, Rosen- und Jauntal einschließlich der deutschsprechenden
Kanaltaler). Letzterem fehlt der sonst zu beobachtende Unterschied zwischen städtischer
und bäuerlicher Sprachform; man kann es daher als einen Ableger der städtischen
Variante vom Zentralmittelkärntnerischen betrachten – mit einem höheren Anteil
slowenischer Einflüsse als im Kärntner Durchschnitt.
Durch das Wirken des Kärntners Mundartdichters Gerhard
Glawischnig und seine Bedeutung (zusammen mit Justinus Mulle) bei der
Entstehung des "Neuen Kärntner Liedes" ist der von ihm in seinen
Werken und Liedtexten verwendete Glantaler Dialekt zu einer Art "Kärntner
Koiné" geworden und genießt das bei weitem höchste Ansehen. Viele
Liedtexte aus anderen Gegenden Kärntens sind an diese Sprachform angeglichen
worden.
Unterkärntnerisch umfasst das Görtschitz- und Lavanttal; während das
Görtschitztal dem Nordmittelkärntnerischen recht nahe steht, erinnert die
Mundart des Lavanttales in vielem an weststeirische Mundarten. In der älteren
Mundart wird die Lautgruppe rn > dn, z.B. štǟdn
"Stern" (mit langem ä), khǡdn (mit langem å) "Korn" oder Vokal +
r zu silbischem r, z.B. khrchn
"Kirche", wrbm "Wurm";
da in anderen Gegenden Kärntens (v.a. im Zentralraum) vor r ein ə gesprochen wird (khiərchn, wuərm), ergeben sich hier deutliche und hörbare Unterschiede.
Ganz Kärnten gehört – zusammen mit dem größten Teil von
Tirol, dem Salzburger Lungau und den angrenzenden steirischen Gebieten (v.a.
die Bezirke Murau, Judenburg, Voitsberg und Deutschlandsberg) dem südbairischen
Dialektareal an. Dieses Gebiet gehört zu den altertümlichen bairischen
Mundarten, deren Altertümlichkeit nur durch die vorgelagerten Sprachinselmundarten
(siehe Sprachinseln, z.B.
in Italien Pladen/Sappada, Friaul, in Slowenien Zarz/Sorica [erloschen],
Gottschee [durch Aussiedlung erloschen; die Gottscheer, deren Gebiet Hitler
Italien zugesprochen hatte, wurden 1941 ausgesiedelt und in anderen Gebieten,
v.a. der Südsteiermark, wieder angesiedelt; nach Kriegsende konnten sie nicht
mehr zurückkehren, sondern mussten fliehen]) übertroffen wird. Dementsprechend
finden wir sehr viele südbairische Merkmale in den Kärntner Mundarten:
was Kärnten mit Tirol verbindet, aber deutlich von den mittelbairischen
Mundarten abhebt, ist das Bewahren der Vorsilbe ge- im Mittelwort der Vergangenheit (PPP) vor allen
Verschlusslauten: es heißt er håt
gepētet / getrībm / gekhocht (gegenüber mittelbair. er håt pēt / trībm / kocht).
Die Aussprache des e in ge- ist schwankend, z.T. gehoben, also
etwa [gi-] gesprochen, z.T. ist die
Aussprache offener, etwa [gε-],
oder leicht reduziert, etwa [gə-]. Mitunter fehlt das Präfix auch im Südbairischen, z.B. in
"kommen", vgl. er is
tswēgŋ khem "er ist des Weges gekommen", doch dies ist
keine Ausnahme, sondern ein Archaismus. Weiters bleibt der Selbstlaut im
Artikel die immer erhalten, es heißt
im Südbairischen immer de oder di Khia "die Kühe", de oder di Muater "die Mutter", nie (wie in anderen bairischen
Gebieten) d' Kia bzw. d' Muater. Auch das
"affrizierte" k [also
Verschlusslaut + entsprechender Reibelaut (wie pf und z [ts])], von mir geschrieben kh, genauer [kch], gehört hierher; im Südbairischen wurde jedes alte k affriziert, im Gegensatz zum Mittel-
und Nordbairischen sowie zur deutschen Hochsprache. Wir haben also Aussprachen
wie khem "gekommen", Khua "Kuh", khōchn "kochen" usw. Ein
weiters südbairisches Merkmal ist die Verkleinerungsform -le, in der Flexion -len
(so meist in Oberkärnten) bzw. -lan
(in Unterkärnten, z.T. auch im Lesach-, Gail- und Gitschtal), z.B. Diandle bzw. Deandle "Mädchen", Fēgele
bzw. Fōgəle "Vöglein" (Pl. -len bzw. -lan).
Ein konservativer Zug des Südbairischen ist auch das
Unterbleiben der Nasalierung und der r-
und l-Vokalisierung. Ein
mittelbairisches šẽ
"schön", i wui oder wǖ (mit langem ü) "ich will" und wiat "Wirt" lautet im
Südbairischen šean, i wil und wirt. Allerdings muss festgestellt werden, das die r- und l-Vokalisierung nach Wiener Vorbild immer mehr um sich greift; auch
die Rundung von e und i vor l ist zumindest in den Städten heute recht allgemein (z.B. göld "Geld", štül "still").
