3.Fallstudie

   

 

 

 
 
 
 
 
 
 

 

 
Die folgende Studie entstand während meiner Arbeit in der Rehab-Ambulanz. Die Shiatsu Behandlungen wurden vom Arzt verordnet. Selbstverständlich sind Name und persönliche Angaben geändert.
Helga Maier, 37 Jahre

 

Die Klientin war schon vor einigen Wochen zu einer Behandlungsserie bei mir in der Klinik und möchte nun auch privat kommen.

Sie ist Abteilungsleiterin in einer großen Firma, etwa 175cm groß, etwa 80 Kilogramm. Frau Maier wirkt sehr attraktiv und gepflegt, ist geschminkt, sehr freundlich und verbindlich. Sie ist geschmackvoll gekleidet und interessiert sich für Astrologie und Esoterik.

Sie ist sehr kommunikativ und neigt dazu, viel von sich zu erzählen.

Nun fühlt sie sich beruflich angespannt und gestresst, sie möchte sich mit einer Shiatsu- Serie etwas Gutes gönnen.

Auf meine Frage erklärt sie, nicht so gerne am Bauch zu liegen, die anderen Positionen kann sie ohne weiteres einnehmen. Des weiteren berichtet sie, dass  sie leicht blaue Flecken bekommt und ihr Bindegewebe recht empfindlich wäre.

Akut klagt sie über Verspannungen im Nacken und Rückenbereich.

Hara Diagnosen:

 

  1. Kyo:Di  Jitsu: H
  2. Kyo:Lu  Jitsu: H
  3. Kyo: Di  Jitsu:H
  4. Kyo: Mi  Jitsu: H
  5. Kyo: Lu  Jitsu:H

 

 

 

1. Behandlung:

 

Die Hara Diagnose ergibt:  Kyo=Dickdarm, Jitsu=Herz

Ich beginne am Brustkorb zu arbeiten, gehe nach der Armrotation und Lockerung des Schulterblattes auf den Herzmeridian über. Der Meridian fühlt sich nicht Jitsu an, das Gewebe ist sehr weich und tief.

Schon bei der Armrotation fällt mir auf, dass es für sie schwierig ist, loszulassen. Auch bei der Nackenbehandlung bemerke ich, dass sie sehr bemüht ist, mir die Sache zu erleichtern. Sie hebt den Kopf  mit eigener Kraft und dreht ihn in alle Richtungen, die ich vorgebe, mit. Ich beschließe, mit eher statischen Stellungen zu arbeiten, um es ihr zu erleichtern, sich zu entspannen.
In der Seitenlage lockere ich den Schulter- und Rückenbereich außerdem behandle ich Dickdarm am Arm und Dickdarm sowie Herz am Bein. Der Rücken ist extrem Jitsu, vor allem der Bereich zwischen den Schulterblättern. Beim Übergang auf die andere Seite mobilisiere ich den Beckenbereich und das Sacrum. Obwohl Frau Maier während der gesamten Behandlung nicht ganz loslassen kann, genießt sie die Stunde sehr und fühlt sich danach gelöster. Sie möchte in dieser Woche noch ein zweites Mal kommen.

 

2.Behandlung:

 

Frau Maier kommt emotional aufgewühlt und erzählt, dass sie am gleichen Tag von einer möglichen Krebserkrankung ihrer direkten Vorgesetzten erfahren hat, zu der sie auch privat ein freundschaftliches Verhältnis hat. Sie ist sehr betroffen von dieser Möglichkeit.

Auf die Frage nach etwaigen Reaktionen auf die vorangegangene Sitzung erwähnt sie, dass sie sich sehr frisch und wohl gefühlt hätte, und im ganzen Körper Muskelkater gespürt hätte. Sogar ihr übertriebener Appetit hätte sich nach dem Shiatsu verringert.  Außerdem berichtet sie über ein unangenehmes Gefühl im Sacralbereich seit der letzten Behandlung, worauf ich beschließe, diesmal dort weniger mobilisierend sondern eher stabilisierend zu arbeiten.

Die Hara Diagnose ergibt:  Kyo=Lunge, Jitsu=Herz

Ich beginne die Arbeit mit dem Lungenmeridian am Bein in Rückenlage, drehe Frau Maier dann auf die Seite und arbeite den Rest der Sitzung in Seitenlage. Der Rücken ist immer noch sehr verspannt, obwohl die Klientin bereits eine Verbesserung gegenüber der letzten Behandlung bemerkt.