Mittelbairische Formen wie kafa
"kaufen" oder kema
"kommen" sind aber im Süden bis heute nicht üblich, es heißt nur khāfn und khem(an). Manches spricht dafür, dass nasalierte Formen früher in
weiten Teilen Kärntens üblich waren, wie bestimmte Restformen zeigen, wie z.B. ādlə "Großmutter" < Ahnlein (woraus andl im
Mittelbairischen). Aus dem Gebiet des Millstätter Sees sind auch Relikte wie hādl "Hähnlein" und khoas "keines" bekannt.
Weitere Besonderheiten: In der Formenlehre haben wir südbairisch dēs "ihr" (statt
mittelbairisch ess) sowie die Endung
der 2. Person Mehrzahl des Zeitwortes auf -ts
(wie auch in den anderen bairischen Mundarten), z.B. dēs khemts / khemps
"ihr kommt", entstanden aus der Verbindung der Endung -(e)t mit dem nachgestellten Pronomen ess (< mhd. ëʒ). In manchen bairischen Mundarten wiederholt sich dies
bei der 1. Person Mehrzahl, in Österreich nur in Kärnten (der größere Teil von
Oberkärnten, v.a. Lesach- und oberes/mittleres Mölltal ist ausgenommen): mir ēsmə "wir essen" (< {essen + wir}), allerdings
in Unterkärnten (und nur dort) auch im Nebensatz und Fragesatz möglich, z.B. iatsən weamə ēsn wås mə gekhaft hǡmə "jetzt werden wir essen was wir gekauft
haben", ēsmə mir ane fīš ? "essen wir Fische?". eŋkh (mhd. ënk) für
"euch" ist in den bäuerlichen Mundarten noch verbreitet, doch sein
Gebrauch ist heute stark rückläufig. Auffallend sind ferner die hybriden
Bildungen wie šrainan
"schreien" (neben šrain), flǡšnan
"Flaschen" und puəman "Buben, Knaben" (neben flǡšn und puəm) und geghεərt
"gehört" (PPP, ziemlich allgemein), also mit Verdoppelung der Endung
({schreien + en}, {flaschen + en} und {ge + gehört}).
Wie auch in den anderen bairischen Mundarten spielt der
unbestimmte Artikel ein auch die
Rolle des Teilungsartikels, also i hǡb an huŋger und an duršt "ich habe Hunger und Durst", i trinkh gern a pīr "ich
trinke gerne Bier". Doch auch in der Mehrzahl ist der Gebrauch des
unbestimmten Artikels allgemein, z.B. hōl
ane epfl aus də špais "hole
Äpfel aus der Speis (Vorratskammer)", dås
sant då ane peasn waiber ! "das sind doch böse (zänkische)
Weiber!".
Ziemlich allgemein ist im Bairischen der
"Einheitsplural", d.h., es gibt beim Hauptwort nur mehr eine einzige
Kasusform, z.B. di oder de khinder "die/den
Kinder(n)"; im 3. Fall Mehrzahl (auch im 3. Fall Einzahl bei den
weiblichen Hauptwörtern) gibt es einen präpositionalen Dativ, z.B. gib dås in di khinder bzw. in də muater "gib das
den Kindern bzw. der Mutter" (in der Mehrzahl auch gib dås de khinder, in der Einzahl [heute meist] gib dås də muater). Ob dieser
präpositionale 3. Fall auch bei den männlichen und sächlichen Hauptwörtern
anzunehmen ist, bleibt aus Sicht der heutigen Sprache unklar, da sowohl der
Artikel "dem/den" als auch "in dem/in den" zu mundartlich in (oder ən) geworden
ist, z.B. in mǡn "dem/den Mann" und in pεrg "im/in den Wald".
Die Vorsilben er-
und zusammen- heißen auch in Kärnten
der- (meist [də-]) und tsåm-
und haben ein breiteren Anwendungsbereich als in der Schriftsprache, z.B. derpåkhŋ "zu etwas fähig
sein, vollbringen (wörtlich: erpacken)" oder tsåmpåkhŋ "zusammenpacken (auch übertragen)". –
Einige bemerkenswerte Partizipia der Vergangenheit: geprent "gebrannt (transitiv)", geprūnan "gebrannt (intransitiv)", gšnībm "geschneit", gwaicht oder gwīchn "geweiht", (tsåm)khrōchn "(zusammen)gerecht (mit dem Rechen)".
Ein besonderes Merkmal ist die sogenannte Kärntner
Dehnung, diese den Klang (das "phonologische System") der
Kärntner Mundarten nachhaltig geprägt hat. Sie ist aus einer Umwandlung der
mittelhochdeutschen Gruppen kurzer Selbstlaut + verdoppelter Reibelaut
in langer Vokal + einfacher Reibelaut hervorgegangen; später folgten
auch die Gruppen mit t. Beispiele:
mhd. hoffen, macchen, gewisse, waʒʒer, fischen >
kärntnerisch hōfn
"hoffen", mǡchn "machen", gwīs
"gewiss", wǡser "Wasser", fīšn
"fischen". Eine Folge dieser Entwicklung besteht darin, dass Wörter
wie offen und Ofen, Wiese und wissen gleich lauten, nämlich [ōfn] und [wīsn]. Später folgte auch t,
daher heißt "Mitte" heute [mītn].
Vor Mitlautgruppen tritt die Kärntner Dehnung nicht ein, es heißt zwar ēsn "essen", aber dēs ests "ihr esst",
daher das Schwanken von Lang- und Kurzvokal in offenen und (primär)
geschlossenen Silben, z.B. "ich gebe/esse" i gīb / īs, aber "er gibt/isst" er gip (< gipt) / ist. Lautgeschichtlich
ist die "Kärntner Dehnung" eine Ersatzdehnung unter den Bedingungen
des slowenisch-deutschen Sprachkontaktes (siehe Slowenisches).
Weiteres aus der Lautlehre: Im Wortauslaut werden die Gruppen Verschlusslaut
+ -t vereinfacht, z.B. er såk <
er sagt, ghåp < gehabt, nach
Dental schwankt der Gebrauch, es heißt u.a. nur er ret < er redet, khret
< geredet, aber er tritet
"er tritt", selten trit
(dazu 2. Person tritest, aber retst). Nach stdt. (c)k bleibt -t stets
erhalten, z.B. er håkht < er hackt,
ghåkht < gehackt, weil dieses ja
zur Affrikate wurde. Ähnlich wird auch -ts
> -s vereinfacht (z.B. dēs
geps, s.o.). Auch die aus mittelhochdeutsch -ent entstandene Endung -nt
(3. Person Mehrzahl) wird assimiliert, so heißt es meist si gēbmp/sǡgŋk "sie
geben/sagen". Eigenartige und vielfältige Formen hat sie tun entwickelt: se teamp, toamp, schwachtonig tåmp,
daneben auch tuamp (aus der älteren
Stadtsprache); diese Formen sind von "haben" beeinflusst (se håmp < alt habent). Daneben kommen auch die älteren Formen wie tuant, tiant vor, z.T. (v.a. heute stadtmundartlich) unter Wegfall von -t.
Zum Wortschatz (siehe Bairische Kennwörter): Im Bereich des
Wortschatzes sind die beiden Wörtchen a
(Fragepartikel, z.B. a khimpst hai(n)t
tsu uns ? "kommst du heute zu uns?") und lai "nur" zu erwähnen, letzteres ergibt zusammen mit lǡsn die typisch
kärntnerische Redewendung lai lǡsn "nur lassen" (im Sinne von "sich nur
nicht anstrengen" bzw. "nur nicht aufregen"), worin zwei
Kärntner Eigentümlichkeiten vereint sind: das (v.a. auch in Ost- und Südtirol
sehr beliebte) lai und die (bis ins
steirische Murtal reichende) "Kärntner Dehnung". Einige weitere
Wörter: Strankerl "Fisole,
grüne Schnittbohne", zwillen
"jammern, klagen (v.a. von Kleinkindern)" (aus dem Slowenischen), tschentschen "nörgeln,
jammern", Granten
"Preiselbeere", (aus dem Romanischen), Reinling "Art Gugelhupf" (in der Reine ohne Loch in der
Mitte aus eingerolltem und mit Zimt und Rosinen gefüllt [auch andere Füllungen
sind üblich: Mohn, Nuss, Apfel]), Fischl
"Lungenbraten, Filet", Schwarzbeere
"Heidelbeere", Rotbeere [roapə] "Erdbeere", Füchsling "Eierschwammerl, Pfifferling" usw.
2. Die österreichischen Mundarten
Vorbemerkung: Hier können im Überblick nur einige
bekanntere Merkmale stark vereinfacht dargestellt werden. Genauere Angaben
bieten u.a. M. Hornung - F. Roitinger, Unsere Mundarten (Wien 1950,
überarbeitete Neuauflage, bearbeitet von G. Zeillinger, Wien, öbv&hpt 2000)
und (fürs gesamtdeutsche Sprachgebiet) W. König, dtv-Atlas zur deutschen
Sprache (dtv 3025, 11. Auflage 1996).
Auf dem gesamten österreichischen Bundesgebiet werden
oberdeutsche Mundarten gesprochen. Einem sehr großen bairischen Gebiet steht
ein recht kleines alemannisches Gebiet gegenüber: Vorarlberg und Teile von
Tirol (Lechtal).
2.1. Bairisch (-Österreichisch)
Der bairische Anteil gliedert sich in drei von West nach
Ost verlaufenden Streifen, Mittelbairisch (Nieder- und Oberösterreich samt der Bundeshauptstadt
Wien) und Südbairisch (Tirol und Kärnten samt Salzburger Lungau und Teilen der
Steiermark) und mit einem dazwischen liegenden Übergangsgebiet (nordöstliches
Tirol, Salzburg, Steiermark und Burgenland); siehe dazu
die Karte Österreich
bzw. die Karte 2 sub http://wwwg.uni-klu.ac.at//spw/oenf/Mundarten_Karten.pdf.
Gemeinbairische Erscheinungen in Österreich sind z.B. die
Verdumpfung von a > å (z.B. dåg bzw. tåg "Tag"), das Bewahren der mittelhochdeutschen
Dipththonge ie uo üe (mhd. liep, bruoder, brüeder > bair. liab, bruada, briada "lieb,
Bruder, Brüder"; statt ua haben
wir teilweise auch ui, "ui-Mundarten", nördliches Niederösterreich
und ganzes Burgenland, bis in die Oststeiermark reichend, z.B. bluid "Blut" < mhd. bluot), die Entwicklung von sekundärem ä zu a, z.B. glasl
"Gläschen" oder i war
"ich wäre", ferner ǖ (über
oi) > ai (z.B. haisa
"Häuser", mais
"Mäuse").