 

3. Behandlung:

 

Auch diesmal ist Frau Maier eher traurig gestimmt. Sie erzählt, dass sich der Verdacht auf eine Krebserkrankung ihrer Vorgesetzten in der Zwischenzeit bewahrheitet hat. Das belastet sie sehr, zumal sie nun nach dem Ausfall ihrer Chefin noch größere berufliche Belastungen auf sich zukommen sieht.  Sie fühlt sich angespannt und berichtet über ein unangenehmes Spannungsgefühl im Hara. Positiv erwähnt sie, dass sich ihre Beine nach dem letzten Shiatsu so weich angefühlt hätten.

Diesmal ergibt die Hara Diagnose: Kyo= Dickdarm, Jitsu= Herz

Als ich anfangs am Brustkorb arbeite, beginnt sie zu weinen. Ich erkläre, dass es gut wäre, wenn sich Spannungen nun lösen würden und arbeite ruhig weiter. Im Laufe der Behandlung macht Frau Maier des öfteren tiefe Atemzüge und ich merke, dass sich die angesammelten Spannungen langsam auflösen. Der Rücken ist diesmal viel lockerer als bei den vorigen Sitzungen. Trotzdem gelingt es ihr noch nicht, gänzlich loszulassen und sich fallenzulassen.

 

4. Behandlung:

 

Frau Maier kommt besser gelaunt, und meint, dass ihr das Shiatsu sehr gut tut. Sie ernährt sich bewusster und versucht nun, ihren Kaffee-Konsum auf 3 Tassen täglich einzuschränken. Sie erwähnt wieder Spannungsgefühle  im Oberbauch, die nach der Shiatsu  Behandlung letztes Mal eine Zeitlang verschwunden waren. Ich schließe auf eine wiedergekehrte Qi Stagnation und empfehle ihr, unterstützend Pfefferminztee im Alltag zu trinken.

Die Hara- Diagnose ergibt diesmal: Kyo=Milz Jitsu=Herz

Ich behandle Herz an den Armen in Rückenlage, gehe dann in die Seitenlage. Becken und Beine behandle ich nur in Seitenlage. Diesmal kann die Klientin bei der Hüftrotation besser loslassen. Der Rückenbereich ist etwas weicher als bei den letzten Behandlungen, obwohl sie den Schultergürtel immer noch nicht loslassen kann.

Nach der Behandlung fühlt sie sich befreiter, erwähnt, dass sie ab nun nur noch einmal pro Woche kommen wird.

 

5. Behandlung:

 

Frau Maier ist recht gut aufgelegt und freut sich schon auf die Behandlung. Die Spannungsgefühle im Oberbauch sind erst vor einigen Tagen wieder zurückgekehrt.

Auch diesmal ist der Jitsu Meridian wieder Herz, Kyo =Lunge. Diesmal beginne ich die Behandlung mit Lungenmeridian an den Beinen, drehe sie dann zur Seite und behandle Herz und Lunge am Arm und den Schulter-Rückenbereich, dann auf der anderen Seite die gleiche Abfolge. Die Verspannungen im Rücken und Schulterbereich sind noch nicht ganz verschwunden. Während der Behandlung erwähnt Sie einmal , sie fühle sich jetzt so weich „wie Butter“.

 

Auffallend ist insgesamt, dass der Herzmeridian bei allen Sitzungen Jitsu war, während Kyo immer wieder gewechselt hat. Dies deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung der Klientin. Sie wirkte immer sehr offen, fast redselig und etwas unruhig. Das Herz-Jitsu erklärt auch die chronische Verspannung im Brustbereich, die von ventral bis dorsal bei jeder Behandlung spürbar war.

Oft haben sich während der Behandlung dieser Zonen Gefühle lösen können. Interessant fand ich auch die Differenzen zwischen der Eigenwahrnehmung der Klientin, die sich beim Shiatsu ganz entspannt erlebte, während ich sie eigentlich die ganze Zeit immer als ein bisschen „gehalten“ empfand.
Das wiederholte Lungen und Dickdarm Kyo weist einerseits auf ihre Schwierigkeiten loszulassen sowie auf ihre Trauer in der speziellen Situation der Erkrankung ihrer Chefin.