Allgemein verbreitet sind auch die sogenannten bairischen
Kennwörter, z.B. Er(ge)tag
"Dienstag", Pfinz-/Pfingstag
"Donnerstag", Fasching, Kirchtag, Maut, ēß
(südbairisch dēs [v.a. in
Kärnten und der Weststeiermark, sonst nur vereinzelt]) "ihr", enk "euch", aper "schneefrei", Bussel usw. "Kuss", Kuchel "Küche" u.v.a. mehr,
z.T. nur mehr in alten bäuerlichen Mundart (siehe Kennwörter).
Merkmale des Mittelbairischen sind u.a.:
1.
Abschwächung von p t k
("Starklaute") zu (den stimmlosen "Schwachlauten") b d g (vor l n r) bzw. gh (vor
Selbstlauten), also Pech, Tag (Dach), Knecht, Kuh klingt etwa wie bech, dåg (Anlaut wie dåch), gnecht, ghua; inlautend werden die alten Doppellaute geschwächt (z.B. supm "Suppe", hitn "Hütte"), die
Schwachlaute zu Reibelauten (z.B. wewa
"Weber") oder schwinden überhaupt (z.B. pua "Bub", re’n
"reden", nå’l
"Nadel" mit silbischen n
und l);
2. weit
verbreitet ist die l- und r-Vokalisierung, z.B. håjs "Hals" oder i wǖ (mit langem ü) "ich will" bzw. fåda / muada "Vater / Mutter";
3. langes mittelhochdeutsches e und o bleiben meist erhalten (glē
"Klee", brōd
"Brot", teilweise diphthongiert broud,
gegenüber südbairisch kchleə "Klee" und roət
"rot");
4. die
Vorsilbe ge- wird zu g- verkürzt (z.B. gsunga "gesungen") und schwindet vor Verschlusslauten
überhaupt (z.B. trunga
"getrunken").
Das Südbairische ist beharrlicher:
1. Stark und Schwachlaute werden unterschieden
(ausgenommen einheitliches p- im
Anlaut), also z.B. dåch neben tåg (s.o. 1); altes k ist lautverschoben zu kch, z.B. kchleə "Klee";
2. in
der älteren Mundart fehlt die r- und
l-Vokalisierung (es heißt håls und i wil bzw. wül, s.o. 2),
sie ist aber im Begriffe vorzudringen (v.a. in den Stadtmundarten);
3. s.o. 3;
4. die
Vorsilbe ge- bleibt immer als g- oder gə-/gi-/gε- erhalten (gsungan, gətrunkchn, s.o. 4);
5. auch auslautende Silben werden bewahrt, z.B.
Kärnten sune "Sonne", hirwišt / hirwəst
"Herbst", u.a. in Kals (Osttirol) pai tǡge "bei
Tag".
Einige Erscheinungen sind anders verteilt, so ergibt sich
eine West-/Ostschichtung nach der Aussprache des st im Wortin- und -auslaut, im
Westen sagt man herbešt
"Herbst" oder du pisch / pišt
"du bist" usw., im Osten nur -s-
(Wörter wie duašt "Durst"
sind eine scheinbare Ausnahme, das -rs-
meist wie -rsch- lautet, z.B. ferschn "Ferse"). Ähnlich
verhält es sich mit der Verallgemeinerung des -n in der Einzahl der schwachen weiblichen Hauptwörter, im Osten
heißt es etwa ålm / åjm (< alben) "Alpe, Bergweide" oder wīsn "Wiese", im Westen ålwe und wīse.
Beide Erscheinungen nehmen ein relativ kleines Gebiet ein, finden aber im
Alemannischen ihre Fortsetzung, wo dann weiter westlich auch das -e schwindet (alp, wīs).
Wiederum anders verteilt ist die Entwicklung von
mittelhochdeutsch ei; gemeinbairisch
ist oa (z.B. i woaß "ich weiß"), Wien und (der größere Teil von)
Kärnten haben langes a (also i wāß); letzteres kommt auch in
anderen Gegenden vor (z.B. im Pustertal) und breitet sich in letzter Zeit immer
mehr aus. Die Herkunft dieses (langen) a
ist nicht ganz klar, wahrscheinlich ist es durch Adelsgeschlechter und
deren Gefolge hierher verpflanzt worden (durch die Habsburger nach Wien, die
Sponheimer nach Kärnten).
Unterschiede gibt es auch im Wortschatz, der Osten und
Süden hat u.a. slawische Lehnworte, z.B. Jause,
Potitze, Golatsche / Kolatsche, Preiselbeere usw., nach romanischen
Vorbildern sagt man in Tirol Marende
statt Jause, in Tirol und Kärnten Grante statt Preiselbeere usw. Aber auch im deutschen Wortschatz gibt es
Unterschiede, z.B. Nachtmahl im
Osten und Süden gegenüber Nacht-
oder Abendessen im Westen oder,
anders verteilt, für Mädchen im Nordosten und im äußersten Westen Madl, dazwischen Dirndl (diandle usw.),
im Südwesten (v.a. Süd- und Osttirol bis in Kärntner Gailtal) Gitsche.
2.2. Alemannisch
Obwohl das Bundesland Vorarlberg recht klein ist, weist
es doch eine Fülle von verschienen Ortsmundarten auf. Auffallend ist vor allem
das Unterbleiben der Diphthongierung von mittelhochdeutschem ī, ǖ und ū, es heißt hier mīn "mein", nǖn "neun", hūs
"Haus", ebenso bleiben altes a
und ä (letzteres sehr offen
ausgesprochen) erhalten, also gartə "Garten", gärtli
"Gärtlein" (in Tirol gårtn
bzw. gartl). n schwindet meist im Auslaut (s.o.), aber auch vor Reibelauten im
Inlaut (z.B. wǖsche
"wünschen", sāft
"sanft"). Dazu kommt ein oft recht eigenartiger, meist mit der
Schweiz übereinstimmender Wortschatz, z.B. Ziestag
[zischtig] "Dienstag", die Fluh "Felsen", z.T. luege statt schauen sowie gsī für
"gewesen" (< ge-sīn).
3. Zum Bairischen (als deutscher Großdialekt)
Siehe Karte Oberdeutsch bzw. Karte 3 sub http://wwwg.uni-klu.ac.at//spw/oenf/Mundarten_Karten.pdf.
3.1.Was ist "Bairisch"?
Unter Bairisch mit -i- versteht man den bairischen Stamm und
die bairische Mundart, unter bayrisch mit -y-
die Zugehörigkeit zum Freistaat Bayern. Nur ein Teil davon – wenn auch der
größere – ist bairisch, fast ganz Österreich ist ebenso bairisch. Auf der Ebene
der bäuerlichen Volksmundarten wirkt sich die Staatsgrenze zwischen Bayern und
Österreich kaum aus, im Bereich der Amts-, Schul- und Verkehrssprache haben
sich durch die verschieden verlaufene staatliche Entwicklung einige
Unterschiede ergeben, z.B. das dunkle bayerische a (auch in Lehnwörtern, z.B. Bayern Bank mit einem nach å hin gefärbtem a, in Österreich wird das Geldinstitut mit reinem a gesprochen, hingegen lautet die
Sitzgelegenheit in beiden Ländern mundartlich Pånk) oder Brotzeit
gegenüber Jause, Fleischpflanzl gegenüber faschiertes Laiberl usw.
Der gesamtbairische
Dialektraum umfasst die bayerischen Regierungsbezirke Ober- und Niederbayern
und die Oberpfalz, vormals auch das Egerland, ferner einen Streifen von Ober-
und Mittelfranken, alle österreichischen Bundesländer außer Vorarlberg und das Tiroler
Lechtal sowie das zu Italien gehörende Südtirol. Er hat eine
West-Ost-Ausdehnung von etwa 500 km – vom Lech und Arlberg bis zum Neusiedler
See – und misst von Nord nach Süd an die 450 km – vom Fichtelgebirge bis zur
Salurner Klause in Südtirol. Das geschlossene bairische Dialektgebiet grenzt im
Norden und Westen an andere deutsche Dialektlandschaften – an das
Ostmitteldeutsche (Obersächsische), an das Ostfränkische und an das
Schwäbisch-Alemannische. Im Süden und Osten hingegen berührt es nicht-germanische Sprachen: das Rätoromanische,
Ladinische, Friaulische, Italienische, Slowenische, Magyarische (Ungarische),
Kroatische, Slowakische und Tschechische. Diese Ausdehnung des Bairischen deckt
sich mit dem Stammesgeblet der Baiern = Bajuwaren (aus Bai(w)ariōz). Es ist ein Gebiet, das flächenmäßig viermal so
groß ist wie die ganze Schweiz. Die geographische Reichweite des Bairischen
geht über die mancher europäischer Nationalsprachen, z. B. des Ungarischen oder
Finnischen, weit hinaus.
Einige wichtige Merkmale des
Bairischen:
Bearbeitet nach: Ludwig ZEHETNER, Das
bairische Dialektbuch (München 1985), insbes. S. 54-59; empfehlenswert weiters
vom gleichen Verfasser Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in
Altbayern (München 1997) sowie – zu Österreich – Maria HORNUNG - Franz
ROITINGER, Die österreichischen Mundarten. Eine Einführung (Wien 2000).
Hier kann keine kurzgefasste bairische
Grammatik vorgelegt werden, doch es sollen einige markante Kennzeichen der
bairischen Mundarten in Bayern und Österreich vorgestellt werden – was in
Lautlehre, Wortbildung, Wortschatz und Satzlehre als besonders eigentümlich zu
betrachten ist.
3.2. Lautlehre
3.21. Die vom Bairischen ausgegangene Diphthongierung
(Verzwielautung) der mittelhochdeutschen Langvokale ī, ū, ǖ zu ei, au, eu (äu) ist Bestandteil
der neuhochdeutschen Schriftsprache geworden, hingegen ist die entsprechende
Entwicklung von ō zu ou, oa oder eo (rout, roat, reot ‘rot’), von ā zu ou (Strouss ‘Straße’) und von ē, (lang-) ö zu äi oder ea (Schnäi oder Schnea bzw. bäis oder beas ‘Schnee,
böse’), wie sie in Teilen des Gebietes gilt, auf die Mundart beschränkt
geblieben. Das Gleiche trifft auch auf die Weiterentwicklung von
mittelhochdeutsch ei zu oa (bzw. åi) oder ā (hoaß/hāß, proat/prāt,
Goaß/Gāß, Loata/Lāta ‘heiß, breit, Geiß, Leiter’).
3.22. Ebenso ist es mit der Bewahrung der mittelhochdeutschen
Diphthonge ie, üe, uo als ia und ua (bzw. ui in
Randgebieten und Sprachinseln, „ui-Mundarten“),
z.B. liap, griaßn, Pruada (bzw. pruidr u.a. in Pladen/Sappada) ‘lieb,
grüßen, Bruder’. Hierin unterscheidet sich das Bairische deutlich vom
Ostfränkischen, das – ebenso wie die Hochsprache – einfache Langvokale kennt,
z. B. Brūda ‘Bruder’.
3.23. Eine bairische Kennlautung ist das „überhelle“ a für den mittelhochdeutschen
Sekundärumlaut ä, æ, wofür die Nachbarmundarten und die
Schriftsprache einen e-Laut haben. zāch, Schār, Rādi/Rattach, Māndl, Sackl, Antn ‘zäh, Schere, Rettich, Männlein,
kleiner Sack, Ente’.
3.24. Wie auch in anderen oberdeutschen Mundarten werden die
mittelhochdeutschen Vokale ö (œ), ü, iu (= ǖ), üe, öü entrundet und somit zu e, i,
ai, ia/äi. Daher entsprechen
einander schriftsprachlich rösten, böse, Zügel, neu, müde, Freude, Häuser und
bairisch restn, bēs/beas/bäis, Zīgl, nai(ch), miad/mäid, Fraid, Haisa.
3.25. Ähnlich wie andere binnendeutsche Dialekte ist das
Bairische durch eine weitgehende Konsonantenschwächung gekennzeichnet, die
weitgehend zur Aufhebung des Unterschiedes zwischen b, d, g und p, t, k (letzteres
v.a. vor Konsonanten) geführt hat (nicht im Südbairischen!), z.B.
mittelbairisch Pēda, Pâda, Wēda, Lēda, tringa, Schâ(d)n ‘Peter, Bader, Wetter, Leder; trinken; Schatten/Schaden’.
Eine Folge dieser Entwicklung, zusammen mit der Einsilberdehnung, ist der Umstand,
dass es im heutigen Mittelbairischen nur mehr zwei Silbentypen gibt: entweder Langvokal
+ schwacher Konsonant (Lenis) oder Kurzvokal + starker Konsonant
(Fortis), z. B. Drēg – dreke (Dreck, dreckig). Bei Reibelauten
führt die Schwächung zu Formen wie gwen
(gewesen) oder Pǡ (‘Bach’, im Gegensatz zum Plural Bach ‘Bäche’), sēne
‘solche(ne)’.
3.26. Das Mittelbairische ist gekennzeichnet durch die
„Vokalisierung“ des l, das nach
Vokalen zu i (oder e) wird bzw. mit vorangehendem e und i neue Lautungen entwickelt hat: viel wird zu vui / väi / vüü, Geld zu Göid / Gööd, Gabel zu Gǡwe usw.
Weiter verbreitet ist im Deutschen die
r-Vokaliserung (in den
beharrlicheren südbairischen Mundarten erst ansatzweise), z.B. Aussprachen wie Schnur [schnuə] oder Kern [keən].
3.3. Wort- und Formbildung: Ein Merkmal des Süddeutschen ist die
Verkleinerung durch mittelhochdeutsch -līn
zu -lein, was in den heutigen
Mundarten als -l, -əl (geschrieben
meist -erl), in l-vokalisierenden Mundarten als -ai oder -e, im
Südbarischen auch als -(ə)le erscheint.
Beispiele, z.B. Glasl ‘Gläschen’, Haserl / Hāsəle ‘Häschen’, Kaiwe ‘Kälbchen’
usw. – Ferner ist charakteristisch das Präfix der- statt er- (z.B. derschrecken, derschlågen, auch in Wörtern ohne Vorbild in der Schriftsprache,
z.B. dertreten ‘zu Tode treten’)
sowie das Suffix -ach für
Sammelbezeichnungen, sehr lebendig noch im Südbairischen (z.B. Kräutlach ‘Suppenkräuter’). Die zweite Person Mehrzahl des Zeitwortes
lautet im Bairischen auf -ts (d.i. -et + ēs).
3.4. Wortschatz: Einige besondere Wörter, darunter die so genannten
„Bairischen Kennwörter“, wie die persönlichen Fürwörter ēß (südbairisch dēs
[s.o.]), enk (‘ihr, euch’), weiters Er(ge)tag
(Irtig usw.) und Pfinztag / Pfingstag ‘Dienstag, Donnerstag’, oder aper ‘schneefrei’, Budel ‘Ladentisch’, Bussl, busseln ‘Kuss,
küssen’, Fasching ‘Karneval’, iterucken ‘wiederkäuen’, Kuchel ‘Küche’ u.v.a.
3.5. Zur Herkunft der Baiern und des
Namens Baiern
Hypothesen über die Herkunft der Baiern gibt es viele,
die wahrscheinlichste ist eine Stammesbildung aus verschiedenen Splittern vor
Ort (Ethnogenese), so lautet es im „Brockhaus“: germanischer Stamm,
hervorgegangen aus verschiedenen nach Bayern eingewanderten
Bevölkerungsgruppen. Zwischen 490 und 530 besetzten die Baiern die Gebiete
südlich der Donau; es folgte das Vordringen in die Alpentäler bis zur Etsch (1). Der bayerische Historiker J. Bosl spricht
genauer von einer Ethnogenese bzw. Stammesneubildung aus Keltoromanen, von
einem „keltoromanisch-römisch-germanischen Mischvolk“, das als „Folge
der Überlagerung durch die Franken, die eine Art führenden Kern bildeten, der
seine Sprache den Untertanen aufzwang“ zu einem Althochdeutsch sprechenden Stamm wurde (2). Der Kern dieser Keltoromanen waren die Boier
und es heißt in einer Quelle aus dem Jahre 624: Boiae, qui nunc Baioarii
vocantur „Bojer, die jetzt Bajuwaren genannt werden“. Deren Sprache ist
oberdeutsch und stand in althochdeutscher Zeit dem Alemannischen sehr nahe,
sodass W. Mayerthaler meinte, das germanische Element seien weniger die Franken
gewesen, vielmehr die Alemannen (3). Einiges
spricht auch für ostgermanische Einflüsse, so u.a. die bairischen Wochentage Ergetag
‘Dienstag’ und Pfinz- bzw. Pfingstag ‘Donnerstag’.
Ein bislang ungelöstes Problem ist die Herkunft des
Namens Baiern. Die traditionelle Deutung des Namens ist *Bai-warjoz
‘Männer aus *Baia (Boiohaemum = Böhmen)’. Ein lautliches
Problem bleibt bestehen, denn der Diphthong bereitet Schwierigkeiten: wenn *Baia-warjoz
< *Baiahaim-warjoz gekürzt ist, wäre wegen der Entwicklung des
Vorläufers lateinisch Boiohaemum > althochdeutsch Behaim
eher ein *Be-warjoz zu erwarten, aber auch ein *Bai-warjoz müsste
zu -e- führen – denn vor h und w tritt der Wandel
von -ai- > -e- ein (vgl. althochdeutsch lehē < germanisch *laih ‘lieh’, See
< germ. *saiwi, althochdeutsch seo). Wenn auch der
lateinisch-romanische Einfluss auf das Bairische und die bairischen Mundarten
deutlich erkennbar ist, erscheint dennoch die Herleitung des Namens der Baiern
aus romanisch Pago Ivaro ‘Salzachgau’ („Kronsteiner-Mayerthaler’sche
Hypothese“ (4)) aus lautgeschichtlichen,
morphologischen und sachlichen Gründen sehr bedenklich; soferne der Baiernname
überhaupt ein roman. pagus ‘Gau, Bezirk’ enthält (sicher ist dies
ja nicht), ist er jedenfalls mit germ. -warja- (vgl. lat. Baiuarii
(5)) gebildet. Es ist ja nicht auszuschließen,
dass jene Gegend, die in viele Gaue (Chiemgau, Mattiggau, Pongau
usw.) gegliedert war, rom. *Pagi geheißen hat, volkstümliche
bzw. regionale Aussprache etwa [pa(j)i] und so ins Germanische entlehnt wurde.
Zu einem Einwohnernamen *pa(j)iwarja- wäre es dann kein weiter Weg mehr.
Die traditionelle Deutung des Namens als ‘Männer aus Böhmen’ wäre dann durch
die ‘Männer aus den Gauen’ zu ersetzen – immerhin eine Möglichkeit. Ein
schwerwiegendes lautliches Problem bleibt bestehen: warum wurde nicht p
> pf verschoben? (ai > oa ist in rom.
Lehnwörtern möglich: magister > Moaster ‘Meister’, maior
(domus) > Moar ‘Meier’ in der Mundart, daher auch mundartlich
poarisch „bairisch“). Außerdem ist der Name im Latein. immer mit B-
geschrieben – sehr seltsam, wenn ein pagus zugrunde gelegt wird! Also:
die endgültige Erklärung des Namens muss offen bleiben.
Anmerkungen:
(1) © Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus
AG, 2004
(2) K.
Bosl, Bayerische Geschichte. München 1971, S. 23-24.
(3) W. Mayerthaler, Woher stammt der Name „Baiern“? In:
D. Messner (Hg.). Das Romanische in den Ostalpen. Österreichische Akademie der
Wissenschaften: Wien 1983, S. 65f.
(4) Vgl. die in ÖNf 26 (1998) Heft 3: 11f. zitierten Arbeiten
von O. Kronsteiner u. W. Mayerthaler aus den Jahren 1984/85, zuletzt dazu
Kronsteiner 1998: 87 – mit unsachlicher (und unnötiger) Kritik an Germanisten
und Historikern.
(5) gerade die Existenz dieses -warja- wird von O. Kronsteiner und W. Mayerthaler entschieden
abgelehnt und ins Reich der Mythen verbannt (obwohl deutsch -er in Herkunftsnamen [Bürger, Römer] auf dieses zurückgeht und von -er [wie in Lehrer,
Lehnsuffix aus lat. -arius] zu
trennen ist). Dieses germanische Wortbildungselement (latinisiert -varii) war sehr produktiv, auch mit
fremdem Sprachmaterial, z.B. Ripuarii
(zu lat. ripa) oder Raetobarii (zu Raetia, zu erwarten wäre *Raetuarii)
oder von Flussnamen Amsi-/Chasuarii ‘Ems-/ Haseanwohner’.
4. Die anderen Sprachen und
Mundarten (in Österreich)
Rund 1% der österreichischen Bevölkerung gehört den
autochthonen Minderheiten an. Wenn wir nach der Geschichte gehen, beginnen wir
mit den (Kärntner) Slowenen und enden mit den (Wiener) Tschechen. Zu den
einzelnen Sprachen Details unter Die Sprachen Europas.
Hinweis:
Genauere Angaben u.a. in Ch. Pan - B.S. Pfeil, Die Volksgruppen in Europa (Wien
2000, S. 125-127) sowie in Handbuch Kontaktlinguistik II/2 (Berlin-New York
1997, hg. v. H. Goebl u.a., Beiträge und Karten von H.D. Pohl und G.
Neweklowsky).
4.1. Die slowenischen Mundarten
Die österreichischen Slowenen gehören zu den historisch ältesten
Einwohnern Österreichs. Sie sind die Nachkommen der Alpenslawen, deren
kurzlebiges Fürstentum Karantanien die Keimzelle des späteren Herzogtum Kärnten
war. Ihre Spuren sind v.a. in den Ortsnamen erhalten, die meisten auf -itz und -ach endenden sind alpenslawisch-slowenischer Herkunft, auch die
häufigen Familiennamen aus -nig(g).
In Kärnten gibt es laut Volkszählung 1991 rund 15.000 Slowenen, die sich als
solche ausdrücklich bekennen; dazu kommt eine größere Zahl weiterer Menschen,
die teils Slowenisch als Muttersprache, teils als Zweitsprache haben, insgesamt
höchstens 40.000 (v.a. in der älteren Generation). Für die Steiermark werden
1695 Personen angegeben (v.a. im Grenzgebiet).
Die Kärntner Mundarten werden in vier Gruppen geteilt:
Gailtal (ins Kanaltal ausgreifend), Rosental (auch das Gebiet nördlich des
Wörthersees und der Umgebung von Klagenfurt umfassend), Jauntal (auch auf den
Südabhängen der Saualpe, sich nach Osten über die Staatsgrenze fortsetzend)
sowie das Gebiet der Gemeinde Eisenkappel-Vellach ("Obir- oder
Remschenig-Dialekt"). Dadurch, dass sich die Kärntner slowenischen
Dialekte erheblich von der slowenischen Schriftsprache unterscheiden (etwa wie
Schweizerdeutsch vom "Hochdeutschen"), kam die irrige Meinung auf,
die in Kärnten gesprochenen Mundarten seien gar nicht slowenisch, sondern
"Windisch".
4.2. Ungarisch
Ungarn leben verstreut im Burgenland, hauptsächlich in
den Bezirken Oberpullendorf und Oberwart. Deren Anzahl wird mit rund 10.000
angegeben, dazu kommen rund 9000 Personen, die in Wien leben.
4.3. Die kroatischen Mundarten
Die Burgenländer Kroaten sind die Nachkommen von
Flüchtlingen, die teils vor den Türken geflüchtet waren, teils von
kroatisch-ungarischen Magnaten, die auch in Kroatien Besitzungen hatten,
dorthin verpflanzt wurden. Das kroatische Siedlungsbebiet setzt sich nach Osten
in Ungarn und im Norden bis in Slowakei fort. Ihr Siedlungsgebiet sind meist
Sprachinseln; ihre Anzahl dürfte rund 30.000 Menschen betragen, zu denen noch
rund 10.000 in Wien lebende Burgenland-Kroaten kommen. Deren Mundarten gehören
größtenteils zu den so genannten čakavischen (in Westkroatien), im Süden
des Burgenlandes auch zu den štokavischen Dialekten. Das
Burgenländisch-Kroatische hat eine eigene Schriftsprache entwickelt, die sich von
der ehemaligen serbokroatischen in mancher Hinsicht unterscheidet.
4.4. Tschechisch und Slowakisch
Die Tschechen sind die Nachkommen von Zuwanderern aus den
Ländern der böhmischen Krone; ihre Zahl wird mit 9.800 Personen angegeben. Im
östlichen Marchfeld lebt noch eine kleine Anzahl von Slowaken, zusammen mit den
in Wien wohnenden dürften es rund 1000 Menschen sein.
4.5. Romanes
Die Sprache der Roma und Sinti (vormals
"Zigeuner") – zu den indoarischen Sprachen gehörend – wird von 5-10
Tausend Personen gesprochen. Die Vorfahren aller Roma (die am meisten
verbreitete Eigenbezeichnung) sind Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausend
in mehreren Wellen aus Nordwestindien abgewandert und gelangten teils über den
Bosporus, teils über die Straße von Gibraltar nach Europa, wo sie in allen
Ländern anzutreffen sind. Es ist erstaunlich, wie sehr sie trotz ihrer
Wanderungen in anderssprachiger Umgebung (aus der sie viele Lehnwörter
aufgenommen haben) ihre neuindische Sprache hinsichtlich ihrer Struktur und des
Grundwortschatzes bewahrt haben – Zeugnis eines hoch entwickelten
Zusammengehörigkeitsgefühls über die Staatsgrenzen hinweg.
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